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Wenn Kunst fremdgeht

by Anna Blenninger

Ein Gastbeitrag von Anne Kraft, Sachgebietsleitung Museum beim Bezirk Unterfranken

„fremdgehen: unregelmäßiges Verb, Gebrauch umgangssprachlich; Bedeutungsübersicht: außereheliche Beziehungen haben; Synonyme: betrügen, die Ehe brechen, Ehebruch begehen, einen Seitensprung machen, untreu sein; (gehoben veraltet) ehebrechen“
Soviel weiß der Duden über das „Fremdgehen“. Doch unterfränkische Museen wissen mehr; sie sind sogar Akteure in diesem Spiel, wenn auch in übertragenem Sinne. Denn sie lassen Kunst fremdgehen.

Kunst geht fremd… und verbindet

Unter dem Titel „Kunst geht fremd“ tauschen seit acht Jahren 15 unterfränkische Museen in wechselnder Zusammensetzung einen Sommer lang jeweils ein einzelnes Exponat. Die „Fremdgänger“ begeben sich dadurch in einen neuen Kontext: So waren schon eine Rhöner Fastnachtsmaske mitten im goldglänzenden Stiftsschatz von Aschaffenburg oder ein ca. 30.000 Jahre alter Mammutbackenzahn inmitten von Werken zeitgenössischer Bildhauerei in der Kreisgalerie Mellrichstadt zu finden.

Wenn Kunst fremdgeht

Eine Rhöner Fastnachtsmaske irritiert mitten im Stiftsschatz von Aschaffenburg. Ein Beispiel der Aktion „Kunst geht fremd… und macht schön“ aus dem Jahr 2016. Foto: Anne Kraft, Museen der Stadt Aschaffenburg

Der Tausch verläuft dabei nicht starr bilateral, sondern er spinnt seine musischen Fäden quer durch den Bezirk Unterfranken. Das gewährt nicht nur einen ganz neuen Blick auf Ausstellung und Kunst, sondern kreiert auch ein heterogenes, lebendiges Netzwerk, von dem Besucher und Kulturschaffende vor Ort profitieren. So veranstalten die Häuser eigene Führungen zum Fremdgänger in ihrem Haus, kommen die Kuratoren des Tauschpartners zu Vorträgen, finden Lesungen oder Künstlergespräche statt.

Wenn Kunst fremdgeht

Zum Start der Tauschaktion kommen die Kolleginnen und der Kollegen der beteiligten Häuser in einem Museum zusammen und stellen der Presse das Motto und die Fremdgänger vor. Dieses Jahr war das Spessartmuseum Lohr Gastgeber und so begrüßten Landrat Thomas Schiebel (3. von rechts) und Bürgermeister Mario Paul (2. von rechts). Foto: Reinhold Scherg

Das museale Netzwerk, das 2011 mit vier Museen und noch ohne griffigen Titel entstand, besteht mittlerweile aus 15 Partnern. Auf Augenhöhe treffen sich hier kleine, ehrenamtlich geführte Museen mit den großen Häusern in Unterfranken. Ausschlaggebend für die Teilnahme sind die Bereitschaft, sich aktiv einzubringen und die Originalität des Tauschobjektes.

Ein Pressetermin zum Start und gemeinsame Werbematerialien wie Plakate und Broschüren sorgen für eine Aufmerksamkeit, die ein einzelnes Haus nicht erreichen könnte. Finanziell unterstützt wird das einzigartige Projekt von der Unterfränkischen Kulturstiftung des Bezirk Unterfranken.

Kunst geht fremd… und sieht rot

Sein paar Jahren stellen die Akteure ihre Tauschaktion unter ein zusätzliches Motto. Der sprichwörtlich rote Faden ist auch in der diesjährigen Aktion deutlich zu erkennen. Die Begleitbroschüre und die Plakate schmückt ein feuriges Rot, die Objekte erzählen von Menschenopfern bei den Azteken, berichten vom Gewicht Otto von Bismarcks oder zeigen sich in Ochsenblut-Glasur. Das Motto „Kunst geht fremd… und sieht rot“ ist getroffen.

Doch die Museen wollen mit diesem Thema keine Angst machen: Sie verlieren nicht vor Wut die Beherrschung, sondern tun das im besten Sinne. Die „Fremdgänger“ sind ein Sinnbild dieser Farbe, die häufig für Aggression und Zorn, aber eben auch für das Leben, die Leidenschaft und die Liebe steht.
Von Aschaffenburg bis Ebern, von Mellrichstadt bis Miltenberg, von Aschach bis Iphofen, eben quer durch Unterfranken laden die Museen dazu ein, herauszufinden,

  • ob die Glasur der chinesischen Vase tatsächlich aus Ochsenblut besteht,
  • wie die Farbe Rot zwischen der „Enklave“ und ihrer Umgebung Verbindung schafft,
  • ob die Kuratoren das Gewicht von Otto von Bismarck kennen,
  • ob die Farbe Rot Geschwisterliebe unterstreicht,
  • welche Heilkräfte dem Schachtelhalm zugeschrieben werden,
  • zu welchem Zweck es eine Öffnung auf der Skulptur der Maisgöttin „Chicomecoatl“ gibt,
  • welche Bedeutung die Farbe Rot im Karneval hat,
  • in welchem Zusammenhang Spiegel- und Glasherstellung stehen,
  • warum ein „Prophet“ die Zunge herausstreckt,
  • wie groß der Backenzahn eines Mammuts war,
  • warum ein Stier beim Kampf in der Arena rot sieht,
  • wie viel Rot in der Landschaft der Mainschleife zu entdecken ist,
  • ob der Drache Feuer speit,
  • und auf welchem Sessel ein Würzburger Fürstbischof thronte.
Wenn Kunst fremdgeht

Curt Wittenbecher, „Höchenschwandner Karneval zu Februar 64“, 1964, Aquarell auf Aquarellbütten, signiert, 48 x 35,5 cm Deutsches Fastnachtmuseum Kitzingen, Foto: Daniela Sandner

Das Museum Obere Saline in Bad Kissingen verleiht beispielsweise die „Bismarck-Waage“ an das Deutsche Fastnachtmuseum in Kitzingen. In der Begleitbroschüre ist dazu zu lesen: „Von den Regierungsgeschäften gestresst, übergewichtig und von Magen-Darmproblemen geplagt hielt sich der „Eiserne Kanzler“ von 1874 bis 1896 fünfzehn Mal in Kissingen zur Kur auf. Seit 1876 logierte er mit seiner Familie in der Oberen Saline. Dort hat sich die authentische Wohnsituation Bismarcks bis heute im Museum erhalten. Das aktuelle Körpergewicht des Reichskanzlers war zu den Kurzeiten des hohen Kurgastes – auch in der internationalen Presse – Tagesgespräch. Die Bismarck-Waage, auf der Otto von Bismarck sein Gewicht messen ließ, war bereits zu Lebzeiten eine Attraktion. An der Salinenpromenade wurde für die Waage ein Pavillon errichtet. Gegen Gebühr konnten sich die Kurgäste wiegen lassen.“ (Kunst geht fremd, Begleitbroschüre 2018, S. 8).

Das Fastnachtmuseum hat sich aber nicht damit begnügt, das Exponat mit den zwei Begleittafeln in der Abteilung „Essen und Trinken“ zu präsentieren. Die Bismarck-Waage wird hier mit einer knallroten Personenwage kombiniert. Die Museumsbesucher dürfen sich darauf wiegen und ihr Gewicht – gerne auch mit Pseudonym – veröffentlichen. Hoffen wir, dass dabei keiner rot sehen muss!

Kunst geht fremd… und unternimmt auch was

Im Kunst-geht-fremd-Koffer befinden sich aber nicht nur Exponate, sonders seit jeher auch ein Begleitprogramm. Dabei vermitteln Experten in Führungen oder Vorträgen ihr Wissen über das „fremde“Objekt. Zum zweiten Mal dabei ist das Museum Museum Terra Triassica, das die Gelegenheit genutzt hat, mit „Kunst geht fremd“ die ansässige Grundschule und auch die Bewohner von Euerdorf (wieder) ins Haus zu locken. Bei der Vernissage, die mit einem einführendem Vortrag von Dr. Leonhard Tomczyk zum Fremdgänger aus dem Spessartmuseum begann, wurden auch Ergebnisse des Projekts „Kunst geht fremd… und die Einhard-Grundschule sieht rot“ präsentiert. Wir können uns jetzt schon auf die Finissage am Sonntag, 4. November um 16.30 Uhr im Museum Terra Triassica freuen, wenn weitere Werke kleiner Nachwuchskünstler gezeigt werden.

Wenn Kunst fremdgeht

Im Museum Terra Triassica in Euerdorf präsentierten die Grundschüler bei der Vernissage zu „Kunst geht fremd“ ihre Interpretationen des Fremdgängers aus dem Spessartmuseum in Lohr, einem Pokal mit Eglomisé-Medaillon aus der Glashütte Weibersbrunn um 1720. Foto: Jacqueline Mihm

Bis dahin stehen noch Führungen zu den jeweiligen Fremdgängern in den Museen Schloss Aschach (12.9., 14.45 Uhr), in der Kreisgalerie Mellrichstadt, (23.9. und 21.10., jeweils 14.30 Uhr) und im Schlossmuseum Aschaffenburg (4.11., 14 Uhr) an.

Mit „Am Anfang war das Rot“ gibt es „Geschichte und Geschichten um die Farbe der Emotion“ mit Hans Driesel (am 29.9., 19 Uhr im Heimatmuseum Ebern, am 30.9. um 17 Uhr im Deutschen Fastnachtmuseum Kitzingen, am 21.10. um 17 Uhr im Museum Obere Saline, Bad Kissingen).

Höchstwahrscheinlich jeweils begleitet von Rotwein sind am 20.9. um 19 Uhr der „Kulturschoppen“ im Museum.Stadt.Miltenberg, das Künstlergespräch mit Udo Kaller am 12.10. um 19 Uhr im Museum Barockscheune Volkach und das „Museumsgespräch“ am 27.10. um 18 Uhr im Deutschen Fastnachtmuseum Kitzingen.
Der nächste Termin aber steht schon am 8. September von 17 bis 23 Uhr an: während der Museumsnacht in Ebern lässt der Bürgerverein Ebern sein Heimatmuseum vom Lichtkünstler Norbert Wirner in tiefroter Farbe erstrahlen.

Alle Termine sind auch auf der Internetseite http://www.kunst-geht-fremd.de/ zu finden.

Kunst geht fremd… und online

Wem eine Reise durch Unterfranken bis zum 4. November 2018 nicht möglich ist, dem sei die Begleitbroschüre empfohlen, die zum Download auf der Internetseite http://www.kunst-geht-fremd.de/ bereit steht.

Auch der Hashtag #kunstgehtfremd führt bei Twitter und Instagram zu Ergebnissen. So hat beim jüngsten Partner im Netzwerk, dem kleinen, ehrenamtlich geführten Heimatmuseum Ebern, die Beteiligung bei „Kunst geht fremd“ zur Einrichtung eines Instagram-Accounts geführt. Während der ganzen Laufzeit werden Beiträge mit einer „zipfelbemützten Figur“ gepostet, die sozusagen aus dem „Fremdgänger“ gefallen ist und nun sich im Museum umsieht.

Natürlich kann der Besuch der unterfränkischen Museumslandschaft unabhängig von „Kunst geht fremd“ empfohlen werden. Wer aber die Akteure dieses Netzwerkes schon vorab kennen lernen will, findet Infos unter www.kunst-geht-fremd.de und natürlich auf den jeweiligen Museumswebsites.
Folgende Museen sind aktive Partner im unterfränkischen Museumsnetzwerk „Kunst geht fremd“:

Museen Schloss Aschach

Museen der Stadt Aschaffenburg

Museum Obere Saline Bad Kissingen

Heimatmuseum Ebern

Museum Terra Triassica Euerdorf

Knauf-Museum Iphofen

Deutsches Fastnachtmuseum Kitzingen

Kreisgalerie Mellrichstadt

Museen der Stadt Miltenberg

Spessartmuseum Lohr

Museum Schloss Oberschwappach

Kunsthalle Schweinfurt

Museum Barockscheune Volkach

Museum für Franken. Staatliches Museum für Kunst- und Kulturgeschichte in Würzburg

Museum im Kulturspeicher Würzburg

 

Abb. ganz oben: Auch wenn sich die Objekte jedes Jahr ändern, so bleibt die Gestaltung des Key Visuals seit einigen Jahren gleich: alle Objekte werden in einen Koffer gepackt und sind damit bereit zum „Fremdgehen“. Sogar im Logo der Aktion hat die „Kunst“ Füße bekommen. Grafikdesign: Anne Genkel, Weimar.

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