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100 Jahre Bauhaus in Bayern – Gropius, Rosenthal und die Glaskathedrale

by Sabine Wieshuber

Bauhaus in Bayern? Klingt vielleicht überraschend, ist es aber nicht! Während die Welt nach Weimar, Dessau und Berlin schaut, wo die Festlichkeiten zum 100. Jubiläum der Bauhaus-Schule bereits im Januar angelaufen sind, hat auch Bayern etwas zu bieten: auf einer grünen Wiese bei Amberg in der Oberpfalz steht das letzte Bauwerk von Walter Gropius, dem Gründervater der Bauhaus-Schule. Die wuchtige Halle, ganz aus Glas und Beton, baute Gropius für den Porzellan-Giganten Rosenthal – wie auch schon einige Jahre zuvor dessen Firmensitz im oberfränkischen Selb, rund 100 Kilometer entfernt.

100 Jahre Bauhaus in Bayern - Gropius, Rosenthal und die Glaskathedrale
Formenlehre: wie ein Raum-Kirchen-Schiff ragt die Glaskathedrale am Amberger Stadtrand aus der Wiese. Foto: Sebastian Beck, Stadt Amberg

Eine neue Kunstschule, die Leben, „Architektur, Plastik und Malerei“ völlig neu verbinden sollte, das war das Bauhaus für Walter Gropius, als er es 1919 in Weimar gründete. Es war für ihn ein intellektuelles Labor. Denn der moderne Mensch, brauche „seiner Zeit gemäße Wohngehäuse mit allen der Gegenwart entsprechenden Dingen des täglichen Gebrauchs“, so schrieben Gropius und László Moholy-Nagy in den „Grundsätzen der Bauhausproduktion“. Ein „Ding des täglichen Gebrauchs“, eine Tasse, ein Stuhl, ein Haus, müsse nicht primär „schön“ sein, sondern richtig „funktionieren“. Um es zu gestalten, musste daher zuerst sein „Wesen“ erforscht werden, damit es seinen Zweck optimal erfüllte. Den Bau der Zukunft stellten sich die „Bauhäusler“ als Gesamtkunstwerk vor: bestimmt durch eine neue Klarheit und Einfachheit, geometrisch und funktional, modern und ohne Schnickschnack.  Die Gebäude sollten möglichst vielen Menschen ein besseres Leben und angenehmere Arbeitsbedingungen garantieren. Mit ihren Ideen läuteten Gropius und die Bauhaus-Meister László Moholy-Nagy, Kandinsky, Klee, Feininger, Albers, Arndt, Schlemmer, Mies van der Rohe, Itten und die anderen die Moderne ein. So machte das Bauhaus durch seine avantgardistische Formensprache und mutige Reduktion auf das „Wesentliche“ international Schule und wurde von Weimar und Dessau nach ganz Deutschland und weiter nach Europa, Amerika und in die Welt hinausgetragen.

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Männerfreundschaft: Walter Gropius und Philip Rosenthal 1964. Foto: Rosenthal Archiv, Selb, Dauerleihgabe Oberfrankenstiftung, Bayreuth, VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Sein Architekturstudium hatte Walter Gropius in München und Berlin absolviert, allerdings hatte er es ohne Diplom beendet, denn das genaue, akkurate Zeichnen lag ihm nicht so besonders. Deshalb machte er sich zunächst als Industriedesigner selbständig und entwarf Inneneinrichtungen, Tapeten, Möbel, Autos und eine Diesellokomotive, bevor es ihn zur Architektur zurück zog.  Seine erste bedeutende Arbeit war 1911 das Fagus-Werk im niedersächsischen Alfeld an der Leine (seit 2011 gehört es zum UNESCO-Weltkulturerbe). Das Bedürfnis nach Licht, Luft und Klarheit sollte für Gropius über all die Jahre, egal ob in Amerika oder Bayern, immer das Wichtigste bleiben: 1961 holte ihn Philip Rosenthal, Erbe der Porzellandynastie, nach Oberfranken. Für das Werk dort entwarfen Walter Gropius und Alexander Cvijanovic, sein Kollege aus dem Bostoner Büro The Architects Collaborative (TAC ), den Neubau am Rothbühl, der gestalterisch ganz im Zeichen des Bauhauses steht.

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Formvollendet: ein Detail des Schmetterlingsdachs in Selb. Foto: Porzellanikon Selb

Die beiden Männer verstanden sich auf Anhieb und so entstand auf dem Firmengelände 1967 eine lichte, funktionale Halle mit scheinbar schwebenden Schmetterlingsdach und moderne Fertigungsanlagen. Der absolut Clou: in einem Gewächshaus mitten in der Fabrikhalle lebten zwei rosarote Flamingos – ein Stück Exotik und Natur zur Erbauung der Arbeiter, deren Wohlergehen sowohl Gropius als auch Rosenthal sehr am Herzen lag. Außerdem gab es im „Feierabendhaus“ einen Aufenthaltsraum mit Billiardtisch, Bibliothek und Pingpong-Tischen zum Entspannen.
Für Rosenthal konzipierte Gropius weiterhin einen Stadtentwicklungsplan für Selb, der leider nie umgesetzt wurde, und die zweite Fertigungsanlage, das Thomas-Glaswerk in Amberg. Um ein Haar hätte er als Wettschuld auch noch für das Rosenthal-Maskottchen den wohl schicksten Saustall der Republik gebaut: einen Bauhaus-Bungalow mit Bullaugen-Fenster für das Glücksschwein „Roro“…

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Schnörkellos schön: im Rosenthal-Firmengebäude am Rothbühl wird bis heute produziert. Foto: Porzellanikon Selb

Gropius‘ letzter Entwurf war die „Glaskathedrale“ in Amberg – ebenso radikal wie genial. Mit dem Dreieckskonstruktion aus Glas und Beton zeigte Walter Gropius nochmals, wofür die Bauhaus-Architektur steht. Auf der Titelseite seines Bauhaus-Manifests 1919 war damals der berühmte Holzdruck „Kathedrale“ von Lyonel Feininger abgebildet, nun baute er selbst der Moderne eine Kathedrale: die aufgefächerten Dachflächen und das Mittelschiff sind aus Beton und Glas und erheben sich aus der Rasenfläche. So konnte von den Drehtüren an den Seiten kühle Luft hereinströmen und die heiße Luft über die Fensterklappen im Dach entweichen. Was für die über 400 Männer, die hier in den 70ern bei Temperaturen von bis zu 1200 Grad an den Öfen schwitzten, eine Riesenerleichterung war. Heute ist die Halle im Besitz der österreichischen Firma Riedel und die Trinkglas-Produktion läuft vollautomatisiert.

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Klare Sache: Inspiration waren angeblich die Pyramiden von Gizeh in Ägypten. Foto: Sebastian Beck, Stadt Amberg

Gute Aussichten für Bauhaus-Fans: Ab Frühling 2019 soll Gropius‘ letztes Bauwerk nun auch für Besucher geöffnet werden. Ein Ausstellungsraum zur Bauhaus-Schule und zu Gropius soll hier entstehen. Wer das Glas-Schiff betritt, welches bisher nur Mitarbeitern zugänglich war, erstarrt erst einmal in fast ehrfürchtiger Andacht: die Dreiecks-Dachkonstruktion aus Glas und Beton öffnet sich an allen Seiten zur Natur und zum Himmel. Die Stützen sind so schlank gehalten, dass sie die Schneelast nicht aushalten würden – was bisher noch nie ein Problem war, da die Öfen immer liefen… Seinen Namen bekam das Gebäude wegen des Werkstoffs, der dort bis heute verarbeitet wird, aber auch wegen seiner Transparenz. Für das Umfeld der Produktionsstätte entwarf Gropius auch einen Wohngebäude-komplex mit fünf Häusern – nur zwei wurden jedoch fertig. 

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Schöne neue Welt: der Bau ist in die Landschaft eingebettet, nur der markante Giebel sticht ins Auge. Foto: Sebastian Beck, Stadt Amberg

Ihre Fertigstellung 1970 erlebte Gropius leider nicht mehr, er starb am 5. Juli 1969 in Boston. Mit der „Glaskathedrale“  hatte er jedoch sein letztes herausragendes Denkmal des Funktionalismus geschaffen. 
Das Tafelservice, das er ebenfalls für Rosenthal gestaltet hatte, „TAC“ wie sein Architekturbüro in den USA, existiert weiter und ist eine Ikone moderner Tischkultur. Gropius‘ Interesse für Porzellan war während der Planungsphase an der Rosenthal Fabrik am Rothbühl geweckt worden. Philip Rosenthal hatte es zunächst erst gar nicht gewagt, den berühmten Architekten für einen Entwurf anzufragen. „Da kann ich auch den Papst zur Taufe meiner Tochter bitten“, soll er gesagt haben. Doch dann hat er es sich wohl doch noch getraut.

100 Jahre Bauhaus in Bayern - Gropius, Rosenthal und die Glaskathedrale
Moderne Klassik: diese TAC-Teekanne ist ein echtes Liebhaberstück. Foto: Porzellanikon Selb

Die 100 Jahre Bauhaus  werden in Oberfranken und in der Oberpfalz mit Ausstellungen, Zeitzeugengesprächen, Konzerten und weiteren spannenden Projekten gebührend gefeiert. Im „netzwerk selb/amberg“ haben sich neun Institutionen in den bayerischen Städten Amberg und Selb zusammengeschlossen, um das dortige sehr besondere architektonische, städteplanerische und gestalterische Wirken von Walter Gropius und anderen Bauhäuslern zu würdigen.  Mehr Infos zu Ausstellungen und Veranstaltungen unter www.selbamberg.de

Die Glaskathedrale Amberg ist donnerstags und sonntags jeweils um 16 Uhr im Rahmen einer Führung und nur nach Voranmeldung zu besichtigen.

Frankfurter Küche, in der Dauerausstellung Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

Die „Frankfurter Küche“ ist das Urmodell der modernen Einbauküche. Die Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky entwarf sie im Rahmen des sozialen Siedlungsbauprojekts „Das Neue Frankfurt“. Bis 1930 wurde die „Frankfurter Küche“ in ca. 10.000 Wohnungen eingebaut. Mittlerweile gilt sie als Ikone funktionalistischer Ästhetik. Ein Glücksfall brachte dieses seltene, noch erhaltene Exemplar ins Germanische Nationalmuseum. Ein Bügelbrett und ein Tisch sind ausklappbar an der Wand befestigt, Arbeitsflächen können ausgezogen werden. In der Folgezeit wird das arbeitsoptimierte System zwar übernommen, die Küche jedoch, je nach Platzangebot der Wohnung, maßgeschneidert. Bis heute hat sich an diesem Prinzip der Einbauküche nicht viel verändert.

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Baukastenprinzip im Haushalt: auf 6,5 Quadratmetern war in der Frankfurter Küche bis zum ausklappbaren Bügelbrett alles integriert. Foto: Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

Bild ganz oben: Ab Frühling werden Bauhaus-Fans nach Amberg pilgern, denn dort wird dann endlich eines der jüngsten Industrie-Denkmäler Bayerns zugänglich sein. Foto: Erich Spahn  

Nathalie Schwaiger

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