Home Ausflugsperlen Was Honigschleudern über unsere politische Vergangenheit erzählen – ein Ausflug ins Freilichtmuseum Glentleiten

Was Honigschleudern über unsere politische Vergangenheit erzählen – ein Ausflug ins Freilichtmuseum Glentleiten

by Sabine Wieshuber

Ein Gastbeitrag von Sophie Ruhl.

Gelegen in einer einmaligen Landschaft oberhalb des Kochelsees und mit Blick auf die Berge befindet sich das Freilichtmuseum Glentleiten. Das größte Museum seiner Art in Süddeutschland mit über 60 historischen Gebäuden feierte letztes Jahr seinen 40. Geburtstag. Seit vier Jahrzehnten ermöglicht das Freilichtmuseum auf anschauliche Weise Einblicke in den ländlichen Alltag der Menschen Oberbayerns, in ihre Baukultur, Lebens- und Arbeitswelt.

Doch nicht nur die Häuser mitsamt ihrer Ausstattung machen die Geschichte der ehemaligen Bewohner erfahrbar. Bei Vorführungen alter Techniken können die Besucherinnen und Besucher fast vergessene Handwerksberufe neu entdecken. Alte, zum Teil vom Aussterben bedrohte Nutztierrassen wie Murnau-Werdenfelser Rinder, Brillenschafe oder Bayerische Landgänse tragen zum historischen Gesamtbild bei. Ergänzt wird das Angebot durch ein abwechslungsreiches Jahresprogramm mit Sonderausstellungen, Ferienprogrammen, Kursen und Aktionstagen.

Was Honigschleudern über unsere politische Vergangenheit erzählen - ein Ausflug ins Freilichtmuseum Glentleiten

Spannend für die ganze Familie! Foto: Bezirk Oberbayern, Archiv FLM Glentleiten

Seit kurzem gibt es mit dem Wagnerhäusl aus Brandstätt (Lkr. Rosenheim) erstmals ein historisches Gebäude mit inklusiv gestalteter Präsentation an der Glentleiten. Das 1825 erbaute Haus befindet sich bereits seit 1981 im Freilichtmuseum. Nach einer Überarbeitung ist es nun ein Ort zum Hören, Fühlen und Begreifen. Mittels Hörstationen, tastbarer Texte und Objekte soll der Besuch dieses Gebäudes blinden, sehbehinderten und sehenden Besuchern gleichermaßen vermitteln, wie das Leben in einem Kleinanwesen während der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts gewesen ist.
Für seine Bemühungen in Sachen Inklusion erhielt das Freilichtmuseum von der Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung das Signet „Bayern barrierefrei – Wir sind dabei!“. Es soll Anreiz sein, weitere Angebote zu schaffen, die für alle zugänglich und erlebbar sind.

Was Honigschleudern über unsere politische Vergangenheit erzählen - ein Ausflug ins Freilichtmuseum Glentleiten

Ausstellungssignet: designgruppe koop, Rückholz

Einem ernsten Thema widmet sich die diesjährige Sonderausstellung „Volk – Heimat – Dorf. Ideologie und Wirklichkeit im ländlichen Bayern der 1930er und 1940er Jahre“. Sie betrachtet die Auswirkungen des Nationalsozialismus auf den ländlichen Raum, und bietet neue Einblicke in eine schon vielfach beleuchtete Epoche der deutschen Geschichte.

Vom starken Einfluss des NS-Staats auf die Landwirtschaft und deren ideologische Aufladung zeugen unter anderem Anleitungen zur Seidenraupenzucht und Propagandaschriften über „Erzeugungsschlachten“. Objekte aus dem Umfeld der Hitlerjugend, des Reichsarbeitsdienstes und des Winterhilfswerkes dokumentieren die nationalsozialistische Durchdringung der Gesellschaft – auch in der Provinz. Bruchsteine einer Gedenktafel für jüdische Gefallene des Ersten Weltkriegs und Zwangsarbeiterschuhe künden von Verfolgung und Gewalt, die sich in Antisemitismus und im Einsatz von Kriegsgefangenen in der Landwirtschaft äußerten. Und scheinbar harmlose Exponate wie Honigschleudern und Kochkisten, Kleider und Kinderspielzeug offenbaren auf den zweiten Blick, dass auch das als einfach und idyllisch propagierte Landleben alles andere als unpolitisch war. Ideologie und Politik des „Dritten Reichs“ bestimmten den Alltag aller Bürgerinnen und Bürger.

Was Honigschleudern über unsere politische Vergangenheit erzählen - ein Ausflug ins Freilichtmuseum Glentleiten

Gebetsmühlenartig wiederholt das Handkurbelrad dieser Honigschleuder nationalsozialistische Propaganda. Foto: Bezirk Oberbayern, Archiv FLM Glentleiten

Der in der Sonderschau betrachtete Zeitraum beschränkt sich nicht allein auf die Herrschaft des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945, sondern behandelt auch dessen Voraussetzungen und Folgen, die mitunter bis in die Gegenwart zu spüren sind.  Ergänzt wird die Ausstellung durch ein Rahmenprogramm mit Vorträgen und einer Führung zum Thema Nationalsozialismus in Oberbayern. Weiterführende Informationen zu den Veranstaltungen finden Sie auch im Museumsportal Bayern.
Noch bis zum 9. Juli 2017 ist „Volk – Heimat – Dorf“ – übrigens ein Gemeinschaftsprojekt der Arbeitsgemeinschaft Ausstellung Süddeutscher Freilichtmuseen – an der Glentleiten zu sehen.

Freilichtmuseum Glentleiten des Bezirks Oberbayern
19. März bis 11. November
Dienstag bis Sonntag: 9.00 – 18.00 Uhr
Ab 29.10. (Zeitumstellung): 9.00 – 17.00 Uhr
von Juni bis einschließlich September
sowie an Feiertagen und Kirchweih auch montags geöffnet.

 

Abb. ganz Oben: Handwerke im Museum, Foto: Bezirk Oberbayern, Archiv FLM Glentleiten.

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