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Zwischen Betbank und Bikini – Die Ausstellung „He, Fräulein!“ in Memmingen

by Sabine Wieshuber

Ein Gastbeitrag von Miriam Hannig M. A.

„Achtung: Alle mal bitte zu mir schauen! Und recht freundlich, wenn ich bitten darf!“ – Fast meint man die Stimme des Fotografens – oder etwa der Fotografin? – hören zu können, schaut man auf die sichtlich gut gelaunte Damenrunde, wie sie sich um den Tisch im Fotoatelier gruppiert hat. Mindestens genauso gut gelaunt waren auch die BesucherInnen der Vernissage der Ausstellung „He, Fräulein!“ in Memmingen, haben sie sich doch gerade nach Jahren der Schließung mit Unterstützung des Stadtmuseums ihr ehemaliges Kino zurückerobert. Aber der Reihe nach:

Memmingen und die Freiheit

1525 verfassten in der ehemaligen Freien Reichsstadt Memmingen die aufständischen Bauern im Bauernkrieg die 12 Artikel, welche als erste Niederschrift von Menschen- und Freiheitsrechten in Europa gelten.
Was Freiheit für uns heute bedeutet, dieser Frage geht das Stadtmuseum Memmingen in seinem Projekt „Zeitmaschine Freiheit“ nach. Mit der Unterstützung unterschiedlichster AkteurInnen werden die Ergebnisse der einzelnen Kooperationen in 12 Aktionen öffentlich präsentiert. Und hier kommt wieder die Damenrunde ins Spiel, denn die Ausstellung „He, Fräulein!“ ist das erste Ergebnis der „Zeitmaschine Freiheit“ des Memminger Stadtmuseums.

Zwischen Betbank und Bikini, Schulranzen und Schürze, Wahlschein und Waschmaschine

Der erste Halt der Zeitmaschine ist im ehemaligen Union-Kino in Memmingen, wo durch interessante und unterhaltsame Einblicke die keinesfalls geradlinig verlaufende Frauengeschichte kurzweilig präsentiert wird. So erzählen Puppenhäuser und Spielküchen von Erziehungsidealen, das „Kochbuch der klugen Hausfrau“, Kittelschürzen und schwäbische Haushaltsregeln zeigen die Küche als „Arbeitsplatz der Frau“ und eine historische Wohnzimmereinrichtung lädt zum Verweilen im „trauten Heim“. Mit einer Aufzählung, dem Für und Wider von Frauensport aus dem Jahr 1931 und der Thematisierung des Lehrerinnenzölibats, wird auch immer wieder, durch den Einsatz lokaler Berichte und Fotografien aus dem Stadtarchiv oder als Leihgabe von Privatpersonen, das jeweilige Thema in Memmingen verortet.

Zwischen Betbank und Bikini - Die Ausstellung „He, Fräulein!“ in Memmingen

Die Ausstellung „He, Fräulein!“ im ehemaligen Union-Kino in Memmingen, Foto: Alexandra Vogt, Kammlach

Pille, Kondom und „Memminger Hexenprozesse“

So fröhlich, wie das Ausstellungsplakat uns meinen lässt, verlief die Frauengeschichte in Memmingen freilich nicht immer: Zum ersten Mal wird nämlich vor Ort auch die Geschichte der 1988/89 stattgefundenen Ermittlungen des Landgerichtes Memmingen gegen Frauen, die abgetrieben haben, und den durchführenden Arzt, öffentlich präsentiert. Plakate, die zur Demonstration gegen die „Memminger Hexenjagd“ und „für das Selbstbestimmungsrecht der Frau“ aufrufen, sowie Schilder und Transparente, welche von den 7000 Demonstrierenden mitgeführt wurden, zeugen von diesem Ereignis, das keine 30 Jahre zurückliegt.

„Lebten in Memmingen einst auch Frauen?“

Diese Frage – und wie man auf diese überhaupt kommt – wird im Rahmen des umfangreichen Begleitprogramms vom örtlichen Stadtarchivar beantwortet werden. Auch die Memminger Gleichstellungsbeauftragte, „mit Lizenz zur Gleichstellung“, wie es im Ankündigungsprogramm heißt, gibt einen Einblicke in ihre tägliche Arbeit. Bei „Drink&Think zur Cocktailstunde“ wird unter anderem diskutiert werden, wie sich der Mythos der mangelnden Leistungsfähigkeit auf heutige Karrierechancen auswirkt. Jeden Donnerstag verwandelt sich das ehemalige Kinofoyer in die „Fräulein-Bar“, wo man bei „Witwentröster“ oder einem anderen Getränk der Wahl, den Ausstellungsbesuch ausklingen lassen kann. Wer lieber vormittags die Ausstellung entdecken möchte, kann bspw. an Führungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten teilnehmen, und auch wenn Sie lieber selbst gestalterisch tätig werden möchten, findet sich im Begleitprogramm etwas Passendes. Für Erwachsene übrigens ebenso wie für Kinder.

Zwischen Betbank und Bikini - Die Ausstellung „He, Fräulein!“ in Memmingen

Ein Blick in die Ausstellung „He, Fräulein!“, Foto: Alexandra Vogt, Kammlach

Freiheit – Abbau von Barrieren

Das Thema „Freiheit“ spiegelt sich nicht zuletzt an der barrierefreien Zugänglichkeit zum Ausstellungsort als auch beim Verzicht auf die Erhebung von Eintrittsgeldern und Gebühren für das Begleitprogramm wider. Die – fast möchte man sagen – „Rückeroberung“ des ehemaligen Union-Kinocenters, für gesellschaftliche, kulturelle Dinge und den offenen Austausch der Besucherinnen und Besucher untereinander, ermöglicht die aktive Teilhabe der Bevölkerung am Memminger Stadtgeschehen.
Denn auch das kann Museum: im offenen Dialog über aktuelle Fragen der Gesellschaft einen Beitrag leisten.

„Freiheit, die ich meine …“

Wenn Sie nun Lust haben, die Ausstellung „He, Fräulein!“ zu besuchen, müssen Sie sich etwas beeilen: Noch bis zum 8. März ist diese im ehemaligen Union-Kinocenter in Memmingen (ganz in der Nähe des Bahnhofs) zu besuchen. Ein Ausflug nach Memmingen lohnt übrigens doppelt, denn neben einem Besuch der „He, Fräulein!“-Ausstellung, können Sie zudem die Ausstellung „Freiheit, die ich meine …“ in der MEWO Kunsthalle besuchen. Dieses zweite Ergebnis des Projektes „Zeitmaschine Freiheit“ präsentiert die künstlerischen Antworten auf die Frage, was Freiheit für Kulturschaffende bedeutet. Wir dürfen gespannt sein!

Gefördert wird das Projekt Zeitmaschine Freiheit des Stadtmuseums Memmingen im Fonds Stadtgefährten der Kulturstiftung des Bundes.

Ausstellung „He, Fräulein!“
Im ehemaligen Union Kinocenter
Maximilianstraße 23
87700 Memmingen

Zwischen Betbank und Bikini - Die Ausstellung „He, Fräulein!“ in Memmingen

Endlich ist im alten Kino wieder was los! Blick in die Ausstellung „He, Fräulein!“, Foto: Alexandra Vogt, Kammlach

Abb. ganz oben: Plakatmotiv der Ausstellung „He, Fräulein!“, Foto: Stadtarchiv Memmingen, Aufnahme im Atelier Hans Weis, Memmingen, Sommer 1928.

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