Home Ausflugsperlen Fragen über Fragen… und Antworten zur „Schadographie“ und dem zukünftigen „Christian Schad Museum“ in Aschaffenburg

Fragen über Fragen… und Antworten zur „Schadographie“ und dem zukünftigen „Christian Schad Museum“ in Aschaffenburg

by Sabine Wieshuber

Gastbeitrag von Anne Kraft M.A., Museen der Stadt Aschaffenburg (Presse- und Öffentlichkeitsarbeit)

Schadographie? Fotogramm? Häufig sehe ich Fragezeichen in den Augen meines Gegenübers, wenn ich diese Begriffe erwähne. Im Zusammenhang mit dem Künstler „Christian Schad“ und der „Dada“-Bewegung zündet bei manchem der Funke des Erkennens. Doch in Zeiten der omnipräsenten Smartphones und Digitalkameras erscheint es beinahe unvorstellbar, eine Fotografie ohne Kamera hervorzubringen, die auch noch einzigartig und nicht beliebig oft zu teilen ist.

Doch fangen wir von vorne an, schließlich will ich auch hier nicht die Leserschaft im Unklaren lassen:

Ein Fotogramm ist tatsächlich eine Fotografie, die ohne Kamera entstanden ist. Der Künstler Christian Schad war einer der Pioniere auf diesem Gebiet. Er legte verschiedene Gegenstände auf lichtempfindliches Papier und belichtete mit Tageslicht. Ein Fotogramm besitzt also kein Negativ, von dem Abzüge erstellt werden könnten. Jedes ist ein Unikat. 1919, noch vor Laszló Moholy-Nagy und Man Ray, erschuf Christian Schad 31 dieser Kunstwerke, die der Dada-Theoretiker Tristan Tzara (1896-1963) später „Schadographien“ nannte. Sie gelten als Pionierleistung auf dem Weg zur künstlerischen Abstraktion. 27 von ihnen sind weltweit erhalten. Die Museen der Stadt Aschaffenburg konnten 2015 als erste deutsche Institution die „Schadographie 11“ aus US-amerikanischem Privatbesitz für das Christian Schad Museum erwerben.

Fragen über Fragen… und Antworten zur „Schadographie“ und dem zukünftigen „Christian Schad Museum“ in Aschaffenburg

Christian Schad, Schadographie 11, 1919, Museen der Stadt Aschaffenburg
© Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg (CSSA) / VG Bild-Kunst, Bonn
Foto: Ines Otschik (Museen der Stadt Aschaffenburg)

Christian Schad (1894-1982) zählt zu den bedeutenden deutschen Künstlern der Moderne. Sein Name ist heute vor allem mit der Stilrichtung der „Neuen Sachlichkeit“ der 1920er Jahre in Europa verbunden. Doch sein Leben und Werk reflektiert exemplarisch die Kunstbewegungen des 20. Jahrhunderts von „Dada“ und „Expressionismus“ und eben der „Neuen Sachlichkeit“ bis hin zu den Experimenten in der Kunst nach 1945 („Magischer Realismus“). Seine „Schadographien“, die er in der Zeit nach dem I. Weltkrieg entwickelte und in den 1960er Jahren wieder aufgriff, begründen neben den „Ikonen“ der Neuen Sachlichkeit heute seinen Weltruhm. Die „Sonja“ (1928) hängt in der Neuen Nationalgalerie in Berlin, das „Selbstbildnis mit Modell“ von 1927 in der Tate in London und das Metropolitan Museum of Art in New York besitzt zwei der frühen „Schadographien“ von 1919.

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Christian Schad, Selbstbildnis mit Modell, 1927, Privatsammlung
© Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg (CSSA) / VG Bild-Kunst, Bonn

Doch was hat Christian Schad nun mit Aschaffenburg zu tun? Und warum wird ausgerechnet hier das Christian Schad Museum gebaut? Was gibt es dort zu sehen? Immer mehr Fragen tun sich auf, wenn ich von dem großen aktuellen Aschaffenburger Museumsprojekt berichte. Das zentrale Jahr für die Verbindung von Christian Schad und Aschaffenburg ist 1942. Damals kam der Künstler für lukrative private und öffentliche Aufträge hierher. Sein Berliner Atelier wurde kurze Zeit später im Bombenkrieg zerstört. Seine spätere Frau Bettina Mittelstädt rettete in einer spektakulären Aktion seine heute weltweit bekannten Gemälde und brachte sie zu ihm. Aus der zunächst provisorischen Übergangssituation wurde ein vier Jahrzehnte währender Aufenthalt. Bettina und Christian Schad sind in Keilberg bei Aschaffenburg begraben, wo sie zuletzt lebten.

Bettina Schad (1921-2002) gründete im Jahr 2000 die „Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg“. Nicht nur 3.200 Kunstwerke bilden den Bestand, sondern auch das komplette private Archiv des Künstlers ist in die Stiftung übergegangen. Bei der Einrichtung der drei Etagen des Christian Schad Museums werden die Mitarbeiter der Museen der Stadt Aschaffenburg also aus dem Vollen schöpfen können. Aschaffenburg ist damit weltweit der einzige Standort, der alle Schaffensperioden des „Meisters der neuen Sachlichkeit“ beleuchten kann. Die Museumsbesucher erwarten von der Malerei über die Schadographie bis hin zur Photographie hervorragende Zeugnisse, die einen Streifzug durch Kunst und Gesellschaft im 20. Jahrhundert bieten werden.

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Archivalien aus dem Bestand der Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg
Foto: Ines Otschik (Museen der Stadt Aschaffenburg)

Was kann der Besucher im neuen Museum tun? Besucherorientierung ist ein zentrales Schlagwort unserer Museumsarbeit. Dieser Aufgabe nehmen wir uns in verschiedenen Projekten an. Während ich die digitale Kommunikation mit den Besucherinnen und Besuchern in ersten Schritten bereits umsetze, arbeite ich mit meinen Kolleginnen Anja Lippert M.A. und Ina Paulus M.A. vom Führungsnetz Aschaffenburg ganz analog: wir entwickeln einen Museumsbegleiter, der auf gut 40 Seiten das Wichtigste nahe bringt. Natürlich stehen Christian Schad und seine Werke im Mittelpunkt, aber wir wollen mit Denkanstößen und kreativen Angeboten Jung und Alt dazu bringen, sich mit der künstlerischen und geschichtlichen Epoche auseinanderzusetzen. Die Grundlage dafür schafft Dr. Thomas Richter, Direktor der Museen der Stadt Aschaffenburg mit seinem Begleitbuch zur Museumseröffnung. Gleichzeitig werden die Bände 3 bis 5 des Werkverzeichnisses erarbeitet.

Die Schadographie wird sowohl in der Ausstellung als auch in der Vermittlungsarbeit eine wichtige Rolle spielen. In der geplanten App wird sie voraussichtlich Thema eines interaktiven Moduls sein.

Bereits jetzt werden Vermittlungsangebote zum Beispiel für Schulklassen entwickelt und getestet. Unter dem Titel „Experiment Schadographie“ durften Zehntklässler des Hanns-Seidel-Gymnasiums Hösbach ähnlich wie Christian Schad vor knapp hundert Jahren mit lichtempfindlichem Papier und unterschiedlichsten Objekten experimentieren, um am Ende eigene Fotogramme in den Händen zu halten. Mit solchen Workshops kommen wir unserem Ziel näher, dass die Werke von Christian Schad, ganz besonders die weltberühmten Schadographien, nicht nur betrachtet, sondern auch neu interpretiert werden.

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Wie der Künstler selbst signieren die Schüler des Hanns-Seidel-Gymnasiusms Hösbach ihre Werke. Foto: Ines Otschik, Museen der Stadt Aschaffenburg

Für Einzelbesucher des zukünftigen Museums soll es den „Schadomat“ (Arbeitstitel) geben, den Anja Lippert und Ina Paulus gemeinsam mit den Kunstlehrern Sabina Grzywacz und Bernd Dörig geplant haben. Er wird großen und kleinen Besucherinnen und Besuchern ganz praktisch die Fotogramme von Christian Schad näher bringen. Sie sollen selbst vor Ort ihre Schadographien entwickeln und direkt mit nach Haus nehmen können. Diese Idee hielten nicht nur wir für preiswürdig: auch die Jury des Förderpreises „Vermittlung im Museum“ der Bayerischen Sparkassenstiftung sah es so. Beim diesjährigen Bayerischen Museumstag in Schwabach erhielten die Museen der Stadt Aschaffenburg einen der beiden Nebenpreise für die Idee. Nun heißt es nicht nur für dieses Projekt: ran an’s Werk, damit alles bis zur Eröffnung fertig ist!

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Die Preisträger des Förderpreises „Vermittlung im Museum“ (Nebenpreis) aus Aschaffenburg v.l.n.r. Dr. Ingo Krüger (Geschäftsführender Vorstand der Bayerischen Sparkassenstiftung), Rita Smischek (stv. Vorstandsvorsitzende Sparkasse Mittelfranken Süd), Bernd Döring (Museen der Stadt Aschaffenburg/ Christian Schad Museum), Ina Paulus (Führungsnetz Aschaffenburg), Anja Lippert (Museen der Stadt Aschaffenburg/ Christian Schad Museum), Bernd Sibler (Staatssekretär im Bayer. Staatsministerium für Bildung und Kultur, Wissenschaft und Kunst), Dr. Astrid Pellengahr (Leiterin der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern), Karl Freller (MdL), Foto: Gert Klaus

Aber wann öffnet das Museum? Die Baustelle des Christian Schad Museums liegt mitten in der idyllischen Aschaffenburger Altstadt, gleich in der Nähe zum berühmten Schloss Johannisburg. Logisch, dass der Fortschritt sehr genau beobachtet wird und diese Frage mit großer Erwartung gestellt wird. Derzeit herrschen noch die Architekten, Bauleiter und Bauarbeiter. Doch bald sollen wir dort wirken können, um unsere Planungen zur Präsentation auch in die Tat umzusetzen. Bis zur Eröffnung, die voraussichtlich im Herbst 2018 sein wird, ist das Museum aber schon virtuell geöffnet: Auf unserem Blog http://www.christian-schad-museum.de/ gebe ich regelmäßig Einblick hinter die Kulissen, berichte von der Baustelle und stelle unsere Projekte für das neue Museum vor. Wir freuen uns also schon jetzt über Besuch – und weitere Fragen!

Museen der Stadt Aschaffenburg
Schlossplatz 4
D-63739 Aschaffenburg

Telefon: (0)6021-38674-0

Abb. ganz oben: Das Christian Schad Museum in Aschaffenburg, Visualisierung: Architekten Böhm+Kuhn, Iphofen/Dettelbach

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