Home Ausflugsperlen Frau darf! Eine Hommage an die Münchner „Malweiber“

Frau darf! Eine Hommage an die Münchner „Malweiber“

by Sabine Wieshuber

„Müssen Frauen nackt sein, um ins Met Museum zu kommen?«, fragte 1989 die feministische Gruppe Guerilla Girls aus New York provokativ. Die Aktivistinnen prangerten an, dass weniger als 5 Prozent der Künstler in der modernen Abteilung Frauen waren, aber 85 Prozent der Akte weiblich.
Und wie schaut es in deutschen Museen aus? Es ist noch nicht so lange her, dass Frauen offiziell künstlerisches Talent zugestanden wurde. Erst seit 1920 Jahren sind sie an der Kunstakademie in München zugelassen. Das Museum Fürstenfeldbruck erinnert in der Ausstellung „Frau darf…100 Jahre Künstlerinnen an der Akademie“ an die Malerinnen, Karikaturistinnen, Bildhauerinnen, die den Weg für die Künstlerinnen heute ebneten. Drei dieser „Malweiber“, wie sie von den männlichen Kollegen damals abfällig genannt wurden, stellen wir euch hier vor.

Ein Gastbeitrag zum Internationalen Frauentag von Verena Beaucamp, Museum Füstenfeldbruck

Anfang des 20. Jahrhunderts galt eine künstlerische Tätigkeit oder gar Berufstätigkeit von Frauen aus dem bürgerlichen Milieu als Rebellion – gegen das gängige Frauenbild, gegen die Rolle als Gattin, Hausfrau und Mutter. Neben dem Vorwurf der Vernachlässigung häuslicher Pflichten war das Vorurteil verbreitet, Frauen besäßen weder das erforderliche Talent noch ausreichend schöpferische Kreativität für eine professionelle künstlerische Laufbahn.

„Wenn auch vielleicht 10 Prozent von ihnen wirklich ein ernstes Bestreben haben, 90 Prozent ist es doch nur darum zu tun, die Zeit herumzubringen, bis ein glücklicher Gatte kommt, der sie von der Kunst wegholt.“

Ferdinand von Miller (1842-1929), Akademiedirektor von 1900-1919

Frau darf… 100 Jahre Künstlerinnen an der Akademie

»So wollte eigentlich uns › Malweiber‹ so recht niemand haben, insbesondere die Mitschüler nicht.«

Henny Protzen-Kundmüller, WS 1920/21

Bis 1920 war Frauen das Studium an der Münchner Kunstakademie untersagt – bis auf einige Ausnahme-Talente. Dieses Verbot bedeutete für Künstlerinnen zugleich den Ausschluss aus einem Kreislauf, der öffentliche Wahrnehmung und damit Aussicht auf wirtschaftlichen Erfolg versprach.

Im August 1919 legte die Weimarer Reichsverfassung fest, dass Frauen grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten besitzen. Nun konnten ihnen auch die letzten Akademien den Zutritt zum Studium nicht mehr verweigern. Argumente wie Raumnot, moralische Bedenken hinsichtlich gemeinsamen Aktunterrichts oder der Vermehrung des Künstlerproletariats schützten nun nicht mehr vor weiblicher Konkurrenz. 17 Frauen immatrikulierten sich im ersten Semester an der Akademie in München.

Von den männlichen Kollegen wurden die Studierenden wenig begeistert aufgenommen. Nur wenige der Künstlerinnen schafften den Durchbruch. Ihre wichtigsten Schaffensjahre fielen in Zeiten drastischer politischer und wirtschaftlicher Krisen sowie massiver künstlerischer Einschränkungen. Sie alle gehören der sogenannten „verschollenen Generation“ an. Die emanzipatorische Aufbruchsstimmung der 1920er Jahre wurde durch die Nationalsozialisten jäh gestoppt. Die „zweite Welle“ der Frauenbewegung konnte erst in den 60ern wieder an die alten Forderungen der Aktivistinnen anknüpfen. Für viele der um 1900 Geborenen war das zu spät.

„Und mit gütiger Erlaubnis ist das Genie so frei, sich nicht ins Geschlecht zu kehren, es fliegt in die Seelen wem und wie es will… und so wollen wir hoffen, daß unsere Töchter es einmal leichter, billiger und kämpfeloser haben werden, ihr Talent auszubilden, ihre Kräfte zu entfalten, ihre Individualität auszuleben; und daß man im kommenden Geschlecht nicht frage: ist er Mann oder Weib, sondern nur: ist es ein wirklicher Künstler.“

Hermione Preuschen 1896

Die Ausstellung im Museum Fürstenfeldbruck zeichnet anhand von 12 sehr unterschiedlichen Künstlerinnen-Biografien die Geschichte der Frauenbewegung und die allmähliche Öffnung der Münchner Akademie nach. Drei beeindruckende Frauen stellen wir euch hier vor!

Gegen alle Widerstände: Gretel Haas-Gerber (1903-1998)

»Für mich war es so selbstverständlich, ich wollte schon immer Malerin werden«.

Gretel Haas-Gerber gehört zu den Frauen, die ihre künstlerische Ausbildung gegen viele Widerstände durchsetzen musste: gegen die Eltern, später gegen die ablehnende Haltung des Mannes, gegen unterschiedliche Trends an der Akademie und schließlich gegen politische Zensur. Ein Studium im „Sündenpfuhl“ Berlin hatten die Eltern strikt abgelehnt, deshalb schrieb sie sich 1925 an der Münchner Akademie ein. Die Aufnahmebedingungen waren streng. Die männlichen Fachprofessoren entschieden über die endgültige Aufnahme. Erst nach 1946 gab es wenige, weibliche Professorinnen. Eine eigene Lobby hatten die weiblichen Studierenden nicht, sie wurden als „zweite Stimme im Orchester“ geduldet.

Gerade in den Jahren der Wirtschaftskrise war die Finanzierung des Studiums, einer Wohnung, von Atelier und Malmaterial schwierig. Rückblickend beschreibt Haas-Gerber die Armut im nachrevolutionären München um 1922: „Wir malten alle nur auf billigem Rupfen oder schlechtem Nessel…Doch irgendwie ging es, wir haben im Akademiegarten immer Brot und Milch zusammengelegt“. Nach einem Jahr verließ Gretel Gerber die als konservativ empfundene Lehranstalt, um sich im freien Malen am Staffelsee und in der Lüneburger Heide zu üben.

1932 heiratete sie und feierte im gleichen Jahr mit ihrer ausdrucksstarken Malweise auf Ausstellungen in Baden-Baden und bei staatlichen Ankäufen erste künstlerische Anerkennung. Dieser frühe Erfolg endete 1933 jäh, als ihr Gemälde „Das Hütemädchen“ von den Nationalsozialisten aus einer Ausstellung entfernt wurde. Entmutigt durch Verurteilung ihres Bildes als „Bolschewistenkunst“, noch mehr jedoch über die ablehnende Haltung ihres Mannes gegenüber ihrer sozialkritisch-engagierten „Elendsmalerei“ zog Haas-Gerber sich zurück. Die nächsten 20 Jahre widmete sie ihren fünf Kindern, dem Haushalt und der Arbeit als Sprechstundenhilfe in der Praxis ihres Gatten.

Als malende Mutter war sie in der Gesellschaft schlecht angesehen, unterstellte man ihr doch argwöhnisch die Vernachlässigung der häuslichen Pflichten. Erst nach dem Tod des Ehemannes 1964 begann die inzwischen 66-Jährige ein zweites Studium an der Düsseldorfer Akademie. Unbeirrt hielt sie dennoch ein Leben lang an ihrer Arbeit fest und verfolgte mit Überzeugung die eigenen Ziele. In ihrem imposanten Spätwerk beleuchtete sie immer wieder die Rolle der Frau in Gesellschaft und Kunst.

Mit spitzer Feder: Franziska Bilek (1906-1991)

»Ich bin unheilbar realistisch […] mit dem Hirn kann man nicht malen.«

Ganz anders verlief das Leben der Karikaturistin Franziska Bilek aus München. Sie ist eine der wenigen Frauen, die sich zeitlebens mit künstlerischer Arbeit ihren Lebensunterhalt verdiente. Wie für junge kunstinteressierte Frauen üblich, besuchte sie zunächst die Kunstgewerbeschule. Dort konnten Frauen eine dreijährige Ausbildung absolvieren, die entweder zum Zeichnen von Mustervorlagen für die industrielle Herstellung befähigte oder sie für das Lehramt an Schulen und anderen Frauen-Bildungsanstalten vorbereitete. Der Unterricht war nicht billig, Bilek zahlte 1922/23 inklusive Krankenhaus-und Unfallversicherungsgebühr ca. 280 Mark pro Semester.

Mit der Zulassung zum Akademiestudium 1924 hatte sie erstmals die gleichen Ausbildungsmöglichkeiten wie ihre männlichen Kollegen und mit 50 Mark Semestergeld auch deutlich geringere Kosten. Nach nur einem Jahr brach sie das Studium jedoch wieder ab, weil sie die Akademie als „Hochburg konservativer Malerei“ empfand. Aber auch weil sie für sich und ihre alleinstehende Mutter den Lebensunterhalt verdienen musste.

Durch die Fürsprache ihres Professors Olaf Gulbransson, mit dem sie lebenslang eine enge Freundschaft und ein reger Briefwechsel verband, bekam die talentierte Zeichnerin ab 1936 eine Anstellung beim Satireblatt Simplicissimus. Als einzige Frau in der Redaktion versteckte sie mit dem Kürzel „Fr. Bilek“, dass sich hinter den Karikaturen eine Frau verbarg. Später wurde Bilek vor allem mit der Figur des grantelnden Herrn Hirnbeiß bekannt, der seit 1961 in der Münchner Abendzeitung das lokale Tagesgeschehen kommentierte.

Daneben illustrierte sie die gesammelten Werke von Karl Valentin und entwarf den charakteristischen, allseits bekannten Scherenschnitt des spindeldürren Komikers mit Melone und den zu großen Schuhen. Alles, was sie um sich herum beobachtete, wurde »in der Wurstmaschine“ ihrer Phantasie verarbeitet. Ironisch-bissige Bilder zwischen Satire und Groteske zielen auf die kleinen menschlichen Schwächen, vermeintlich Heiteres hat oft auch eine tiefere Bedeutung. Dogmen und Ismen waren der Künstlerin fern.

Raumgreifendes Talent: Elisabeth Kronseder (1890-1989)

Unentschieden, ob sie Musikerin, Sängerin oder Malerin werden wolle, schrieb sich Elisabeth, die aus großbürgerlichem Braunschweiger Elternhaus stammte, zunächst für ein Gesangstudium ein. 1910 heiratete sie und lebte mit ihren drei Kindern erst in Rosenheim und später in München, wo sie einen großen Freundeskreis aus Literaten und Künstlern um sich versammelte.

1922 wagte Elisabeth Kronseder einen Neuanfang: sie schrieb sich an der Akademie der Bildenden Künste für das Fach Bildhauerei bei Bernhard Bleeker ein. Eine mutige Entscheidung, denn Frauen sahen sich auch Anfang des 20. Jahrhunderts noch dem Vorurteil ausgesetzt, ihnen fehle die dreidimensionale Vorstellungskraft für das plastische Gestalten. Doch Bleeker war beeindruckt von der Qualität der Arbeiten und nahm die junge Frau als Meisterschülerin in seine Klasse auf.

Als ihre Kinder alle zugleich an Masern erkrankten, musste sie ihr Studium abrupt beenden, um sich der Familie zu widmen. Trotzdem schaffte sie es, in München und vielen anderen Städten auszustellen und ein Leben lang als Künstlerin zu arbeiten. Unter anderem stellte sie bei der fortschrittlichen Künstlervereinigung der Juryfreien aus, wo sie andere Kommilitoninnen traf. Besonders für Frauen war die Mitgliedschaft in einer der Künstlervereinigungen wichtig, da sie ihnen die regelmäßige Teilnahme an den großen Jahresausstellungen im Glaspalast (ab 1931 im Deutschen Museum) ermöglichte.

Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1933 zog Elisabeth Kronseder sich mit ihrer Familie zurück auf den Peterhof am Samerberg. Bereits im Krieg nahm Kronseder Waisen- und Kriegsversehrtenkinder auf. Später leitete sie für viele Jahre ein Kinderheim.

100 Jahre später – was hat sich in der Kunstszene getan?

Bis heute haben es Frauen auf dem zeitgenössischen Kunstmarkt schwerer als ihre männlichen Kollegen. Unter den Top 500 gibt es gerade mal 14 Prozent Künstlerinnen. Immer noch ignorieren zu viele Ausstellungen weibliche Künstler oder erwähnen sie nur am Rande. Mal abgesehen von Kinderbetreuung und Familienplanung, die nach wie vor häufig mit der Zurückstellung künstlerischer Aktivitäten einhergehen – und die biografischen Lücken werden von Galeristen und Kuratoren oft zum Nachteil der Künstlerinnen bewertet.
Dennoch: die Ausbildungs-und Arbeitschancen sind für Frauen heute weitaus besser als vor 100 Jahren. Der Anteil an weiblichen Studierenden in der Akademie München ist auf über 60 Prozent gestiegen, im Lehrkörper gibt es fast Parität. Vielerorts sind Frauenmuseen entstanden, große Häuser haben in den letzten Jahren der Kunst von Frauen eigene Schauen gewidmet und bemühen sich, durch ihrer Ankaufspolitik ein ausgewogeneres Geschlechterverhältnis herzustellen. Ein Trend, der Mut macht, dass Frauen noch ganz viel „dürfen“ und schaffen werden…

Ausstellungstipp: Frau darf … 100 Jahre Künstlerinnen an der Akademie“, 20. November 2020 bis 26. September 2021, Museum Fürstenfeldbruck im Kloster Fürstenfeld. Ab 9. März wieder geöffnet! Anmeldung unter der Tel.-Nr. 08141-61130 oder per Email museum@fuerstenfeldbruck.

Abb. ganz oben: Bevor sie an der Akademie zugelassen wurden, konnten Frauen nur an den kostspieligen privaten Instituten studieren. Foto: Malschule Heymann München, 1920er Jahre, Privatbesitz

Verena Beaucamp M.A., Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Museum Fürstenfeldbruck

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