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Wo gebitzelt wird, fallen Späne – das Handwerksmuseum in Deggendorf

by Infopoint

Was ist das denn für ein lustiges, kopfloses Holzwesen auf drei Beinen? Die originell geformte Pfeife eines Bauern aus Lalling in Niederbayern… Für die Menschen, die im und am Bayerischen Wald leben, war Holz lange der wichtigste Baustoff und oft der einzige Energielieferant. Was für eine enge Beziehung sie über die Jahrhunderte zu „ihrem“ Wald entwickelt hatten und welche interessanten Berufe früher alle mit Holz hantierten, erfahrt ihr auf der nächsten Etappe unserer Serie #AufdemHolzweg: im Handwerksmuseum in Deggendorf.

Gastbeitrag von Anja Fröhlich, Handwerksmuseum Deggendorf

Ohne Bäume hätte es keinen Löffel, keinen Stuhl und keine Pfeife gegeben… Zumindest bis ca. 1930 wurden nahezu alle Arbeitsgeräte für Haushalt, Landwirtschaft und Handwerk aus Holz gefertigt – gesägt, gehobelt, gedreht, gehämmert, geschnitzt. Dank des Holzreichtums des Bayerischen Waldes konnten hier viele Gewerbe entstehen. Auch für die Entstehung der einheimischen Glas- und Papierindustrie bildete Holz die Grundvoraussetzung. Neben den Holzhauern und Flößern gab es noch im 19. Jahrhundert an die 400 Sägemühlen im Bayerischen Wald. Dazu kamen die Holz verarbeitenden Handwerke, vor allem Zimmerer und Schreiner, aber auch die „Bitzler“.

Wo gebitzelt wird, fallen Späne - das Handwerksmuseum in Deggendorf

Die Machelkammer eines Bitzlers aus Lalling, Aufnahme aus dem Jahr 1990. Foto: Handwerksmuseum Deggendorf.

Zimmerer und Schreiner arbeiten direkt mit und am Holz. Das führte bis ins 19. Jahrhundert hinein oft zu Rechtsstreitigkeiten um die Abgrenzung der Arbeitsgebiete. Grundsätzlich sollten die Zimmerer sich auf den Hausbau beschränken, die Schrei­ner auf die Inneneinrichtung, die Möbel, Fenster und Türen. Gehobelte und geleimte Arbeiten waren den Schreiner erlaubt, genagelte den Zimmerern. Trotz zahlreicher Auseinandersetzungen fertigten die Zimmerer vor allem auf dem Land weiterhin Möbel an.

Während Zimmerer und Schreiner also immer wieder in Streit miteinander gerieten, saßen die „Bitzler“ seelenruhig in ihrer Machelkammer – von all dem unbeeindruckt und unberührt. Doch was ist eigentlich ein „Bitzler“?

Wo gebitzelt wird, fallen Späne - das Handwerksmuseum in Deggendorf

Unverzichtbares Hilfsmittel der Bitzler: die Heinzelbank. Foto: Handwerksmuseum Deggendorf.

Heinzelbank und Machelkammer

Ein „Bitzler“ ist im Sprachgebrauch des Bayerischen Waldes eine Person, die mit den Händen sehr geschickt ist und vor allem mit Holz arbeitet, er „bitzelt“. Das Wort „bitzeln“ stammt ursprünglich wohl von „beißen“ und bedeutet nichts Anderes, als von einem Werkstück kleine Stücke zu entfernen. Wie es eben bei einem Bitzler der Fall ist, wenn er nach und nach das Holz in die gewünschte Form bringt.

Da die meisten der landwirtschaftlichen Anwesen im Bayerischen Wald zu klein waren, um eine Familie zu ernähren, stellten viele Bauern im Nebenerwerb Holzwaren her. Sie „bitzelten“ Löffel, Siebe, Rechen, Holzschuhe und vieles mehr, die sie entweder selbst oder an Hausierer verkauften. Der Verdienst dabei war oft gering.

Wichtigstes Werkzeug der Bitzler war die auch Heinzelbank genannte Schnitzbank. Sie diente zum Festklemmen des Werkstückes. Da die Heinzelbank eine einfache Konstruktion war, wurde auch sie oft selbst hergestellt.

Die meisten Bauern hatten eine kleine Werkstatt, die Machelkammer. Sie konnte ein eigener Raum sein, häufig war sie nur ein freies Eck in Stall, Scheune oder Hausflur. Hier wurde das Werkzeug für anfallende Reparaturen aufbewahrt: Hammer, Nägel, Säge, Axt, Schleifstein, Dengelstock. Vor allem im Winter arbeitete man in der Machelkammer. Nun wurden die Arbeitsgeräte ausgebessert und Bitzelarbeiten ausgeführt.

Wo gebitzelt wird, fallen Späne - das Handwerksmuseum in Deggendorf

In der Abteilung „Holzhandwerk im Bayerischen Wald“ in der Dauerausstellung im Handwerksmuseum Deggendorf kann eine Machelkammer erkundet werden. Foto: Rudi Scharf

Wie eine typische Machelkammer aussehen konnte, können Besucher_innen im Handwerksmuseum Deggendorf erfahren: hier sind in der Abteilung „Holzhandwerk im Bayerischen Wald“ der Dauerausstellung eine Machelkammer und die gebitzelten Produkte eines Bitzlers aus Lalling im Landkreis Deggendorf ausgestellt. Die Lallinger Machelkammer befand sich zuletzt im ehemaligen Stall. Über zwei Generationen hinweg wurden auf dem Bauernhof im Winter Körbe geflochten. Der Vater, ein Bauer, stellte zunächst für den Eigenbedarf, später für den Verkauf Körbe her. Der Sohn, ein Nebenerwerbsbauer, fertigte Körbe und Kinderspielzeug sowie Pfeifen für Touristen.

Lust selbst mal zu bitzeln? Kindergruppen und Schulklassen können es bei einem Workshop im Museum ausprobieren und ein kleines Werkstück aus Holz anfertigen.

 

Handwerksmuseum Deggendorf

Maria-Ward-Platz 1

94469 Deggendorf

Tel: +49 (0)991 2960-55

 

Abb. ganz oben: Gut gebitzelt – ein liebevoll dekoriertes Objekt von einem Lallinger Meister. Foto: Anja Fröhlich, Handwerksmuseum Deggendorf

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