Home Ausflugsperlen Frauen-Zimmer? 4 Künstlerinnen zeigen ihr „Innenleben“ im Haus der Kunst

Frauen-Zimmer? 4 Künstlerinnen zeigen ihr „Innenleben“ im Haus der Kunst

by Sabine Wieshuber

Njideka Akunyili Crosby aus Nigeria, Leonor Antunes aus Portugal, Henrike Naumann aus Deutschland und Adriana Varejão aus Brasilien? Was haben diese vier Weltbürgerinnen gemeinsam? Was verbindet sie? Im Haus der Kunst in München spüren sie derzeit dem Verhältnis von Innen und Außen nach. Spannend? Sehr! Geballte Frauenpower? Unbedingt! Denn auch kuratiert wurde die Ausstellung von zwei starken Frauen! Wir waren beim Community-Event dabei…

Unsere „Homestory“ zum Weltfrauentag

Kuratorin Anna Schneider ging am San Francisco Art Institute bei Okwui Enwezor zur Schule (der Nigerianer, zuvor künstlerischer Leiter in Kassel und Venedig, leitete bis 2018 das Haus der Kunst in München). Assistentin Dimona Stöckle nimmt uns mit auf einen Spaziergang zwischen Innen und Außen: die Ausstellung „Innenleben. Interiorities“ beweist, wie spannend Möbel, Lampen, Kacheln, Interiordesign so neu und vielfältig gesehen sind. Auf jeden Fall bleibt viel Raum für Interpretationen: „Wir haben uns an der Interieurmalerei des 17. Jahrhunderts inspiriert und nach Verbindungslinien zwischen den vier Künstlerinnen gesucht“, erzählt Dimona. Unter anderem zeigt die Präsentation die großflächigen Bilder von Njideka Akunyili Crosby und Adriana Varejão erstmals in Deutschland – raumgreifend und im Museum.

Frauen-Zimmer? 4  Künstlerinnen zeigen ihr "Innenleben" im Haus der Kunst
Raumgreifend: die Werke von Njideka Akunyili Crosby sind erstmals in Deutschland zu sehen

Die vier Künstlerinnen sind längst keine Außenseiterinnen. Sie sind international etabliert und ihre Werke hochaktuell: Henrike Naumann erhält seit dem 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls große mediale Aufmerksamkeit. Njideka Akunyili Crosby und Leonor Antunes waren auf der letzten Biennale in Venedig vertreten. Adriana Varejão wird bereits als eine der wichtigsten brasilianischen Gegenwartskünstlerinnen gefeiert.

Frauen-Zimmer? 4  Künstlerinnen zeigen ihr "Innenleben" im Haus der Kunst
Frauen-Zimmer? 4  Künstlerinnen zeigen ihr "Innenleben" im Haus der Kunst
Njideka Akunyili Crosby. Photograph: Brigitte Sire

„Innenleben/Interiorities“ im Haus der Kunst

Njideka Akunyili Crosby wurde in Nigeria geboren. Heute lebt und arbeitet sie in Los Angeles. Sie war 10 Jahre alt, als ihre Familie vom Land in die Hauptstadt Lagos zog – ein erster Kulturschock für sie. Mit 16 ging die Reise weiter nach Amerika, wo sie Kunst studierte. „Mit meiner Geschichte bin ich schwer zu verorten“, sagt die Künstlerin. Wie Tapeten, Schicht um Schicht, überlagern sich ihre Erfahrungen und Lebensstationen. Erst bei näherem Hinsehen erkennen wir, dass die farbintensiven Momentaufnahmen Collagen aus Fotos, Bildern aus Zeitschriften oder Werbeanzeigen, Stoffen und Verpackungen sind.

Die Möbel in ihren Bildern sind vielleicht typisch amerikanisch, doch die Farben, die Palmen oder der Blumentopf sind typisch nigerianisch. In ihren großformatigen Szenen lädt Nijdeka uns an ihren Tisch, in ihr Wohn- oder sogar Schlafzimmer ein. Sie teilt mit uns scheinbar private Momente mit ihrer Familie, Freunden oder ihrem Mann, einem Künstler und Weißen aus Texas – was ihr Vater und ihre Familie nur mühsam akzeptiert haben.

Frauen-Zimmer? 4  Künstlerinnen zeigen ihr "Innenleben" im Haus der Kunst
Innenleben / Interiorities, Installationsansicht mit Werken von Leonor Antunes und Njideka Akunyili Crosby/ Haus der Kunst, 2019. Foto: Connolly Weber Photography

In den Installationen von Leonor Antunes, 1972 in Lissabon geboren, schwingen Anspielungen mit an Architektur, an Design, an Orte und ihre Geschichte. Sie arbeitet mit dem Raum, in dem sie ausstellt. Sie erobert und füllt ihn. Sie durchkreuzt und teilt ihn. Sie legt Muster und Fährten. Die Portugiesin besuchte die Staatliche Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe und lebt heute in Berlin.

So unterschiedlich die Künstlerinnen sind – von ihrer kulturellen wie sozialen Herkunft und ihrer Arbeitsweise. So verbindet sie ein zentrales Anliegen: die Verwobensein mit der Welt, mit Politik und Zeitgeschehen, ganz egal, wo wir wohnen und woher wir kommen. Sich mit der globalen oder auch ihrer nationalen Geschichte auseinander zu setzen ist eines ihrer Hauptanliegen. In ihren Innenräumen treffen Zugehörigkeit und Abgrenzung, nach innen gerichteter Nationalismus und kulturell offenes Weltbürgertum, Verstrickung in Geschichte und gesellschaftliche Zukunftsvision aufeinander – wie in einer Keimzelle.

Frauen-Zimmer? 4  Künstlerinnen zeigen ihr "Innenleben" im Haus der Kunst

Henrike Naumann lebt und arbeitet in Berlin, geboren wurde sie in Zwickau. Wochenlang hat sie den Keller im 1937 noch „Haus der deutschen Kunst“ genannten Monumentalbau nach Möbeln durchsucht – und Relikte von Hitlers Innenarchitektin Gerdy Troost ans Tageslicht befördert. Sie arrangiert sie im grausamen Mix mit Scheußlichkeiten aus den 90er Jahren – Geschmacksverirrungen in Flieder, Edelstahl und Plüsch. „Mich interessiert, wie sich an Möbeln Geschichte und Erinnerungen ablesen lässt“, so die Künstlerin. Sie inszenierte Hitlers Berghof am Obersalzberg im Jetzt: „Dieses Alpenpanorama, auf das die Besucher zulaufen, habe ich aus Schrankwänden aus München aufgebaut, die ich auf Ebay gefunden habe“, erzählt sie im Interview.

Frauen-Zimmer? 4  Künstlerinnen zeigen ihr "Innenleben" im Haus der Kunst

Adriana Varejão lebt und arbeitet in Rio de Janeiro. Hinter der sauberen, glänzenden Oberfläche der portugiesischen Kacheln und Azulejos in ihren Plastiken und Bildern schwelen die Konflikte. Die glatten Wände platzen auf und geben blutige Wunden frei: „Meine Arbeiten sind wie Körper“, so die Brasilianerin. Verletzt und verstümmelt durch die koloniale Vergangenheit. „Die portugiesischen Eroberer sprachen den indigenen Völkern eine Seele ab und verurteilten sie pauschal als ‚Kannibalen'“, erklärt Dimona Stöckle. Nach außen scheint alles intakt, aber innerlich ist das Land kaputt, die Gesellschaft gespalten bis heute.

In ihren Wohn-Zimmern, Nass-Zellen, Innen-Ansichten nehmen die vier Künstlerinnen wie feine Seismografen die Welt um sich herum auf. Ihre Arbeiten sind kein Rückzug und auch nicht dekorativ. Sie öffnen sich für ein immer komplexeres politisches, wirtschaftliches und kulturelles Außen. Die Wände, Bilder und Installationen werden durchlässig. Sie laden uns ein, auf der Welt nach Hause zu kommen. Sie sind offen für unsere Blicke und Gefühle. Sie erobern den Raum.

Die Ausstellung „Innenleben/Interiorities“ läuft noch bis 29. März 2020!

#innenlebenHDK

Nicht verpassen: die nächsten Führungen am 7., 14. und 21. März 2020 jeweils um 15 Uhr.
Talk & Tours mit Henrike Naumann am 29. März 2020 um 16 Uhr.

Abb. ganz oben: Kriegerin oder Göttin? Adriana Varejão, 28 Tiles, Innenleben/Interiorities, Haus der Kunst 2019

Nathalie Schwaiger

Wir verwenden Cookies bei deinem Besuch auf unserer Webseite. Indem du unsere Webseite benutzt, stimmst du unseren Datenschutzrichtlinien zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Privacy & Cookies Policy