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Ein #KultBlick hinter Glas: Von Tiefenlichtern und vertieften Blicken

by Sabine Wieshuber

Das Archäologische Museum Hamburg hat mit Tanja Praske zur Blogparade #KultBlick aufgerufen und wir geben Diana Oesterle, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Museum Penzberg – Sammlung Campendonk, hierfür die Bühne der Museumsperlen für einen Gastbeitrag frei! Ihr Museum hat das Thema Hinterglasmalerei für sich entdeckt, erforscht und nun erneut ausgestellt. In unseren Augen drängte es sich förmlich dazu auf #KultBlick zu werden: 1. ist die Hinterglasmalerei in Vergessenheit geraten und von der Kunstgeschichte bisher kaum beachtet. 2. erlaubt die Technik zwar einen Durchblick auf Vorlagen, erfordert aber zugleich einen sehr komplexen künstlerischen Blick im „blinden“ Malprozess mit Bildaufbau vom Vordergrund in den Hintergrund. 3. können Betrachter von Hinterglasbildern in Tiefenlicht tauchen und Forscher neue Erkenntnisse heben!

Zwei Forschungsprojekte zur Hinterglasmalerei der Moderne am Museum Penzberg – Sammlung Campendonk

Was macht man als kleines Museum, wenn man zwar eine phantastische Sammlung mit Hinterglasbildern des Expressionisten Heinrich Campendonk (1889–1957) hat, aber noch so wenig über ihre Entstehung, Technik und Konservierung weiß? Man bewirbt sich um Forschungsgelder, die helfen, einen vertieften Blick auf die eigene Sammlung zu gewinnen und DIE Forschung zu betreiben, die zur Hinterglasmalerei der Moderne an den Universitäten leider bislang vernachlässigt wurde.

Magische Transparenz – Die Hinterglasbilder Heinrich Campendonks

Heinrich Campendonk als jüngstes Mitglied der Künstlergemeinschaft »Blauer Reiter« übte die Hinterglasmalerei in beeindruckender Vielfalt über eine Zeitspanne von mehr als 40 Jahren aus. In nachweislich 76 Bildern hatte er sich dem Faszinosum der rückseitigen Bemalung von Glas zugewandt und erprobte diese Technik über sämtliche Schaffensperioden, mit ersten Arbeiten um 1911 und letzten um 1950, in variantenreichen Ausführungen und mit technischer Raffinesse.

Ein #KultBlick hinter Glas: Von Tiefenlichtern und vertieften Blicken
Heinrich Campendonk, Stillleben mit Fischglas, Spielkarten und Vase, um 1927, Privatbesitz, VG Bild-Kunst Bonn, 2017.
Ein #KultBlick hinter Glas: Von Tiefenlichtern und vertieften Blicken
Heinrich Campendonk, Bäume, 1948, Museum Penzberg – Sammlung Campendonk, Dauerleihgabe, VG Bild-Kunst Bonn, 2017.

2014 ermöglichte die Ernst von Siemens-Kunststiftung dem Museum Penzberg – Sammlung Campendonk ein interdisziplinäres Forschungs- und Restaurierungsprojekt. Erstmals konnten die Hinterglasbilder Campendonks kunsthistorisch, maltechnisch und materialanalytisch untersucht bzw. ausgewählte Arbeiten konserviert/ restauriert werden. Alle bisher bekannten Hinterglasbilder wurden für ein spezielles Werkverzeichnis dokumentiert. Die Publikation erschien 2017 im Wienand Verlag und ist somit die erste zu Hinterglasbildern eines Blauen Reiters. Mit der Ausstellung „Magische Transparenz. Campendonk als Hinterglasmaler“ wurde das Hinterglasprojekt, an dem auch Simone Bretz, das Doerner Institut, München und die BAM Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung, Berlin beteiligt waren, abgeschlossen. Die umfangreiche Bebilderung des Werkverzeichnisses, mit Fotografien von den Vorder- und Rückseiten sowie Durchlichtaufnahmen, erlaubt einen tiefen Einblick in die Bilderwelt sowie die raffinierte Technik Heinrich Campendonks und seiner fast magisch wirkenden Hinterglasbilder.

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Simone Bretz während der Konservierung eines Hinterglasbildes. Museum Penzberg - Sammlung. Campendonk
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Heinrich Campendonk. Die Hinterglasbilder. Cover der Publikation, Museum Penzberg - Sammlung. Campendonk.

Hinterglasmalerei als Technik der Klassischen Moderne 1905 – 1955

Aus der Erkenntnis, dass es noch so wenige Erkenntnisse zur Hinterglasmalerei der Moderne gibt, setzt das Museum Penzberg – Sammlung Campendonk seit 2015 seine interdisziplinäre Forschungsarbeit fort. Im Rahmen des Förderprogramms „Forschung in Museen“ hat die VolkswagenStiftung dem Museum Penzberg ein dreijähriges Projekt über die „Hinterglasmalerei als Technik der Klassischen Moderne 1905-1955“ bewilligt.

Fein gearbeitete Hinterglasbilder früherer Jahrhunderte sind als Kunstkammerstücke oder dann im 19. Jahrhundert als volkstümliche Votivtafeln aus bäuerlichen Regionen vertraut. Doch Hinterglaswerke der Moderne sind als künstlerische Technik weitgehend unbekannt und kaum erforscht. Dabei wurden sie als nicht-akademische Anregung von vielen und gerade den namhaften Künstlern aufgenommen, um ihre besonderen Möglichkeiten auszuloten – vom frei spielerischen Experiment bis zur höchsten technischen Vollendung. Immer gilt es bei der Hinterglasmalerei die besondere Malweise, die sie so grundlegend von anderen Techniken unterscheidet, im Blick zu haben.
Auch gingen von dieser Technik wichtige Impulse für die Malerei des 20. Jahrhunderts aus: ein wichtiges Beispiel sind die Künstler des Blauen Reiter. Über sie verbreiteten sich diese Experimente in den Rheinischen Expressionismus oder ans Bauhaus nach Weimar. Kunsttechnologische Studien und materialanalytische Untersuchungen ermöglichen einen vertieften Blick in die Hinterglasmalerei der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

In einer ersten Studie – es wurden bislang über 200 nationale wie internationale Museen in einer Fragebogenaktion erfasst – konnten rund 90 Hinterglasmaler und über 1.000 identifizierbare, bekannte, teils auch verschollene Hinterglasbilder im Untersuchungszeitraum ausgemacht werden.

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Röntgenfluoreszenzanalyse zur Elementbestimmung. Foto: Museum Penzberg - Sammlung Campendonk.
Ein #KultBlick hinter Glas: Von Tiefenlichtern und vertieften Blicken
Hanns Lamers, Composition 1/53, 1953, Privatsammlung - Schauseite. Foto: Museum Penzberg - Sammlung Campendonk.
Ein #KultBlick hinter Glas: Von Tiefenlichtern und vertieften Blicken
Hanns Lamers, Composition 1/53, 1953, Privatsammlung - Malseite. Foto: Museum Penzberg - Sammlung Campendonk.

Tiefenlicht – Malerei hinter Glas von August Macke bis Gerhard Richter

Mit der Ausstellung „Tiefenlicht“, die ein erstes Zwischenergebnis des Forschungsprojektes präsentiert, zeigt das Museum Penzberg die erste umfassende Schau von Hinterglasbildern des 20. sowie 21. Jahrhunderts. Zu entdecken sind fragile Arbeiten von überraschender Strahlkraft, die sich stilistisch weit von der traditionellen Hinterglasmalerei entfernt haben. Künstler der Moderne wie August Macke, Max Ernst, Walter Dexel, Oskar Schlemmer und Ida Kerkovius waren fasziniert vom Malen auf Glas.

Zeitgenössische Künstler wie Gerhard Richter, Bernd Zimmer oder Thilo Westermann präsentieren eigene, malerische Positionen, denen sich Videoarbeiten und Installationen von Gabriella Gerosa und Martina Herrmann anschließen.

Als „Tiefenlicht“ wird das Phänomen von ungewöhnlichem Glanz und Strahlkraft der Farbe speziell in der Hinterglasmalerei bezeichnet. Die Ambivalenz von Oberflächenglanz und Transparenz, Lichtbrechung und Reflexen verleiht den Werken durch die innige Verbindung von Glas und Farbe „ein seltsam funkelndes Leben“ (Klaus Lankheit).

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August Macke, Hirte mit Tieren, um 1912, Privatsammlung. Foto: Museum Penzberg - Sammlung Campendonk.
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Max Ernst, La mer, 1925, Courtesy of Galerie von Vertes, Zürich, VG Bild-Kunst Bonn, 2017.

Das Museum Penzberg – Sammlung Campendonk ist mit einer Präsentation derzeit zu Gast im Infopoint (bis 18.11.2017) und hat mit uns an der Langen Nacht der Münchner Museen (14.10.2017) teilgenommen, wo Besucher im Workshop selbst hinter Glas malten. Die Aktion wurde gemeinsam mit Museumspädagoginnen der MuSeenLandschaft Expressionismus durchgeführt, deren vier Partnermuseen erstmalig unter dem Motto „Das Blaue Land hinter Glas“ eine gemeinsame Ausstellungsreihe vorlegen. Die Ausstellungen „Magische Transparenz“ und „Tiefenlicht“ sind noch bis 7. Januar 2018 in Penzberg zu sehen.

Wir wünschen der Blogparade #KultBlick viele Leser und freuen uns, es am letzten Tag noch geschafft zu haben, im Reigen dabei zu sein!!! Unsere eigene Blogparade #perlenfischen hatte uns im Frühjahr schon vor Augen geführt, wie viel Euphorie so eine Aktion auslösen kann – und wie viel Arbeit (!) das zugleich bedeutet. Herzlichen Dank an dieser Stelle ganz ausdrücklich also an das Team des Archäologischen Museums nach Hamburg & Tanja Praske für diese Blogparade und die wunderbare Betreuung!

Abb. ganz oben: Forschungsteam. Foto: Museum Penzberg – Sammlung Campendonk.

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