Home Ausflugsperlen München leuchtet! Ein Interview mit der Videokünstlerin Betty Mü

München leuchtet! Ein Interview mit der Videokünstlerin Betty Mü

by Sabine Wieshuber

Die Frau hat Ausstrahlung: Visual-Artist Betty Mü zaubert Licht ins Dunkel. Die Video Mappings, Lichtbeams, Projektionen und Lichtspiele sind das Highlight dieses Winters. Seit November ziehen sie Neugierige und Spaziergänger an. Gemeinsam mit ihren Künstlerkollegen Raphael Kurig und Christian Gasteiger, beide vom Gärtnerplatztheater, und weiteren Gastkünstlern erweckt sie das Kunstareal in München aus dem Corona-bedingten Dornröschenschlaf.
Die Fassaden werden zu Leinwänden. Light- und Videoinstallationen tauchen die Gebäude in Farbe und kehren die Schätze der 18 Museen und Ausstellungsräume von innen nach außen. Über den Dächern der Museen kreuzen sich unzählige Strahler, die vom Museum Brandhorst im Norden bis zur Antikensammlung im Süden reichen, vom NS-Dokuzentrum bis zum Lenbachhaus, von den Pinakotheken zum Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst.
Wir haben die Künstlerin zum Interview getroffen!

Das Kunstareal verbindet! Noch bis 14. Februar, jeden Abend ab Einbruch der Dunkelheit bis 21 Uhr!

Sie kommt aus der Clubszene, hat sechs Jahre in New York gelebt, lässt gern Mäuse fliegen und Pudel tanzen, verleiht den Besuchern der Galerie der Künstler Flügel oder kleidet Hochhäuser in Mustermix… Das Projekt im Münchner Kunstareal ist das größte, das sie bisher auf die Beine gestellt hat. Betty Mü, alias Bettina Müller, arbeitete als VJ in Clubs wie Harry Klein, illuminierte die Schrannenhalle, die Berlin Fashion Week und das Gärtnerplatztheater. Heute lebt sie mit ihrer Familie glücklich in Anzing, dort hat sie ihre Werkstatt in einer ehemaligen Metzgerei und macht Testläufe auf dem Einödhof ihres Mannes, aber eigentlich ist sie ein City Girl…

Wie hast du den Lockdown und das letzte Jahr erlebt?

Es war für mich – wie für viele – ein großer Einschnitt. Kunst und Kultur waren plötzlich nicht mehr möglich, zumindest, nicht so, wie wir es kennen. Und hinter diesen beiden Begriffen – Kunst und Kultur – steckt für mich nicht nur meine Arbeit und mein Lebensunterhalt, sondern sie sind meine alltägliche Inspiration, fordern mich immer wieder heraus, sie bedeuten Offenheit, Emotionen, Partizipation, Vernetzung, Vielfalt, sie geben Sinn und verbinden Menschen. Ihre Abwesenheit ist für mich, unvorstellbar und unerträglich. Auch mir sind Projekte und Aufträge weggebrochen oder sind „on hold“, aber ich habe versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Mit meinen langjährigen Wegbegleiter Raphael Kurig und Christian Gasteiger habe ich die Zeit genutzt und unsere Agentur WE ARE VIDEO aufgebaut.

München leuchtet! Ein Interview mit der Videokünstlerin Betty Mü

Woher kam die zündende Idee für die Lichtaktion im Kunstareal?

Es war eine Ausschreibung der Stadt München im Sommer, als fest stand, dass es keine Wiesn und auch keine Christkindlmärkte geben wird – und wir haben gewonnen. Die Aktion sollte Lust machen, ins Museum zu gehen – bis November waren sie ja alle noch offen. Doch dann kam die zweite Corona-Welle und als die Sammlungen wieder schließen mussten, bekam es auf einmal eine ganz andere Dimension.
Gerade in einer Zeit, in der all die Museen und Institute im Kunstareal und Kultureinrichtungen generell für die Öffentlichkeit geschlossen sind, in der die Künstler*innen und Kulturschaffende sehr zurückstecken müssen, ist es uns wichtig, mit dieser Aktion Kunst und Kultur sichtbar zu machen. Wir hoffen, dass alle Häuser bald wieder öffnen können, dass jeder wieder live Kunst erleben und entdecken kann. Bis dahin möchten wir die Vorfreude noch etwas steigern!

Viel Zeit hattet ihr nicht… Wie liefen die Vorbereitungen?

Es waren intensive drei Monate, denn wir hatten nur von September bis November Zeit, um alles hinzubekommen. Die wichtigste Frage war deshalb: was ist überhaupt machbar? Wie weit reicht der Beamer? Dürfen die Lichtstrahlen über die Straße gehen? Dürfen wir da aufs Dach rauf?
Mit dem Kameramann Alex Valcioiu habe ich in den Sammlungen gedreht, in manchen durften wir sogar außerhalb der Öffnungszeiten filmen und hatten die Ausstellungsräume für uns allein. Ein großartiges Erlebnis! Andere Häuser, wie das Reich der Kristalle oder das Museum für Abgüsse, haben uns sogar in die Lager und Werkstätten hinein gelassen – das war absolut toll! Wir sind auch auf Dächer gestiegen und haben Luftaufnahmen von oben mit der Drohne gefilmt. Nur mit der modernen Kunst gestaltete es sich leider schwieriger, wegen der Rechte…

Technisch war’s sicher aufwändig, oder?

Allerdings, unsere Technikpartner hatten alle Hände voll zu tun. Die Flächen und Entfernungen sind riesig! Alles muss erst einmal genau anhand von UV-Maps berechnet werden, die jeden Vorsprung in der Fassade oder die Säulen an der Antikensammlung darstellt. Zusätzlich wurde es noch mal mit einem Laser vermessen.
Ohne die Unterstützung des Kulturreferats, wäre es dennoch eng geworden. Sie haben uns Technik, Lampen und Scheinwerfer zur Verfügung gestellt, die, zum Glück für uns, mal ausnahmsweise nicht gebraucht wurden, weil die Weihnachtsmärkte ausfielen. Ursprünglich waren auch interaktive Installationen, Sound-Effekte und eine „Licht statt Böller“ Aktion geplant, doch das musste wegen der Corona-Sicherheitsmaßnahmen alles wieder gestrichen werden.

Was gibt es im Kunstareal denn alles zu sehen?

Wir machen die Schätze in den großen und kleinen Museen sichtbar, wir zeigen mit Inside | Out, was derzeit verborgen ist. Raphael Kurig verbindet mit seinen Beams die Orte in einem Lichter-Netz. Ich liebe Yul Zesers Installation „Der Lichte Raum“, der zu einem Lichtbad in die Propyläen an der Stirn des Königsplatzes einlädt. Die 18 Lichtkugeln von Helmut Eding sind ein Instagram-Must und stehen für die 18 Museen im Kunstareal. Vor der Alten Pinakothek hat Geogel Cita vom Kulturreferat einen märchenhaften Lichtwald wachsen lassen. Lichtspiele betonen die bunte Außenhaut des Museum Brandhorst und jetzt im Januar neu dazu gekommen sind Riesen-Augen von Dürer & Co, die im Blick | Wechsel die Passanten heimlich beobachten.

München leuchtet! Ein Interview mit der Videokünstlerin Betty Mü

Wie bist du Videokünstlerin geworden?

Ich bin in den 70ern in Schwabing aufgewachsen und mit Anfang 20 nach New York gegangen, wo ich auch an der School of Visual Arts Kurse belegte. Meine ersten Versuche habe ich dort mit der Super-8-Kamera von meinem Opa gemacht. Ich filmte, was mir in der Stadt vor die Linse kam und legte es in Loops an – in einer selbst gebastelten Konstruktion mit Kleiderbügeln. Aus ein paar Monaten wurden sechseinhalb Jahre in den USA. Nach meiner Rückkehr nach Deutschland habe ich zuerst viel als Live Visual Artist in Clubs gearbeitet.  Da mir das auf lange Sicht zu kurzlebig war, fing ich an, feste Kunstinstallationen gestalten. Dann kamen konzeptionelle Videokunstanfragen für Modeschauen, Messen und Veranstaltungen hinzu. Alles mit meinem künstlerischen Anspruch – dem Betty Mü Style… Aber Museumscontent eignet sich wirklich sehr gut!

München leuchtet! Ein Interview mit der Videokünstlerin Betty Mü

Was fehlt dir momentan während des Lockdowns am meisten?

Ich finde es beeindruckend, wie viele Kulturschaffende und Kulturinstitutionen sich in dieser Zeit neu erfunden und neue Formate auf die Beine gestellt haben, besonders online. Aber natürlich vermisse ich das „echte Erlebnis“. Endlich mal wieder zu einem Konzert gehen oder in einem Club tanzen, im Theater sitzen, durchs Museum laufen… – und das mit anderen Menschen teilen, ohne auf Abstand achten, oder sich Sorgen machen zu müssen, ob man jemanden gefährdet. Gerade mit Menschen, die einem sehr nah stehen. Und – ich habe zwei Kinder, 6 und 9 Jahre alt – wenn man im Homeoffice auch noch Homeschooling stemmt, freut man sich auf jede Stunde, in der man sich in Ruhe auf die Arbeit konzentrieren kann.

Was war positiv an dieser neuen Erfahrung 2020?

Zu sehen, dass es immer irgendwie weiter geht. Im vergangenen Jahr, und sicherlich auch in den nächsten Monaten, mussten und müssen wir uns auf ständig neue Regelungen und Situationen einstellen, aber irgendwie haben wir es geschafft und dabei auch noch ein tolles Projekt auf die Beine gestellt. Jetzt habe ich die Hoffnung, dass diesem Lockdown nicht der Nächste folgt und wir Kulturschaffenden bei den Öffnungsstrategien von Anfang an mitbedacht werden. Dafür gilt es sich jetzt stark zu machen. 
Ganz besonders dankbar bin ich auch meinem Mann, ohne seinen Support – mental und bei der Kinderbetreuung – hätte ich so ein Riesenprojekt nicht geschafft.

München leuchtet! Ein Interview mit der Videokünstlerin Betty Mü
Bald tanzen wir hoffentlich wieder: 2021 plant Betty Mü das immersive Kunstwerk „VideoArt4Future“  in einem Spiegelcontainer. Wo es in München stehen wird, ist noch eine Überraschung… Foto © Miki Kuschel

Worauf freust du dich 2021?

Ich habe jede Menge Ideen und Pläne. Die Aktion im Kunstareal kommt super an und hat eine tolle Reichweite. Wir waren in vielen Zeitungen und sogar in den Tagesthemen, wer weiß, vielleicht entstehen aus dieser neuen Sichtbarkeit spannende neue Projekte. Unter anderem würde ich gern feste Installationen und Erlebniswelten erschaffen und generieren. Diesen Sommer werde ich in München mit „VideoArt4Future“ einen Spiegelcontainer bespielen, wo die Menschen in meine Bilder eintauchen können. Wo genau er stehen wird, ist noch nicht ganz klar. Aber ich freue mich schon drauf, endlich wieder unter Menschen zu kommen, Erlebnisse zu teilen, zu feiern und zu tanzen!

Nathalie Schwaiger & Ania Hillenbrand, Fotos ©  Michael Engelhardt  |  Eyemented

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