Home Ausflugsperlen Von Sternen und Propststäben – Das Augustiner Chorherren Museum in Indersdorf

Von Sternen und Propststäben – Das Augustiner Chorherren Museum in Indersdorf

by Sabine Wieshuber

Dr. Elly Ott vom Augustiner Chorherren Museum in Indersdorf hat uns Rede und Antwort gestanden und erzählt von den größten Herausforderungen eines ehrenamtlich geführten Hauses, von besonderen Exponaten wie dem Propststab und den Anekdoten des Klosters! Das Museum hat im Jahr 2014 eröffnet, nachdem die Räumlichkeiten zuvor sieben Jahre lang restauriert wurden. Der Heimatverein Indersdorf e.V. hat sich bei dem neuen Museum das Ziel gesetzt, die Geschichte des heimatlichen Raums zu pflegen und zu erforschen. In den neuen Lokalitäten im sogenannten „Schneiderturm“, dem ehemaligen nördlichen Torturm des Klosters Indersdorf, und dem Mesnerhaus hat der Verein dazu nun die Möglichkeit. Im Fokus stehen zum Einen natürlich die Augustiner Chorherren und deren kulturelles und wissenschaftliches Leben, zum Anderen wird die wechselhafte Nutzung des Klosters nach der Auflösung des Stifts im 18. Jahrhundert beleuchtet. 2015 wurde das Augustiner Chorherren Museum mit dem Bayerischen Museumspreis in der Kategorie der ehrenamtlich geführten Museen ausgezeichnet.

Von Sternen und Propststäben - Das Augustiner Chorherren Museum in Indersdorf

Die thronende Madonna im Schneiderturm ist eines der schönsten Exponate im Augustiner Chorherren Museum. Foto: Niels P. Jørgensen – Studio Jorgensen

Warum haben sich die Augustiner Chorherren in Indersdorf niedergelassen und wie haben Sie den Ort geprägt?

Mit der Gründung des Klosters sollte eine Sünde gesühnt werden, daher ist das Geschehen eingebettet in die Politik und Vorstellungswelt der damaligen Zeit. Im Hochmittelalter haben die weltliche und geistliche Macht um die Vorrangstellung gerungen. Im Investiturstreit ging es um die Frage wer Bischöfe in ihr Amt einsetzen darf.  Pfalzgraf Otto IV. war im Gefolge von König Heinrich V. der sich in Italien zum Kaiser krönen lassen wollte. Der Papst verweigerte die Krönung und wurde deshalb gefangengesetzt. Der daraufhin ausgesprochene Kirchenbann des Papstes traf nicht nur den König sondern auch dessen Gefolgsleute. Die Exkommunikation bedeutete den Verlust sämtlicher kirchlicher Rechte z.B. bekam der Gebannte keine Sakramente oder durfte nicht in geweihter Erde begraben werden. Unter diesen Voraussetzungen hat der Pfalzgraf Otto IV. „seine Schuld bereut“. Als Zeichen der Sühne hat er das Kloster gestiftet. Über 650 Jahre haben Augustiner Chorherren als Priester und Seelsorger das Kloster in Indersdorf geleitet, sie haben dabei die Kultur der Region geprägt und sich auch wissenschaftlich betätigt.

Was waren und sind für Sie als Ehrenamtliche die größten Herausforderungen bei der Museumsarbeit?

Nach der Eröffnung des Museum im Oktober 2014 muss das Museum nun beworben werden, sowohl durch Sonderausstellungen als auch durch Aktionen. Die größte Herausforderung sehe ich aber für mich in der Schulung der MuseumsführerInnen, damit die Besucher in den Genuss einer interessanten Führung kommen und das Museum weiter empfehlen.

Wie hängt die Anekdote des Königsmörders mit dem Kloster zusammen?

Der Königsmörder Otto VIII. von Wittelsbach ist im Kloster Indersdorf begraben. Als Motiv für seine Tat vermutet man das gebrochene Versprechen des Königs Philipps II., Otto VIII. mit einer seiner Töchter zu verheiraten. Otto war zwar nach der Tat die Flucht gelungen, aber er wurde mit der Reichsacht belegt und erschlagen. Aufgrund der Bemühungen seiner Mutter wurde der Rumpf des Körpers dennoch in geweihter Erde bestattet.

Was hat es mit dem Propststab auf sich? Wann und wie wurde der Stab genutzt? Wie ist der Stab geschmückt?

Stäbe waren schon bei den Auguren ein Symbol der Gerichtsbarkeit. Im 4. Jahrhundert hat Kaiser Konstantin den Bischöfen erlaubt, als Zeichen geistlicher und weltlicher Rechtsprechung einen Stab zu tragen. Der Krummstab verbreitete sich ab dem 7. Jahrhundert bei kirchlichen Würdenträgern als Symbol der Gerichtsbarkeit. Seit dem Konzil in Basel hatten die Pröpste in Indersdorf das Recht Mitra und Stab zu tragen. Mitra und Stab gehören zu den Pontifikalien und berechtigen zu besonderen Weihehandlungen wie zum Beispiel der Weihe eines Diakons und Spendung der Firmung.  Der Propststab des Chorherren Museums stammt aus dem 18. Jahrhundert. Die Krümme ist aus ziselierten, vergoldeten Kupferblechen gefertigt und weist ein Dekor aus Akanthusblättern auf. Sowohl außen als auch auf der Vorder- und Rückseite befinden sich Edelsteine.

Von Sternen und Propststäben - Das Augustiner Chorherren Museum in Indersdorf

Die Mönchen beschäftigten sich mit unterschiedlichen Wissenschaften. Experimentiervorrichtung für Vakuumversuche im Schneiderturm. Foto: Niels P. Jørgensen – Studio Jorgensen

Welche Vorstellungen liegen den Augenvotiven zu Grunde? Welche Geschichte haben die Objekte?

Votivgaben haben ihre Wurzeln bei den Opfergaben uralter Zeiten und dem Wunderglauben. Eine Heilung von einem Gebrechen wurde als Wunder betrachtet und Heilige wurden als Fürbitter angerufen, wenn man ein Leiden hatte. Als Heilige wurden Menschen bezeichnet, denen es gelungen war ein Wunder zu vollbringen. Für Augenkrankheit wendete man sich beispielsweise an die hl. Lucie, die hl. Ottilie, den hl. Erhard oder den hl. Wolfgang. Die hl. Ottilie war blind geboren und erlangte durch das Gebet des hl. Erhard ihr Augenlicht. Die Kirche von Straßbach war der hl. Ottilie geweiht. Diese Kirche wurde vom Kloster Indersdorf seelsorgerisch betreut und die Wallfahrten durch Ablässe gefördert. Die silbernen Augenvotive sind ein Ausdruck der Volksfrömmigkeit. Sie stammen aus dem 19. Jahrhundert und sind jetzt im Museum in Indersdorf zu sehen.

Zur Langen Nacht der Münchner Museen 2016 durften unsere Besucher mit Ihnen „Sterne erforschen!“ und einen Sternenkompass basteln. Wieso eigentlich?

Die Augustiner Chorherren haben neben der Seelsorge auch wissenschaftliche Arbeit geleistet. Besonders unter Propst Gelasius Morhart wurde in wertvolle, der astronomischen Beobachtung dienende Gegenstände investiert und ein physikalisches Kabinett und eine Sternwarte eingerichtet. Die Sternwarte befand sich im unteren Torturm der Klosteranlage. Heute ist sie Teil des Augustiner Chorherren Museums. Um auf diese Leistung der Augustiner Chorherren aufmerksam zu machen, haben wir das Thema „Sterne erforschen!“ gewählt und mit dem Sternenkompass die Besucher aufgefordert, sich selbst ein Navigationsinstrument für den „Hausgebrauch“ zu erstellen.

Wann sind die Chorherren aus dem Kloster ausgezogen? Wie wurde das Gebäude nach dem Zweiten Weltkrieg genutzt und was ist eigentlich „UNRRA“?

Das Kloster wurde 1783 schon 20 Jahre vor der Säkularisation aufgelöst, weil es angeblich überschuldet war. Die Chorherren wurden mit Pensionen abgefunden. Sie haben teilweise in andern Klöstern Zuflucht gesucht, einige konnten eine Pfarrstelle besetzen oder im Priesterhaus in Indersdorf bleiben. Nach der Auflösung des Stifts wurde das Kloster zuerst von den Salesianerinnen und dann von den Barmherzigen Schwestern genutzt, die es zu einem Bildungs- und Erziehungsort umbauten. Im Krieg wurde das Kloster von den Nationalsozialisten zur Zwangsfürsorge für Kinder und Jugendliche herangezogen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Kloster Indersdorf von der UNRRA in ein internationales Kinderzentrum für ausländische, unbegleitete Kinder und Jugendliche umgewandelt. Die UNRRA war eine Vorläuferorganisation des heutigen Flüchtlingshilfswerks der UN. Sie bot eine schützende Umgebung für ca. 1.000 junge Überlebende der nationalsozialistischen Verfolgung, bevor diese auswandern oder in ihre Heimatländer zurückkehren konnten.

Von Sternen und Propststäben - Das Augustiner Chorherren Museum in Indersdorf

Auch die Nutzung des Klosters Indersdorf während der Kriegs- und Nachkriegszeit wird im Museum beleuchtet. Foto: Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern

 

Abb. ganz oben: Außenansicht des Museums, Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern.

 

Jana Walter & Anna Blenninger

mehr Museumsperlen für dich

Wir verwenden Cookies bei deinem Besuch auf unserer Webseite. Indem du unsere Webseite benutzt, stimmst du unseren Datenschutzrichtlinien zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Privacy & Cookies Policy