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Frei leben! Die Frauen der Boheme 1890-1920

by Sabine Wieshuber

Frei, wollten sie sein. Ganz frei – und ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben führen. Um 1900 entwickelt sich in München, wie in anderen europäischen Großstädten, eine künstlerische Subkultur – die Boheme (vgl. Duden: ungebundenes, ungezwungenes Künstlerdasein; unkonventionelles Künstlermilieu). Die Frauen der Boheme rebellieren gegen vorherrschende Moralvorstellungen und Autoritäten der bürgerlichen Gesellschaft. Die Künstler*innen streben nach neuen, freieren Lebensformen. Sie leben am Rande der Armut und von dem wenigen, was ihre Kunst einbringt. Mit Franziska zu Reventlow, Margarete Beutler und Emmy Hennings nimmt die Sonderausstellung in der Monacensia die bisher kaum gewürdigte Perspektive dieser Frauen ein. Die Monacensia trägt mit ihren bunten Programmangeboten dazu bei, die Wirkung von Literatur erfahrbar zu machen. Umfangreiche Vor- und Nachlässe bilden die Basis, die zum Forschen einladen und ein sehr lebendiges literarisches Gedächtnis der Stadt München darbieten.

Wir haben angefangen die alten Gesetzestafeln zu zerbrechen.

Franziska zu Reventlow, Viragines oder Hetären, 1899

Die Boheme

Eng verbunden ist die Boheme mit den Strömungen der literarischen Moderne. Das rege Umherziehen der Künstler*innen fördert den Austausch zwischen den Bohemezentren Paris, Wien, Berlin, Zürich, Ascona und München. Die neuen Ideen treffen auf großes kulturelles Interesse.

In München kann sich etwa der Albert Langen Verlag etablieren und bekommt besonders für seine Übersetzungen zeitgenössischer französischer und skandinavistischer Literatur Aufmerksamkeit. Bekanntestes Verlagsprodukt wird die Zeitschrift Simplicissimus. Diese wie auch die Jugend oder Die Gesellschaft sind wichtige Publikationsmedien für die Literatur der Moderne – nicht zuletzt für die Texte der Frauen der Boheme.

„Frei leben! Die Frauen der Boheme 1890-1920“ bis 31. Juli 2023 in der Monacensia in München

Das nebenstehende Zitat eröffnet die Ausstellung und gibt dem Besuchenden sogleich einen Ausblick darauf, was einen in den nachfolgenden Räumen erwartet:

„(…) Sich nicht bedienen lassen! Und selbst nicht dienen! Ehre weg! Ehrgeiz weg! Anonym bleiben! Honorare weg! Alles selbst machen! Und sich verschenken, anstatt zu verkaufen. Voila!“

Ausgehend von den Biografien der drei Ausnahmekünstlerinnen wird man in eine Zeit zurückversetzt, in der Frauen große Opfer erbringen mussten, um sich Ihre Unabhängigkeit bitter zu erkämpfen.

Eine Ausstellung, die gleichwohl Mut macht und Fragen aufwirft, die bis heute aktuell sind.

Das Leben und die Leiden(schaften) der Frauen der Boheme

Um 1900 ziehen von überallher junge Frauen nach München und wagen dort ein freies Leben als Künstlerinnen oder Schriftstellerinnen. Dafür nehmen sie ein hohes Risiko und prekäre Lebensumstände in Kauf. Zu diesen Frauen gehören: Franziska zu Reventlow, Margarete Beutler und Emmy Hennings. Sie stehen im Mittelpunkt der Ausstellung.

Das Aufbegehren gegen gesellschaftliche Schranken und bürgerliche Moral zeigt sich in ihren Lebensentwürfen und Texten. Freiere Formen des Zusammenlebens, Selbstbestimmung über den eigenen Körper und über ihre Sexualität sind ebenso zentrale Themen wie Unabhängigkeit, „freie Mutterschaft“ und Prostitution. Sie sind Kapitel ihres Lebens genauso wie Motive ihrer Werke. Als Künstlerinnen fordern sie öffentliche Aufmerksamkeit ein und prägen die Subkultur der Boheme zwischen München, Berlin und Zürich.

Ich will und muss einmal frei werden; es liegt nun einmal tief in meiner Natur, dieses maßlose Streben, Sehnen nach Freiheit … Ich muss gegen alle Fesseln, alle Schranken ankämpfen, anrennen … Und dann dieser kleinliche, unaufhörende Druck aller Verhältnisse.

Franziska zu Reventlow, an Emanuel Fehling, 29. November 1890

Franziska zu Reventlow

Franziska zu Reventlow bricht früh mit ihrer adeligen Familie und den Konventionen. In München will sie ihren Traum verwirklichen und Malerin werden, immer wichtiger wird aber das Schreiben. Trotz ständiger Finanznot führt sie ein selbstbestimmtes Leben als unverheiratete Mutter.

Wir wollen deshalb in der Erziehung darauf hinwirken, durch häufige Betrachtung des Nackten – sei es im Leben oder in künstlerischen Darstellungen … dass die Wertung des Schönen immer stärker in den Vordergrund tritt. … Das ist meiner Ansicht nach das beste Schamgefühl, was wir in unseren Kindern entwickeln können.

Franziska zu Reventlow, Erziehung und Sittlichkeit, 1903

Margarete Beutler

Margarete Beutler ist ab 1902 als Schriftstellerin Teil der Münchner Boheme. Sie tritt in „Wort, Schrift und Tat“ für die „Freie Mutterschaft“ ein und schreibt auch über ungewollte Schwangerschaft, Ehe und die weibliche Sexualität. Besonders wichtig ist ihr ihre Unabhängigkeit.

Tragt kein Kind, das ihr nicht ersehnt …

Margarete Beutler, am Narrenseil der Ehe, unveröffentlicht

Ich … bin die Frau, die den berüchtigten »Schrei nach dem Kinde« ausgestoßen hat. Ich bin in Berlin wie ein wildes Tier herumgezeigt worden, weil ich den Mut hatte, für die freie Mutterschaft in Wort, Schrift und — Tat einzutreten.

Margarete Beutler, an Frau Vonwiller, 1927

Emmy Hennings

Als Emmy Hennings um 1910 Teil der Münchner Boheme wird, kommt sie aus einem unruhigen Theater- und Varietéleben, kennt Not, Entbehrung, Drogen und Prostitution. In den folgenden Jahren findet sie mehr und mehr ihre Sprache als eigenständige avantgardistische Schriftstellerin.

Was auf meinen Papieren steht … dass ich Schauspielerin, Fabrikarbeiterin, Photographin usw. bin, das besagt nicht viel … was hat die geographische Lage meiner Herkunft … mit meiner Heimatlosigkeit zu tun? … Mein einziger Beruf ist, das zu erlernen, was ich bin.

Emmy Hennings, Das Brandmal, 1920

Nur auf einem Bruchteil der von Emmy Hennings erhaltenen Fotos zeigt ihr Gesicht Spuren ihrer Lebensumstände. Leid, Hunger und Drogen setzen ihr immer wieder auch körperlich zu. Berichten zufolge bekommt Emmy Hennings im Herbst 1911 von der Polizei eine Kontrollkarte für Prostituierte.

Ich werde tun was ich will … ich werde nicht heiraten.

Margarete Beutler, Der Schatten, unveröffentlicht

Frauen der Boheme: Kritik an der Ehe und neue Lebensformen

Für Reinhard würde alles zwischen uns aus sein, wenn ich ihm untreu wäre, und für mich würde es dann vielleicht gerade anfangen – wenn er verstände, dass ich auch anderen gehören kann, warum muss man gerade verheiratet sein …

Franziska zu Reventlow, Ellen Olestjerne, 1903

Die Hochzeit gilt in der bürgerlichen Welt des 19. Jahrhunderts als Daseinsziel im Leben der Frau. Gesetzlich festgelegte Besitz- und Machtverhältnisse ordnen sie dem Mann unter. In der Boheme dagegen gilt eine freiere Auffassung von Sexualität und Zusammenleben. Die Frauen wollen sich nicht mehr von ihren Familien zur Ehe drängen lassen. Sie fordern ihr Recht auf persönliche und sexuelle Entfaltung in Beziehungen auf Augenhöhe ein. Vielfältig sind die neuen Konzepte. Sie beinhalten offene Beziehungsformen, wechselnde Partner, wie auch die Überwindung der Heteronormativität…

Frauen der Boheme: Frauengesundheit und Prostitution

So war … fast ein Vierteljahr dahingegangen, und sie war immer noch kaum imstande, sich aufzurichten; dann standen … wieder die Ärzte um ihr Bett … nur, wenn sie sich einem schwierigen und gefährlichen Eingriff unterziehen wollte, so wäre auf Besserung zu hoffen.

Franziska zu Reventlow, Ellen Olestjerne, 1903

Im 19. Jahrhundert entwickelt sich nur langsam ein Bewusstsein für spezielle medizinische Bedürfnisse von Frauen. Vieles wird schamhaft verschwiegen. Trotzdem wird der Wunsch nach Selbstbestimmung über den eigenen weibliche Körper immer stärker. Aufklärung und Wissen über den eigenen Körper werden in der wilhelminischen Erziehung nicht vermittelt. Verhütungsmittel sind nur unter der Hand erhältlich. Abtreibungen sind seit 1871 verboten und werden schwer bestraft. Illegale Abtreibungen sind oft lebensgefährlich.

Wenn es verboten ist, sich Liebesstunden bezahlen zu lassen, muss es verboten werden, Liebesstunden zu kaufen. Aber die Erfahrung lehrt, dass der Mensch ohne Liebesstunden nicht leben kann. Also müsste die Liebe anders organisiert werden.

Emmy Hennings, Gefängnis, 1919

Prostitution ist für Frauen oftmals ein Ausweg aus größter finanzieller Not. Das gilt auch für Frauen in der Boheme. Viele äußern sich auch theoretisch und literarisch zu diesem Thema. Um 1900 wird die Prostitution als „gewerbliche Unzucht“ bezeichnet und unterliegt einer strengen Kontrolle durch die „Sittenpolizei“. Bestraft werden in der Regel die Prostituierten oder allenfalls noch die Zuhälter, nicht aber die Freier. Emmy Hennings veröffentlicht 1920 den Roman Das Brandmal. Darin beschreibt sie die Prostitutionserfahrungen einer jungen Frau. Die Schilderung trägt teils autobiografische Züge. Not, Obdachlosigkeit, Hunger, Krankheit und Kriminalisierung werden literarisch verarbeitet.

Heutige Stimmen

Video- und Textbeiträge mit aktuellen literarischen Positionen zum Beispiel von Jovana Reisinger, Florian Kreier, Mareike Fallwickl und Gün Tank fügen in der Ausstellung und im Online-Magazin mon_boheme eine heutige Perspektive hinzu.

BloggerWalk in der Monacensia #FrauenDerBoheme

Wir waren beim BloggerWalk, der uns zu diesem Beitrag inspiriert hat, mit dabei und bedanken uns an dieser Stelle bei Tanja Praske für die Einladung! Ganz lieben Dank auch an die Kuratorinnen Laura Mokrohs und Sylvia Schütz, die uns so großartig durch die Ausstellung geführt haben und an Archivar Thomas Schütte, der uns spannende Einblicke in Originaldokumente gewährte. Die Lyrik-Performance von Florian Kreier war der krönende Abschluss!

Lesetipp

Frauenpower – noch mehr inspirierende Museen zu starken Frauen könnt ihr in unserem Blogbeitrag Starke Frauen – inspirierende Museen in Bayern nachlesen.

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Drei außergewöhnliche Frauen

1891 wird in Augsburg Innenstadt das erste von Frauen geleitete Unternehmen des 19. Jahrhunderts eröffnet – die Filiale des bekannten Fotostudios Atelier Elvira in München. Die Inhaberinnen sind die 26-jährige Sophia Goudstikker und ihre acht Jahre ältere Lebenspartnerin Anita Augspurg. Die Geschäftsführung der Augsburger Filiale (Adresse heute: Ludwigstraße 22) übernimmt kurz nach ihrer Gründung Sophias Schwester, die erst 17-jährige Mathilde Nora Goudstikker. Die Ausstellung begibt sich auf die neue Suche nach dem Erfolgsrezept dieser drei außergewöhnlichen und modernen Frauen sowie dem Fundament ihrer Unabhängigkeit: dem Atelier Elvira.

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