Home Ausflugsperlen Ende gut, alles gut… das Deutsche Medizinhistorische Museum Ingolstadt schreibt Geschichte

Ende gut, alles gut… das Deutsche Medizinhistorische Museum Ingolstadt schreibt Geschichte

by Sabine Wieshuber

Wie sieht die Exit-Strategie aus? Wie entwickeln sich die Zahlen? Ist irgendwann ein Ende des Lockdown, eine Abflachung der Infektions-Kurve in Sicht? Das waren wohl die Fragen, die uns die letzten Wochen alle in Atem gehalten haben…
Unser Leben und unser kollektiver Alltag haben sich durch Corona enorm verändert. Ärzte und Krankenhauspersonal haben Unglaubliches geleistet. Sie sind die Helden dieser Gesundheitskrise, da sind wir uns alle einig. Und die Hoffnung der Welt liegt nun wieder einmal auf der Medizin, der Entdeckung eines bahnbrechenden Impfstoffes sowie wirksamen Medikamenten gegen Covid-19.

Das Ende ist in Sicht: die Ausstellung im DMMI eröffnet zum Museumstag am 17. Mai wieder!

In der Medizin bleibt es spannend: auch jetzt erhoffen wir von Forschern und Medizinern Schutz und Heilung vor dem neuartigen Virus, der den gesamten Planeten in Ausnahmezustand versetzt hat. Dieses Phänomen ist aber gar nicht so neu wie wir denken. Für Seuchen und Epidemien gibt es in der Geschichte etliche Beispiele – von Pest über Cholera bis zur Spanischen Grippe, die vor hundert Jahren Millionen von Menschen das Leben kostete. Auch damals wurden Vorkehrungen zum Schutz vor Ansteckung und Ausbreitung getroffen…

Ein Gastbeitrag des DMMI in Ingolstadt

Ende gut, alles gut... das Deutsche Medizinhistorische Museum  Ingolstadt schreibt Geschichte
Temperatur-Check: dieses Quecksilberthermometer zum Fiebermessen ist eines der vielen Objekte, die in der „Covid19 & History“-Galerie vorgestellt werden. Foto: DMMI/Alois Unterkircher

Das DMMI hat die coronabedingte Schließung genutzt und auf seiner Homepage eine Objektgalerie „Covid-19 & History“ zu diesem Thema angelegt. Dort könnt ihr euch ein detailliertes Bild über die Maßnahmen und Objekte machen, die im Laufe der Geschichte zur Seuchenbekämpfung eingesetzt wurden. Manches davon wird euch sicher bekannt vorkommen. Während der Schließung wird die digitale Galerie ständig um neue interessante Objekte erweitert, die immer auch auf unserer Instagram– und Facebookseite gepostet werden.

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In ultimo: Unterkühlte wurden auf dieser Wärmebank wiederbelebt. In die doppelten Metallwände wurde heißes Wasser eingefüllt. Foto: DMMI/Greta Butuci

Tatsache ist, dass die Medizin immer wieder vor besondere Herausforderungen gestellt wurde. Durch die Entwicklung von Medikamenten oder Apparaturen in schweren Zeiten änderte und beeinflusste sie das Leben der Menschen grundlegend. So war es auch zur Zeit der Aufklärung, als durch neue Erkenntnisse zur Todesfeststellung in Wissenschaft und Medizin eine neue Ära eingeleitet wurde. Um dieses Phänomen dreht sich die aktuelle Ausstellung des DMMI „scheintot. Über die Ungewissheit des Todes und die Angst, lebendig begraben zu werden“. 

Die Anzeichen des Todes sind trügerisch…“

Jacques-Jean Bruhier d‘Ablaincourt (1686-1756)

Mit Beginn der Aufklärung wurden die Methoden zur Todesfeststellung und damit die Eindeutigkeit des Todes immer mehr angezweifelt. Denn die Todesfeststellung lag zu dieser Zeit noch in den Händen Geistlicher. Diese verwendeten Handspiegel, Daunenfeder oder Wasserglas, um einen Atemhauch oder die Atembewegung bei einem Totgeglaubten festzustellen. So wurde beispielsweise der Handspiegel vor Mund und Nase gehalten, um die Atmung durch Beschlagen des Spiegels festzustellen. Konnten die Geistlichen auf diese Weise kein Lebenszeichen erkennen und war auch kein Puls zu fühlen, wurde die Person für tot erklärt. Derart unsichere Methoden lassen also vermuten, dass so mancher Scheintoter lebendig begraben wurde. Zur Rettung dieser Scheintoten und der Vermeidung eines vorzeitigen Begräbnisses wurden Nachforschungen an menschlichen Körpern angestellt und entsprechende Maßnahmen getroffen. Über die Einführung der Totenscheine und Beerdigungsfristen, die Anwendung pflanzlicher Arzneimittel und verschiedener Instrumente, wie Tabakrauchklistiere sowie Experimente mit Elektrizität zur Erweckung Scheintoter, könnt ihr in der Ausstellung mehr erfahren.

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Apparaturen, die über Leben und Tod entschieden: bald wird es in der Ausstellung „scheintot“ hoffentlich nicht mehr ganz so still sein. Foto: DMMI/Greta Butuci

Knallige Farben und neu hochgezogene Wände

Die Ausstellung „scheintot“ ist eine der aufwendigsten Sonderausstellungen, die je im DMMI gezeigt wurden. In dem eher kleinen Ausstellungsraum mussten vier verschiedene Räume entstehen, um die unterschiedlichen Aspekte besser abzugrenzen. Hierfür wurden ganze Wände neu hochgezogen und in den für diese Ausstellung ungewöhnlichen Farben gestrichen – denn selbst ein eher düsteres Thema verliert an Schärfe, wenn man es in der Farbe Petrol präsentiert. Idee und Entwurf zur Ausstellung kamen vom Ausstellungsbüro „h neun Berlin“, das diese bereits in anderen Städten wie Kassel und Berlin präsentiert hat. Für Ingolstadt wurde sie aber gemeinsam mit dem Team des DMMI neugestaltet und durch Informationen zu den Verhältnissen im Königreich Bayern ergänzt.

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Der Anstoß für die Scheintod-Debatte kam vom Pariser Anatomen Jacques-Bénigne Winslow. Foto: DMMI/Greta Butuci

Ein ungewöhnliches Thema für einen außergewöhnlichen Ort?

„Warum gerade eine Ausstellung über den Scheintod?“ werden wir oft gefragt. Wir geben auch immer wieder gerne eine Antwort darauf und überraschen die BesucherInnen mit meist ungekannten Fakten zu Ingolstadt und dem Museum. Es gibt nämlich viele Anknüpfungspunkte zu diesem Thema. Beispielsweise wurde von Ärzten im Zuge der Scheintod-Debatte viel geforscht, um die Beschaffenheit des Körpers und seine organischen Abläufe zu verstehen. Das geschah auch in Ingolstadt: Die Alte Anatomie beherbergte die medizinische Fakultät und im anatomischen Hörsaal im ersten Stock führte einst ein Medizinprofessor, umringt von seinen Studenten, Sektionen durch. Die barocken Säle, wo sich seit 1973 das älteste Medizinhistorische Museum der Bundesrepublik befand, werden derzeit gerade saniert. Die komplett neu konzipierte Dauerausstellung soll im Herbst 2020 wieder eröffnet werden. Daneben entstand ein moderner Anbau des Berliner Architekten Volker Staab.

Der Arzneipflanzengarten des Museums spielt ebenfalls eine Rolle in der Ausstellung, denn viele der Pflanzen, die dort wachsen, wie Knoblauch und Tabak wurden den Scheintoten verabreicht, um sie wieder ins Leben zurückzuholen. Zudem verarbeiteten viele Autoren das Thema in ihren Romanen und Erzählungen, so zum Beispiel auch Mary Shelley. Sie griff die Experimente mit Elektrizität am menschlichen Körper auf und integrierte sie in ihren Schauerroman um Frankenstein und sein Monster. Was viele nicht wissen: Die Geschichte um Frankenstein spielt ebenfalls in Ingolstadt.

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Frankenstein spielt in Ingolstadt: Schriftsteller und Wissenschaftler waren zur Zeit der Aufklärung von der Beschaffenheit des menschlichen Körpers fasziniert. Foto: DMMI/Greta Butuci

Der Beginn der modernen Rettungsmedizin

Zu den Scheintoten wurden übrigens auch Ertrunkene gezählt. Man versuchte diese mit neu entwickelten Apparaturen wiederzubeleben. Die Obrigkeit verteilte hierzu Rettungskisten an öffentlichen Plätzen, auf die im Notfall jeder zugreifen konnte. Zum Inventar einer solchen Kiste aus Hamburg gehörte eines der faszinierendsten Objekte in der Ausstellung: ein Blasebalg aus dem 18. Jahrhundert. Damit wurde ein Luftstrom über einen Schlauch zu einem Nasenstück geleitet, das dem Verunglückten zur Beatmung in ein Nasenloch gesteckt wurde. Ein frühes Beatmungsgerät also. Neben dem Blasebalg gab es noch viele andere spannende Erfindungen, wie eine Wärmebank, mit der Unterkühlte schnell und am ganzen Körper gewärmt werden konnten oder eine Vorrichtung für elektrische Schocks, einem Vorläufer des heutigen Defibrillators.

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Die wissenschaftliche Volontärin Greta Butuci erklärt die Elektrisiermaschine. Foto: DMMI/Claudia Rühle

Eine Ausstellung ohne Besucher…

Obwohl die Ausstellung für BesucherInnen bislang geschlossen bleiben musste, wird sie von uns immer wieder kontrolliert und gewartet. Für bestimmte Objekte darf es im Raum und in den Vitrinen weder zu feucht noch zu trocken, weder zu heiß noch zu kalt sein. Die Beleuchtung muss auch von Zeit zu Zeit geprüft werden. Wenn das Museum jetzt bald wieder eröffnen kann, soll alles funktionieren.

Ab und zu bin auch ich in der Ausstellung unterwegs, um mir Ideen für Führungen nach der Schließung zu überlegen oder nach Objekten zu sehen. Der Gang durch die menschenleeren Räume fühlt sich immer wieder seltsam an. Auch die Stille, die dort momentan herrscht, ist befremdlich – keine Führungen, keine Nachfragen, keine erstaunten Gesichter. Zeit, dass sich das bald wieder ändert!

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Als die Cholera-Epidemie 1831/32 wütete, kursierten zahllose Ratschläge gegen Ansteckungen. Die „Cholera-Präservativfrau“ trägt alles am Leib, was damals zur Abwehr der Cholera empfohlen wurde. Foto: DMMI/Claudia Rühle

Die Überwindung der Hysterie und der Krise

Die Hysterie um den Scheintod ist, insbesondere dank des medizinischen Fortschritts, längst überwunden. Irgendwann wird auch die momentane Corona-Krise überstanden sein und das Leben und die BesucherInnen werden wieder in unsere Ausstellung zurück kehren. Bis es soweit ist, könnt ihr euch mit unseren digitalen Angeboten zu „virtuellen Gartenführungen“ und „Covid-19 & History“ auf unserer Homepage, aber auch auf Instagram #dmmingolstadt #covid19history und Facebook @dmmingolstadt über Wasser halten.

Zum Schluss noch ein Aufruf: egal ob selbstgenäht oder gekauft, egal ob mit Karomuster oder Einhorn – wir sammeln eure Corona-Schutzmaske! Bitte schickt uns ein Selfie mit der Maske und die Geschichte dazu. Die Maske selbst braucht ihr ja noch! Wir wählen anhand der eingesandten Fotos interessante Schutzmasken für die Sammlung des Deutschen Medizinhistorischen Museums aus.

Abb. ganz oben: Notausgang – dieser Türgriff an der Innenseite einer Leichenkühlzelle zeigt, dass auch heute noch Sorge getragen wird, dass sich Menschen bei irrtümlicher Todesfeststellung selbst befreien können. Foto: DMMI/Greta Butuci

Ein Gastbeitrag von Greta Butuci, wiss. Volontärin am Deutschen Medizinhistorischen Museum Ingolstadt

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