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Wer quakt denn da? Besuch aus dem Erika-Fuchs-Haus

by Sabine Wieshuber

Seit einigen Wochen haben wir einen ganz besonderen, Goldtaler-schweren Gast hier bei uns im Infopoint: Dagobert Duck, VIP-Einwohner aus Schwarzenbach an der Saale. Der kleine Ort im Fichtelgebirge ist ein Hotspot für große und kleine  „Donaldisten“ – seit 2008 dort ein Museum in Gedenken an die Übersetzerin Erika Fuchs eröffnet hat, pilgern Comic-Fans in den Bayerischen Nordosten…

Wer quakt denn da? Besuch aus dem Erika-Fuchs-Haus
Jubel, jubel und tirillier: Deutschlands beliebtester Erpel hat seit 2008 ein eigenes Museum. Foto: Erika-Fuchs-Haus

Erika Fuchs war es, die den Charakter-Enten erst das Schnattern beibrachte, zumindest auf deutsch – und maßgeblich zum Kultstatus von Donald und Co. beigetragen hat. Fast ein halbes Jahrhundert lang hat sie die Micky-Maus-Hefte übersetzt. Dass sie die Enten eindeutig den Mäusen vorzug, ist dabei nicht zu übersehen: die Ducks (bitte mit U ausgeprochen!) hatten immer mehr Seiten als Familie Maus.
Noch bis 26. Januar könnt ihr hier bei uns im Alten Hof in München Comic-Kultur schnuppern. Doch einen Besuch im Erika-Fuchs-Haus in Schwarzenbach ersetzt dies natürlich auf keinen Fall!

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„Dem Ingeniör ist nichts zu schwör“, die Wortschöpfungen von Erika Fuchs sind legendär. Foto: Erika-Fuchs-Haus

Sie war eine Pionierin und eine Trendsetterin. Erika Fuchs, 1906 geboren als Johanna Theodolinde Erika Petri in Rostock, setzte sich schon als Kind durch. Sie erreichte, dass sie als erstes Mädchen das Knabengymnasium im Ort besuchen durfte. Nach dem Abitur zog es sie hinaus in die weite Welt, sie studierte Kunstgeschichte in Lausanne, München und London. Dort lernte sie so gut Englisch, dass sie später damit ihren Lebensunterhalt verdienen sollte. Mit ihrem Mann Günter Fuchs zog sie in dessen Heimatdorf, einem kleinen Ort im Fichtelgebirge, nicht weit von der tschechischen Grenze. Nach dem Krieg suchte Erika Fuchs eine Arbeit. Ihr Mann, ein „Ingeniör, dem nichts zu schwör“ war, hatte eine Kachelofen-Firma, war viel unterwegs und hat sie bestimmt auch auf die eine oder andere gute Idee gebracht.
 „Sie bewarb sich beim Reader’s Digest und war sehr froh, als man ihr als Übersetzerin in der fränkischen Provinz eine Chance gab. Es lief gut und als man ihr dann 1951 das neue Micky Maus aus den USA anbot, ein dünnes Heftchen mit bunten Bildern, in dem Mäuse und Enten sich in Sprechblasen unterhielten, wollte meine Mutter erst gar nicht,“ so verrät uns ihr Sohn Nikolaus Fuchs, 84, „Sie zeigte es meinem Vater und dem gefielen die Zeichnungen. Denn wenn man genau hinschaut, sind alle Disney-Figuren auf Basis eines Kreises aufgebaut. Das ist wirklich sehr spannend und gut gemacht. So hat mein Vater letztlich meine Mutter überzeugt, dass sie die Micky-Maus-Hefte übersetzen sollte.“

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Aber bitte mit Humor: Erika Fuchs hat sich mit ihren Geschichten aus Entenhausen ein Denkmal gesetzt. Foto: Ehapa-Verlag

75 Pfennig kosteten die Heftchen – in den 50er Jahren war das viel Geld. Heute sind sie viel mehr wert und bei Sammlern äußerst beliebt. „Ich habe leider nicht viele Hefte aufgehoben“, gesteht Nikolaus Fuchs, „Für uns gehörten Donald, Tick, Trick und Track fast zur Familie und zum Alltag.“ Dem Stuttgarter Ehapa-Verlag war bald klar, dass sie mit Erika Fuchs einen absoluten Glücksgriff gemacht hatten. Denn sie übersetzte in ihrem Arbeitszimmer in Schwarzenbach nicht einfach nur wortwörtlich und 1:1, sondern sie schuf  – mit viel krawumm, zisch, peng, Phantasie, Humor und Sprach-Fingerspitzengefühl – ein eigenes Universum. 
Am liebsten mochte Erika Fuchs die Zeichnungen von Carl Barks. Den Disney-Meisterzeichner lernte sie allerdings erst persönlich kennen, als sie beide schon im Ruhestand waren. Gemeinsam prägte das Duo Barks-Fuchs eine gesamte Comic-Ära: Erika gab Carls Stories auf deutsch noch den richtigen sprachlichen Schliff und holte das amerikanische Duckburg auf den oberfränkischen Fichtelgebirgsboden der Tatsachen zurück.

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Das deutsche Entenhausen hat erstaunlich viele Ähnlichkeiten mit dem oberfränkischen Schwarzenbach. Foto: Erika-Fuchs-Haus

„Einmal wurde meine Mutter auch in die USA und nach Disneyland eingeladen“, erzählt Nikolaus Fuchs, „das hat ihr aber nicht so gut gefallen. Sie mochte ihr eigenes Entenhausen und ihre Charaktere.“  Auch Ruhm und Titel waren ihr nicht wichtig. Obwohl sie laut Impressum auch Chefredakteurin des Magazins war, „Was meine Mutter liebte, war mit Sprache zu spielen, ihre Klassiker und den Jugendjargon der Zeit einfließen zu lassen“, erinnert sich Nikolaus Fuchs. Sie hat sogar einen eigenen Kasus erschaffen: den Inflektiv, ihr zu Ehren auch „Erikativ“ genannt – grübel grübel und studier – die höchst modern-anmutende, lautmalerische Verkürzung von Verben auf ihren Stamm. Außerdem ließ sie Donald und die Ducks Goethe und Schiller zititieren, wie ihnen der Schnabel gewachsen war und verewigte Schwarzenbacher Lokalgrößen, Geschäfte und Orte von Oberkotzau bis Café Rheingold. Auch berühmte deutsche Persönlichkeiten, Showstars und Schauspieler von Heino bis Winnetou bekamen ihre Gastauftritte in Entenhausen.

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Klickeradoms mit viel Karacho: vom Duckschen Geldspeicher bis zum Stadtgründer Emil Erpel sind alle da – Hauptsache keine Mäuse! Foto: Erika-Fuchs-Haus

Nach rund tausend durch getexteten Micky-Maus-Heftchen ging sie 1988 eigentlich in den Ruhestand und übergab an ihre Nachfolgerin Doris Kinkel. Doch fast bis zu ihrem Tod 2005 übersetzte sie für ihre Fans noch unermüdlich weiter.
Die Eröffnung ihres Museums 2008 hat sie leider nicht mehr miterlebt. Dafür war ihr Sohn Nikolaus dabei, der bis zu seinem 16. Lebensjahr in Schwarzenbach gelebt hat. Das ehemalige Wohnhaus und die Summa-Fabrik der Familie Fuchs in der Marienstraße waren mittlerweile verkauft worden. Das Museum zog daher ein paar Straßen weiter in die Bahnhofsstraße. Grundstein ist die Sammlung von Gerhard Severin, einem überzeugten Donaldisten und Verehrer von Erika Fuchs und der 9. Kunst – wie die Comics in Frankreich oder Belgien bereits genannt werden.
„Die Comic-Kultur in Deutschland ist leider noch nicht so ausgeprägt wie in anderen Ländern. Bei uns braucht es noch viel Aufklärungsarbeit“, bedauert Dr. Alexandra Hentschel, Leiterin des Erika-Fuchs-Hauses, „Wir sind das erste Museum in Deutschland, das sich ausschließlich der Kunstform Comic widmet.“ Aber „nur keine Sentimentalitäten“ wie Donald, alias Erika Fuchs, sagen würde…

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„Man kann gar nicht gebildet genug sein“, predigt Donald. Recht hat er: Comic-Kunst gehört unbedingt zu Allgemeinbildung. Foto: Erika-Fuchs-Haus

Was ist ein Translatorium, ein Zitatwirbler oder ein onomatopoetisches Kabinett? Wenn ihr das raus finden wollt, dann müsst ihr nach Schwarzenbach an der Saale kommen: „Wir sind ein Museum zum Anfassen und Ausprobieren, Dichten und mit Worten Jonglieren. Wir laden alle Besucher, Donaldisten, Familien und Kinder zu einem Spaziergang durch Entenhausen ein“, erzählt die stolze Museumsleiterin, „Im Museum könnt ihr Sprechblasen bilden, ins Talerbad tauchen und Daniel Düsentriebs Erfinder-Werkstatt erkunden“.

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Von Graphic Novel bis Manga: die Sonderausstellung „Max und Moritzpreisträger 2018“ präsentiert die besten und neuesten Comics. Foto: Erika-Fuchs-Haus

Bis 14. April 2019 läuft noch die Sonderausstellung zu den „Max und Moritzpreisträgern 2018“, bevor sie dann auf Deutschland-Tournee geht. Der bedeutendste deutsche Preis für Comic-Künstler wird alle zwei Jahre beim Comic-Salon in Erlangen, einer weiteren Hochburg der Sprechblasenkunst in Franken, verliehen.
Und bis 10. März könnt ihr noch über die höchst amüsante „Duckomenta“ schmunzeln:  sie versammelt die größten Enten der Kunstgeschichte von der Nofretete über die Mona Lisa bis zu Kaiserin Sisi.

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Pilgerstätte und Zentrum des Universums, zumindest für Donaldisten: das Museum in der Ortsmitte von Schwarzenbach. Foto: Erika-Fuchs-Haus

Inzwischen ist ganz Schwarzenbach im Duck-Fieber. Auf dem Erika-Fuchs-Weg könnt ihr vom Museum bis zur Statue von Emil-Erpel, dem vermeintlichen Stadtbegründer von Entenhausen, auf den Spuren der berühmten Übersetzerin und ihrer schnatternden Schützlinge wandeln – staun, schau, freu!

Erika-Fuchs-Haus – Museum für Comic und Sprachkunst
Bahnhofstr. 12
95126 Schwarzenbach a. d. Saale
Tel. 09284-949 81 20
Öffnungszeiten: Dienstag – Sonntag 10 bis 18 Uhr

Abb. ganz oben: die reichste Ente der Welt derzeit zu Gast im Infopoint im Alten Hof in München

Nathalie Schwaiger

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