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Leila und die Allgäu-Museums-Connection

by Sabine Wieshuber

Leila ist 6 Jahre alt und hat einen feinen Kunstgeschmack: „Ich mag die Farben. Das Gelb leuchtet schön. Es sieht aus wie ein Spiegelei – das esse ich auch ganz gern – oder es könnte auch eine Schnecke ohne Fühler sein…“. Wenn Leila mit ihren dunklen Zöpfen, der süßen Zahnlücke und ihrem unglaublichen Charme die Bilder erklärt, geht einem das Herz auf und die Kunstbetrachtung macht gleich noch mal soviel Spaß. Ihre Mama arbeitet im Künstlerhaus Marktoberdorf, einem von drei spannenden Kunstmuseen, die sich in der neuen Museumskooperation 3 x Kunst im Allgäu zusammengeschlossen haben. Mit dabei sind außerdem das Kunsthaus Kaufbeuren und die MEWO Kunsthalle in Memmingen. Alle drei Häuser – und natürlich auch Leila, unser Infopoint-Filmstar – sind noch bis Ende März bei uns im Alten Hof in München zu Gast, mit Ausstellungen von Eat Art bis Blind Date.

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3 x Kunst im Allgäu: wenn ihr alle drei Museen besucht, zahlt ihr nur im ersten den regulären Eintrittspreis und in beiden anderen den ermäßigten Preis

Das Künstlerhaus Marktoberdorf

Im Künstlerhaus Marktoberdorf, Leilas Lieblings-Museumsspielplatz, gibt es nicht nur Riesen-Spiegeleier an der Wand zu entdecken. Das großformatige Bild von Dieter Krieg ganz oben war übrigens Teil der Ausstellung „bügeln ist nichts für Haufrauen“ 2016. Das Ausstellungshaus überrascht, provoziert und regt gern zum Nachdenken und Diskutieren an. Allein schon mit seiner Architektur. Kaum ein Marktoberdorfer Bauprojekt hat für so viel Gesprächsstoff gesorgt wie das Künstlerhaus, das 2001 eröffnet wurde. Wie eine rote Klinker-Festung steht es im Zentrum der Stadt. Von hier aus startete es seine Kunstoffensive: es ist eine Werkstatt für zeitgenössische Kunst und bietet außerdem tolle Workshops und museumspädagogische Programme für Kinder und Jugendliche. Highlights sind jedes Jahr die Ostallgäuer Kunstausstellung der Stadt Marktoberdorf, die regionale Kunst präsentiert, und alle fünf Jahre die Ausstellung „Junge Kunst“ anlässlich der Vergabe des Förderpreises der Antonia und Hermann Götz-Stiftung.

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Eckt durchaus auch mal an: der rote Backstein-Kubus des Künstlerhauses ist das künstlerische Epi-Zentrum von Marktoberdorf. Foto: Künstlerhaus Marktoberdorf

Um Essbares dreht es sich auch aktuell in Marktoberdorf: „Lecker oder eklig?“, unsere Nachwuchs-Kunstexpertin Leila wäre vermutlich nicht ganz sicher, wie sie die großformatigen Food-Stillleben von Vera Mercer einschätzen soll. Denn derzeit lädt das Künstlerhaus zum Augenschmaus: die barock-vergänglichen Fress-Fotografien der Amerikanerin faszinieren und irritieren zugleich. Das Thema Essen, Kochen, Küche und die damit verbundene Vergänglichkeit entdeckte Mercer in den 60er Jahren für sich, als sie in nächtlichen Streifzügen mit Jean Tinguely und Daniel Spoerri (den sie 1958 heiratete) in den Pariser Markthallen fotografierte: Obst und Gemüse, Knochen und Schädel, Fleisch und Fisch im ganzen Stück oder in Teilen. Mit Spoerri gehörte sie zur Pariser Künstler-Avantgarde um Marcel Duchamp und Niki de Saint-Phalle.

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Es ist serviert: Riesengarnele auf Fisch an Karaffe, an Tulpe. Vera Mercer, Double, Paris 2010 © Vera Mercer

Das Marktoberdorfer Menü runden Assemblagen ihres Künstler-Ehemannes Daniel Spoerri ab. Der Schweizer ist der Begründer der Eat Art. Essen und Kochen sind für ihn Teil des Lebenszyklus, ein Moment im ewigen Kreislauf, zu dem Leben und Tod, Verwesung und Wiedergeburt gehören. Spoerri, einer der wichtigsten Vertreter der Objektkunst und Mitbegründer der Nouveaux Réalistes, wurde vor allem durch seine „Fallenbilder“ weltbekannt: auf Tischplatten fixiert er Überreste einer Mahlzeit oder einer anderen zufällig vorgefundenen Situation am Arbeitstisch oder an einem Flohmarktstand. Außerdem liebt er es, die Speisen zu verfremden. So entstand auch eine Serie mit der Porzellan-Manufaktur Meissen, die ausgewählte zeitgenössische Künstler einlud, mit dem Werkstoff Porzellan zu arbeiten. Die mit zerbrochenem weißem Geschirr „gedeckten Tische“ sind vertikal an der Wand befestigt. „Ich habe nie mit Porzellan gearbeitet, ging also nach Meißen wie ein Elefant in den Porzellanladen. Ich versuchte also das Material zu untersuchen; fand heraus, dass man es zerreißen, zerschneiden, zerbrechen und erweichen kann. Das Resultat sind diese Verbrechen“, so kommentiert der Künstler seine Kreationen.

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Dinner for two: Tisch aus dem Bistro Santa Marta © Daniel Spoerri, Rita Newman

Aufgetischt! Die Eat-Art-Ausstellung zu Vera Mercer und Daniel Spoerri lädt noch bis 19. Mai 2019 zum Bankett ins Künstlerhaus Marktoberdorf. Dazu werden auch zahlreiche Führungen, Workshops für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie die Offene Werkstatt angeboten: gemeinsam wird ein «Tischlein deck dich» komponiert. Am Ende des Tages steht eine lange Tafel bereit, die opulent mit selbst zubereiteten Speisen gefüllt ist, welche gemeinsam verköstigt werden (Infos unter www.atelierwerkstattmarktoberdorf.de).

Die MEWO Kunsthalle Memmingen

„Was heißt denn Mewo?“, würde bestimmt Leila fragen. MEWO steht für Memminger Wohnungsbau eG, denn ihr gehört das ehemalige königliche Postamt direkt neben dem Bahnhof, das sie seit 2005 der Kunsthalle zur Verfügung stellt. Auf 850 qm zeigt sie ein anspruchsvolles, ambitioniertes Ausstellungsprogramm zur Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, traditionelle Ausstellungen und experimentelle Formate. Die Räume sind auf drei Etagen um den überdachten, hellen Lichthof angeordnet – von der großzügigen, ehemaligen Pakethalle im Erdgeschoss bis zum Grafikkabinett im Dachgeschoss: viel Platz für zeitgenössische Kunst und visuelle Kultur, Gruppenausstellungen und Dokumentationen, Sammlungseinblicke und Einzelpräsentationen junger wie auch etablierter Künstler.
Memminger sollten außerdem unbedingt mal im Atelier vorbei schauen, wo es kreative Kurse für Kinder, Jugendliche und Senioren gibt.

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Der Lichthof des ehemaligen Postgebäudes eignet sich perfekt für Großformatiges. Foto: MEWO Kunsthalle Memmingen

Momentan lockt uns Jadranka Kosorcic (*1972 in Split) zum Blind Date ins Foyer. Die kroatische Künstlerin organisiert am liebsten Treffen mit Unbekannten, die sie anspricht oder über Annoncen sucht. Allerdings finden ihre Blind Dates nicht in einem Café oder in einer Bar statt, sondern in ihrem Atelier. Die „Pärchen“ bestehen dabei immer aus der Künstlerin selbst und einer/m Freiwilligen, die/der porträtiert wird. Das Gespräch dabei wird aufgenommen und später zusammen mit der Zeichnung ausgestellt. In diesen Serien geht es auch immer auch um ein Porträt der Orte. Nach Berlin, New York, Malmö, Philadelphia, Split, Rijeka, London, München, Lwiw (Lemberg), Oro ́nsko und Hum in Kroatien, der mit 25 Einwohnern kleinsten Stadt der Welt, war nun Memmingen dran: die Künstlerin zeichnete Schüler und Schülerinnen eines Kunstkurses und sprach mit ihnen über Kunst, ihr Leben, ihre Interessen außerhalb der Schule und Pläne nach dem Abitur. „Blind Date mit Memmingen“ wurde so nicht nur ein Gruppenporträt des Kunstkurses, sondern auch ein Ausschnitt des Lebens junger Menschen in der Allgäu-City. 

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Was heißt es in Memmingen jung zu sein? Jadranka Kosorcic, Blind Date with Josefine, Memmingen 2018

Mit Monica Germann und Daniel Lorenzi dreht sich die Spiegelkugel zum Punktlicht. „Hä? Was soll das denn heißen?“, würde Leila fragen. Das Künstlerduo aus der Schweiz experimentiert seit vielen Jahren mit Zeichnung, Malerei, Rauminstallation, Objekt, Video, Performance und Musik. Großformatige Malereien auf silberfarben grundierter Leinwand zeigen Kreise, dazwischen grinsen uns „Smileys“ (heute als Emojis allgegenwärtig). Sie treffen auf geometrische Muster, aus wenigen Strichen zusammengefügt. Oder dreidimensionale Objekte aus Holz und Metall – und Discokugeln! Die wie ein Mobile im Rudel von der Decke baumeln… In all ihren Kreationen spielen Germann und Lorenzi mit unseren Sehgewohnheiten, bringen Alltagsgegenstände in neue Zusammenhänge. Denn es geht ihnen auch immer um gesellschaftliche Themen wie die fortschreitende Flächenversiegelung in unseren Städten und die digitale Kommunikation.
Zur Ausstellung werden Monica Germann und Daniel Lorenzi eine Wand im der MEWO Kunsthalle gestalten, die bis zum Frühjahr 2021 den Eingangsbereich des Museums visuell prägen wird.

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Bitte lächeln: Detail aus einer Arbeit in der Serie „Renovationsepoche / Wandel durch Annäherung“ © Monica Germann & Daniel Lorenzi

Jadranka Kosorcic: Status Quo. Blind Date mit dem Kunst Additum 2018/19 des Vöhlin-Gymnasiums, Memmingen, noch bis 22. April 2019.
Monica Germann & Daniel Lorenzi. Dreht sich die Spiegelkugel zum Punktlicht, noch bis 19. Mai 2019 in der MEWO Kunsthalle in Memmingen. Nicht verpassen: die Performance mit Musikinventionen des Künstlerduos am 5. Mai (15 bis 18 Uhr).

Das Kunsthaus Kaufbeuren

„Das sieht ja wie alt, aber neu aus“, könnte Leilas Kommentar lauten. Und sie hätte absolut recht: Der schmale Baukörper mit dem steilen Dach erinnert an ein mittelalterliches Salz- und Kornstadel. Modern in Material und Details passt sich der Bau aber formal doch der Architektur der Altstadt an. Auf zwei Etagen und 500 Quadratmeter zeigt das Kunsthaus wechselnde Ausstellungen vor allem zur Kunst des 19., 20. und 21. Jahrhunderts und zu kulturhistorischen Themen, aber auch Einzelpräsentationen international bekannter Künstler, historische Ausstellungen und junge Kunst von Fotografie über Bildhauerei, Malerei, Graphik bis zu Videokunst – und auch die Angebote für Kinder und Jugendliche, Ferienprogramme, Führungen, Lesungen und Workshops sind toll.

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Ein gläserner Turm mitten in der Altstadt: das Kunsthaus Kaufbeuren ist ein kultureller Hotspot und bietet Lesungen, Führungen und Workshops. Foto: Kunsthaus Kaufbeuren

„Da geht es um Menschen!“, Leila, unser Allgäuer Kunst-Scout-Girl wüsste gleich, wo es langgeht. Die diesjährige Winterausstellung im Kunsthaus zeigt „Menschenbilder“ von vier herausragenden Künstlern: 180 Arbeiten auf Papier, Zeichnungen, Aquarelle und Druckgrafiken von Ernst Barlach, Otto Dix, George Grosz und Samuel Jessurun de Mesquita. Während die ersten vier Maler international bekannt sind, ist der niederländische Künstler Samuel Jessurun de Mesquita noch wenig etabliert. In der Gegenüberstellung mit den Werken seiner prominenter Zeitgenossen zeigt das Kunsthaus deshalb unter anderem auch noch nie gezeigte Blätter des jüdischen Künstlers, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde. So sind die „Menschenbilder“ auch eine Hommage an den niederländischen Bildniskünstler und sein lange nicht gewürdigtes Ausnahmetalent.

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Ein Blick, den man nicht vergisst: Samuel Jessurun de Mesquita, Ohne Titel (Porträt von Jaap Jessurun de Mesquita), 1922, Holzschnitt auf Japanpapier, 320 x 317 mm, Foto: Jan Zweerts, Courtesy und © Sammlung C. O. Wolters

Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, aus der die meisten Arbeiten der Ausstellung stammen, war von gravierenden politischen und sozialen Umwälzungen geprägt. Die Weltwirtschaftskrise überschattete das Leben. Die Künstler suchten nach Antworten, zahlreiche Avantgarde-Bewegungen entstanden zwischen den zwei Weltkriegen. Barlach, Dix, Grosz und Jessurun de Mesquita entwickelten eine unverwechselbare Bildsprache, die ebenso ambivalente wie eindrucksvolle künstlerische Reaktionen auf Krisen und Herausforderungen der Zeit einfangen: Liebe und Hass, Begeisterung und Skepsis, Leidenschaft und Schwermut, Aggressivität und Selbsthingabe – in einer Welt, die aus den Fugen gerät. Ihre Bilder wirken häufig grotesk und dramatisch, aber auch zynisch oder humoristisch. Eindrücklich erzählen sie von existenzieller Not, dem Zerfall der Gesellschaft, von Menschen und Überlebenskünstler in einer wahnwitzigen Epoche.

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Die wilden Zwanziger Jahre in Kaufbeuren: Otto Dix, Kupplerin, 1923, Farblithografie, 480 x 368 mm, Courtesy Sammlung Karsch/Nierendorf, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Menschenbilder. Ernst Barlach | Otto Dix | George Grosz | Samuel Jessurun de Mesquita, Arbeiten auf Papier, noch bis 22. April 2019 im Kunsthaus Kaufbeuren.
Kontrastprogramm: vom 10. Mai bis 25. August 2019 könnt ihr „Heimat neubeTrachten“ mit Fotografien und Originalmodellen der schönsten Trachten Deutschlands, von Amrum bis Allgäu

Bild ganz oben: Leila vor dem Bild von Dieter Krieg, einer Ausstellung im Künstlerhaus Marktoberdorf 2016, Auschnitt aus dem Film „Leila im Museum“ von Frieder Käsmann. Für alle Leila-Fans, die keine Zeit haben zu uns in den Infopoint zu kommen: den Film findet ihr auch auf Youtube

Nathalie Schwaiger

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