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Magische Transparenz im Museum Penzberg Sammlung Campendonk

by Sabine Wieshuber

Gastbeitrag von Delia Kottmann M. A.

Penzberg, eine Kleinstadt im oberbayerischen Voralpenland, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus einer kleinen Gemeinde durch den Zuzug internationaler Arbeiter für das damals erschlossene Kohlebergwerk entstand, ist eng verbunden mit dem Maler Heinrich Campendonk. Die „Penzberger Dolomiten“, wie vom Volksmund die Kohleanhäufungen beschönigt genannt wurden, fing Campendonk (1889-1957) in seinen expressionistischen Bildern ein. Sein „Penzberger Reiter“ (1918) zeigt diese Pyramidenberge mit der Stadt Penzberg und ihrem Kohlebergwerk. Zentral im Bild schleppen sich Mann und Tier durch die Berghalde – reitet da etwa ein Arbeiter müde nach seiner Schicht nach Hause? Er sitzt auf einem blauen Pferd – mitten in einer blauschwarzen Landschaft. Der gebürtige Krefelder Campendonk wurde 1911 von Franz Marc und August Macke nach Sindelsdorf ins sogenannte Blaue Land eingeladen. Sofort nahmen sie den jungen Kollegen in den Kreis der soeben gegründeten Künstlergruppe Blauer Reiter auf. Bereits im selben Jahr durfte er zu ihrer ersten Ausstellung in der Galerie Thannhauser in München zwei Werke beisteuern.

Seit Juni 2016 beherbergt das Museum Penzberg Sammlung Campendonk mit über 200 Werken nun die international größte Sammlung von Werken des rheinischen Expressionisten. Zu diesem Zweck entwarf der Penzberger Architekt Thomas Grubert einen modernen Zwillingsbau für das bestehende Stadtmuseumsgebäude, ein im Original erhaltenes Bergarbeiterhaus. Die dunkle Farbe der Klinker des Neubaus erinnert an die Geschichte der Stadt, die Kohle. Verbunden sind beide mit einem gläsernen Kubus. Früher standen hier 51 identische Bergarbeiterhäuser im Block, innerhalb von kurzer Zeit erbaut (1872-90). Im heute unter Denkmalschutz stehenden „Werkshaus“ ist im ersten Stock in Zusammenarbeit mit dem Freilichtmuseum Glentleiten die Wohnung einer Bergarbeiterfamilie eingerichtet. Meist wohnten drei Generationen gemeinsam mit bis zu zehn Kindern darin. Fließend Wasser gab es damals noch nicht – das musste aus einem der Brunnen in der Stadt geholt werden. Zwei Wohneinheiten pro Stockwerk, eng auf eng lebten sechs Familien in einem Haus zusammen. Ein Stockwerk darüber verdunkeln sich die Gedanken; heute wird hier an die Penzberger Mordnacht erinnert, die sich kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges ereignete. Nachdem am Morgen des 28. Aprils 1945 die „Freiheitsaktion Bayern“ per Radio das Ende des Krieges in Bayern kund gab, wurden noch am Abend acht Pazifisten von Nationalsozialisten erschossen. Sie hatten die Sprengung des Kohlebergwerks und der darin befindlichen Arbeiter verhindert und Gefangene aus den Lagern um Penzberg befreit. Mitten in der Stadt wurden weitere acht Personen, darunter eine schwangere Frau, an einer Baumallee zur Abschreckung der Bevölkerung erhängt – den Penzbergern prägte sich dieses Verbrechen zeitlebens ein.

Magische Transparenz im Museum Penzberg Sammlung Campendonk

Der Neubau des Museums wurde im Juni 2016 eröffnet ©Stefan Geisbauer

Zu diesem Zeitpunkt war Heinrich Campendonk längst nicht mehr im Blauen Land, er lehrte im Exil in Amsterdam, nach Stationen in Essen und Düsseldorf. Campendonk war Pazifist, malte vor allem die Natur, Frauenakte, Christusfiguren und Tiere. Liebte Marc die Pferde und Rehe, so war bei ihm die Kuh der Favorit. Kruzifixe zeigen den Leichnam Christus nicht leidend, sondern eher erlösend, gerne im expressiven grünen Inkarnat – grün, die Farbe der Hoffnung. Leichtigkeit und Fröhlichkeit strahlt uns im Treppenhaus des Neubaus entgegen. Friedenstauben gurren auf einem von Campendonk entworfenem Glasfenster. Nach dem Museumsbesuch können Sie ein weiteres Glasfenster in der katholischen Christkönigskirche Penzbergs (nur 400 Meter entfernt) bewundern. Mit diesem Passionsfenster gewann Campendonk im niederländischen Pavillon auf der Pariser Weltausstellung 1937 den Grand Prix – ein anderer Bewerber auf den begehrten Preis war Pablo Picasso mit „Guernica“! Zeitgleich diffamierte die Ausstellung „Entartete Kunst“ in den Münchner Hofarkaden den Künstler Campendonk durch die Präsentation sechs seiner Werke.

Magische Transparenz im Museum Penzberg Sammlung Campendonk

Treppenhaus, Neubau Museum Penzberg: Pflanzen, Blumen und Vögel – Treppenhausfenster für Schloß Soestdijk, Entwurf 1936 –Bleiverglasung, postume Ausführung 2001, 248 x 89 cm

Lichtspiele können Sie auch an den nahe gelegenen Osterseen genießen, ebenfalls vom Museum gut zu Fuß zu erreichen. Auf der Wasserfläche des Naturschutzgebiets spiegeln sich die Alpen. Hier finden wir nicht nur Campendonks Friedenstauben, sondern allerlei andere Vögel, deren Gesang vielleicht schon die Maler des Blauen Reiter zum Schaffen inspiriert hat. Unser Tipp für das Frühjahr: Eine Fahrradtour durchs Blaue Land, die Kunst- und Naturgenuss verbindet!

Falls Sie nach dem Naturgenuss wieder zurück in die Kunstwelt eintauchen wollen, bietet die Architektur des islamischen Forums Penzberg (am Stadtausgang Richtung Bad Tölz) beeindruckende Lichteffekte filigraner kalligrafischer Metallstrukturen auf Stichbeton. In dem 2005 eröffneten Bau findet sich neben der Moschee übrigens eine Bibliothek mit einer weiten Bandbreite an literarischer Auswahl – und weit geöffneten Fensterfronten, die wiederum Lichtblicke ermöglichen, in die Natur. Die islamische Gemeinde verweist auf die Multikulturalität Penzbergs. 2016 wurden 85 unterschiedliche Nationen gezählt, was 12,2% der gemeldeten Penzberger Bevölkerung ausmacht.

Dass Campendonk sich in der auch zu seiner Zeit interkulturellen Stadt wohl fühlte, beweist seine Bildauswahl, die immer wieder Penzberger Motive ins Bild rückt. Wer genau hinschaut, erkennt in dem schmalen Gebäude auf dem Gemälde „Pferde im Garten. Die kleinen Pferde“ von 1912 ein typisches Bergarbeiterhaus. Das zentrale Motiv der springenden Pferde erinnert wiederum an das heute verschollene Schlüsselwerk „Turm der blauen Pferde“ seines Künstlerfreundes Franz Marc.

Magische Transparenz im Museum Penzberg Sammlung Campendonk

Kleine Pferde, um 1913, Öl auf Leinwand, 75,5 x 60,5 cm, WVZ 143, Privatbesitz

Bekannt ist Penzberg außerdem für sein Bergwerk. Das zugehörige Museum wurde im Jahr 2013 neu eröffnet und vermittelt auf moderne Art und Weise den Bergbau. Arbeitsgeräte, Dokumente und Fotografien sind Teil der gewachsenen Sammlung und definitiv einen Besuch wert!

Museum Penzberg
Am Museum 1
82377 Penzberg

Abb. ganz oben: Penzberger Reiter, 1918, Aquarell, 47 x 35,5 cm, WVZ 735A, Museum Abteiberg, Mönchengladbach.

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