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Augen und Ohren auf: Das Edwin Scharff Museum in Neu-Ulm

by Sabine Wieshuber

Aaaaaaaaah! Ja, schreit, so laut wie ihr könnt! Mal schauen wie viel Dezibel ihr schafft… Alles anfassen und begreifen, mit allen fünf Sinnen spielen und auf Socken durch’s Museum flitzen – in Neu-Ulm ist alles dies (und vieles mehr) ausdrücklich erwünscht! Alles was man sonst im Museum oft nicht darf, ist im Edwin Scharff Museum voll in Ordnung. Denn die alte Villa mit dem neuen, modernen Anbau beherbergt gleich zwei Museen: ein Kunstmuseum, das dem Bildhauer und Maler Edwin Scharff gewidmet ist und – genauso groß und spannend – das einzige kommunale Kindermuseum Bayerns, das aber ausnahmsweise auch von Erwachsenen besucht werden darf…

Wie funktionieren unsere Sinne? Wie arbeitet unser Gehirn?  Wie kann es sein, dass wir den Kindern auf dem Wimmelbild ansehen, ob sie glücklich sind? Und dass wir schon durch die Gegensprechanlage hören, ob Sabine Sauer, Willi Wonne oder H. Haeppi gut oder schlecht gelaunt sind? Vielleicht ist ein Lachen auch mal gelb? Und eurem Schatten könnt ihr hier in Regenbogenfarben winken… Was, keinen Schimmer, was das bedeuten soll? Dann kommt im Kindermuseum am Petrus-Platz in Neu-Ulm vorbei: hier können kleine und große Besucher auf 500 Quadratmetern alles ausprobieren, erforschen, experimentieren und spielen.

 

Augen und Ohren auf: Das Edwin Scharff Museum in Neu-Ulm

Gefühle-Raten für Klingelmäuschen: ist Dennis Depri oder Willi Wonne heute besser gelaunt? Check an der Mitmachstation im Kindermuseum. Foto: Edwin Scharff Museum Neu-Ulm

Die Ausstellung „Hör‘ mal, wer da guckt!“ (noch bis 15. September 2019) ist ein höchst reiz-volles, klangintensives und auch emotionales Abenteuer – der Rundgang führt euch durch eine Mega-Schallwelle. Im Riesenohr,  im „Weltraum“ oder in der Klangwerkstatt geht es um Augen, Ohren und wie sie Klänge, Bilder und Eindrücke sammeln und filtern. Können wir ihnen immer trauen? Oder führen sie uns manchmal auf’s Glatteis? Wie ist es mit Gefühlen? Wie erkennen wir, wie andere Menschen drauf sind? Was sie denken und empfinden? An den Mitmachstationen werden auch komplizierte Themen erleb- und fühlbar. Zahlreiche Workshops, Machmit-Sonntage und ein abwechslungsreiches Ferienprogramm laden Kinder und Familien ein, das Museum zu einem lebendigen, aufregenden Ort zu machen.

Augen und Ohren auf: Das Edwin Scharff Museum in Neu-Ulm

„Weltraum“ trifft Sprachsalat: was heißt denn „Ich will Schokolade!“ auf Grönländisch? In der Mitmach-Austellung „Hör‘ mal, wer da guckt!“ gibt’s was auf die Ohren. Foto: Sabine Wieshuber

Doch das Edwin Scharff Museum hat viele Gesichter und Erlebnisräume. Die Grenzen zwischen innen und außen, „Kinderkram“ und Kunst, Realität und Geschichten sind schwimmend: das Treppenhaus etwa lädt zu einer phantastischen Reise mit dem Berliner Künstler Volker März ein – Mini-Menschen, der rote Angsthase und glückliche Fremdkörper gehen die Wand hoch. März erzählt dazu eine irrwitzige, skurrile Geschichte, wie Kafka ausgerechnet und auf rätselhafen Wegen nach Neu-Ulm kam. „Denn Ulm und Neu-Ulm sind zwei unterschiedliche Städte, die direkt nebeneinander liegen…“ wie der Museumsführer in Leichter Sprache unterstreicht. Auch Inklusion ist ein wichtiges Anliegen – das Edwin Scharff will für alle offen sein und Berührungsängste überwinden. Deshalb wird selbst im Kunstmuseum nicht einfach nur gestaunt, sondern kann jeder im Farbtipi chillen, kreativ werden und analog oder digital Bilder bauen.

Augen und Ohren auf: Das Edwin Scharff Museum in Neu-Ulm

Baukastenprinzip: in der Werkstatt im Edwin Scharff Museum kann jeder zum Klangkünstler werden. Foto: Sabine Wieshuber

Der Nachlass des in Neu-Ulm geborenen Malers, Grafikers und Bildhauers Edwin Scharff (1887–1955) bildet den Grundstock des Museums, das im Mai 2019 seinen 20. Geburtstag mit einem großen Fest feiert. Scharff gilt als einer der bedeutendsten deutschen Bildhauer der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Besonders in den Berliner Jahren von 1923 bis 1932 war er überaus bekannt und erfolgreich, bevor seine Werke als „entartete Kunst“ abgestempelt wurden. Seinen Figuren ist diese schwere Zeit nicht anzumerken – ruhig, stolz, gelassen und scheinbar nicht zu erschüttern, stehen sie im Raum und halten den Vergleich zu Werken von Scharffs Zeitgenossen wie Käthe Kollwitz, Ernst Barlach oder Georg Kolbe unbedingt aus.

Augen und Ohren auf: Das Edwin Scharff Museum in Neu-Ulm

So lebendig kann Stein wirken – die „Hockende“ von Edwin Scharff entstand in seinen Berliner Jahren 1926 bis 1928. Foto: Sabine Wieshuber

Auch Gegenständlichkeit und Abstraktion werden einander gegenüber gestellt. Die Kraft und die klaren Linien des Bildhauers Scharff konfrontiert das Museum mit einem etwa gleichaltrigen Maler, der im Gegensatz zu Scharff den Schritt zur Abstraktion wagte. Der Maler Ernst Geitlinger (1895–1972), ein experimentierfreudiger Künstler und Professor an der Münchner Akademie war mit seinen Gemälden und Skulpturen ein Vorreiter der abstrakten und ungegenständlichen Kunst in Deutschland.  Ein großer Teil des Nachlasses – rund 50 Werke – von Ernst Geitlinger wurde dem Museum von der Ernst-Geitlinger-Gesellschaft vermacht.

Augen und Ohren auf: Das Edwin Scharff Museum in Neu-Ulm

Von abstrakt bis transparent: Ernst Geitlinger und seine Schüler. Foto: Sabine Wieshuber

Neben den Ständigen Ausstellungen zu Edwin Scharff und Ernst Geitlinger gibt es auch regelmäßig wechselnde Sonderausstellungen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Kunst der Klassischen Moderne, also dem ausgehenden 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, hauptsächlich bei der Bildhauerei und bei Künstlern, die wie Scharff, der vom angesehenen Professor für Bildhauerei zum „entarteten“ Künstler abgestempelt wurde, zwischen den zwei Weltkriegen arbeiteten und unter den politischen Wirren litten. Zugleich lädt das Museum auch immer wieder aktuelle Künstler ein und spannt damit einen Bogen zur Gegenwart. Derzeit reicht er bis ins Land der aufgehenden Sonne…

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Der Spannungs-Bogen reicht von Neu-Ulm nach Japan: Emil Orlik, Japanische Frau vor einem Paravent, 1900, Holzschnitt. Private Sammlung Hamburg.  Foto: Maria Thrun

Japan löste in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen wahren Boom aus. Damals waren erstmals japanische Grafik und japanisches Kunsthandwerk in Europa zu sehen. Die fremde Ästhetik des japanischen Holzschnitts inspirierte die europäischen Künstler zu bis dahin unbekannten Bildkompositionen. Dem in Prag geborenen, später in Wien und Berlin tätigen Emil Orlik (1870 – 1932) ist die aktuelle Sonderausstellung „Wie ein Traum“ gewidmet. Dem Künstler und Reisenden genügte das Studium der exotischen Werke auf den Weltausstellungen oder in ausgesuchten Galerien nicht: Vor Ort wollte er die faszinierende Technik des japanischen Farbholzschnitts erlernen. Die so entstandenen Werke – längst nicht nur Holzschnitte, sondern auch Farblithografien und Radierungen – zählen zu den schönsten Zeugnissen einer von Japan beeinflussten Kunst, dem sogenannten Japonismus (noch bis 10. Februar 2019).

 

Edwin Scharff Museum

Petrusplatz 4

89231 Neu-Ulm

 

Abb. ganz oben: Von null auf 100 in einer Sekunde – Schreikabine in der Sonderausstellung „Hör mal, wer da guckt!“  Foto: Edwin Scharff Museum Neu-Ulm

Nathalie Schwaiger

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