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Das Lied der Erde – Ausstellungen zwischen Mensch und Natur

by Sabine Wieshuber

Warum nur benimmt sich die Menschheit wie die Axt im Wald? Wir alle wissen doch eigentlich: so wie wir hineinrufen, schallt es zurück… Wir haben das Gesicht des Planeten irreversibel und für immer verändert. Und gefährden das fragile Ökosystem unseres blauen Planeten jeden Tag aufs Neue, wenn wir die Klimaerwärmung nicht verlangsamen. Wie angespannt und schicksalhaft, aber auch faszinierend und bereichernd die Beziehung von Mensch und Natur ist, führen uns diese Künstler*innen vor Augen – nicht nur am Earth Day, am Tag der Erde.
Ihr dringender Appell: wir brauchen die Natur mehr als sie uns! Das zeigt sie uns auch jetzt im Pandemie-Jahr: wenn wir der Natur Raum lassen, erobert sie Landschaften und Städte zurück. Wie auch 2011 nach dem Reaktorunglück in Fukushima.

Trotzdem oder auch vielleicht jetzt erst recht: draußen ist Frühling! Die Kirschbäume blühen in Japan und in Europa. Geht in den Wald, geht in die Natur, umarmt Bäume! Wenn ihr Tipps & Ideen braucht: 8 Biotope und Naturlehrpfade stellen wir euch in unserem Blogbeitrag Wildes Bayern vor.
Und schaut euch diese wunderbaren, poetischen, aufrüttelnden Ausstellungen in Würzburg, Ismaning und Oberschleißheim an, sobald ihr könnt. Bis dahin erwarten euch viele digitale kleine Natur-Fluchten, die nachdenklich machen und auch traurig. Die uns verzaubern und irritieren. Die uns sensibilisieren und verzücken.

Tree and soil
Museum im Kulturspeicher Würzburg
27. März bis 24. Mai 2021

Das Lied der Erde - Ausstellungen zwischen Mensch und Natur
Robert Knoth und Antoinette de Jong, Tshushima, Bezirk Futaba, Präfektur Fukushima, Fotografie

„Wir fühlten uns wie ArchäologInnen der Zukunft, die zu verstehen versuchen, was in einer fernen Vergangenheit geschehen war.“

Antoinette de Jong und Robert Knoth

Das Reaktorunglück von Fukushima im März 2011 wirkte weltweit wie ein Schock. Eine ganze Region wurde verseucht. Menschen mussten evakuiert werden und verloren ihre Heimat. Immer wieder reisten Antoinette de Jong und Robert Knoth in den Jahren nach der Nuklearkatastrophe in das Sperrgebiet.
Das niederländische Künstlerpaar dokumentierte in Interviews mit den ehemaligen Bewohnern, in Foto- und Videoaufnahmen die menschenleeren Orte, die Häuser, von denen der Putz abblättert. Sie fotografierten die einst gepflegten japanischen Kulturlandschaften mit Gärten, Feldern und akkurat gepflegten Wäldern, die die Natur jetzt zurück erobert.

Im grünen Herzen der Ausstellung Tree and Soil steht eine Videoinstallation mit Aufnahmen der scheinbar unberührten Natur in der verseuchten Region. Die Filme mit ihren langen Einstellungen – fallender Schnee, vom Wind bewegte Blätter, Sonnenlicht, das durch das Laub bricht – sind von einer stillen, poetischen Kraft. Ein Klangteppich aus Vogelgesang, Windrauschen, Grillenzirpen und knackendem Eis macht die Schönheit der Natur intensiv erfahrbar. Die radioaktive Bedrohung aber bleibt – wenngleich unsichtbar – anwesend.

Die Arbeiten des Fotografenduos werden mit Bildern des aus Würzburg stammenden Arztes Philipp Franz von Siebold kontrastiert. Im frühen 19. Jahrhundert bereiste er Japan und sammelte Artefakte, Pflanzen- und Tierarten, die heute in seiner Sammlung im Siebold Museum in Würzburg zu sehen sind.

Digitaler Tipp: ein intensives Begleitprogramm zu Tree and Soil greift verschiedene Fragestellungen der Ausstellung auf – das Verhältnis von Mensch und Natur, die Herausforderungen der Energiewirtschaft, aber auch das japanische Naturverständnis und seine Erforschung durch Philipp Franz von Siebold. In einem Künstler*innengespräch erläutern Robert Knoth und Antoinette de Jong ihre Intentionen und berichten von ihren Eindrücken aus Fukushima.

Kallmann-Preis 2020: Lena von Goedeke – Soil’s Song
Kallmann-Museum Ismaning
17. April bis 27. Juni 2021

Das Lied der Erde - Ausstellungen zwischen Mensch und Natur
Lena von Goedeke: Equipment First, 2019, Installationsansicht. Ungebrannter Ton, Wasser, Tusche, Digitaldruck auf Vorhang; Variable Maße © Lena von Goedeke

„Gefrierendes Meereis ist weiss oder grau, matt und opak, anders als das leuchtend blaue Eis der Gletscher, das zwischendrin im Wasser schwimmt. Zunächst bilden sich feine Eisnadeln an der Wasseroberfläche, die bei anhaltender Kälte zu größeren Gebilden zusammenwachsen, bis eine dünne, schlammartige Schicht auf dem Wasser entsteht, slushed ice.“

Lena von Goedeke, Auszug aus „Arctic Blog“ 2018

Der Kallmann-Preis wird in diesem Jahr zum dritten Mal vergeben. Ausgezeichnet wird Lena von Goedeke (geb. 1983), die sich gegen 400 Künstler*innen aus ganz Deutschland durchgesetzt hat.

Die Berliner Installationskünstlerin, Bildhauerin und Fotografin beschäftigt sich intensiv mit unserer Wahrnehmung von Natur. Auf zwei Expeditionsreisen sammelte sie Eindrücke, Ideen und Bilder: 2018 war sie an Bord des historischen Segelschiffes „Antigua“ auf einem Törn nach Spitzbergen unterwegs. 2019 verbrachte sie den Winter in Longyearbyen, der nördlichsten Stadt der Welt – Monate in vollkommener Dunkelheit. Die extremen und intensiven Erfahrungen, die sie in dieser lebensfeindlichen Umgebung machte und die eine existentielle Dimension berühren, fanden Eingang in ihre künstlerische Arbeit.

Heute prägen oft digital erzeugte Bilder unsere Vorstellung von Natur. Bei minus 40 Grad auf den Eismassen eines Gletschers zu stehen, ist da eine ganz andere Erfahrung. Auch der Klimawandel oder das Abschmelzen der Pole wird plötzlich greifbar und rückt schmerzlich nah.

Konsequent, akribisch oder sinnlich: die großformatigen, mit höchster Präzision handgefertigten Papierschnitte der Künstlerin untersuchen die digitalen Möglichkeiten der Vermessung und Darstellung von Landschaft. Demgegenüber stehen raumgreifende Installationen: etwa die Gummistiefel vor einem weiten arktischen Landschaftsprospekt. Aus den aus Ton geformten Gummistiefeln läuft schwarze Tusche auf den Boden – ein eindrückliches Bild dafür, wie der Permafrostboden buchstäblich unter unseren Füßen dahinschmilzt.

HABITAT – Vom Mensch geprägte Lebensräume
Flugwerft Schleißheim/ Deutsches Museum
12. März bis 11. Juli 2021

Das Lied der Erde - Ausstellungen zwischen Mensch und Natur

Aus der „Toxic Water“-Serie: orange gefärbtes Wasser rund um ein Kohlebergerwerk in Ostdeutschland © Tom Hegen

„As a photographer I’m interested in the relationship between man and nature. In my aerial photography I focus on landscapes that have been heavily transformed by human intervention. I am trying to sensitize the viewer for those subjects by taking a look on the extraordinary forces impacting our environment.“

Tom Hegen

Der Flächenverbrauch unserer modernen Zivilisationsgesellschaft ist enorm. Wir bauen neue Straßen, wir bohren Löcher in den Boden, um die natürlichen Ressourcen der Erde anzuzapfen, wir roden Wälder. Die Natur hat dabei oft das Nachsehen. Mit dem Ergebnis, dass nur noch knapp ein Viertel der gesamten Erdoberfläche heute frei von menschlichen Spuren ist. 

In seinen Luftbildern zeigt der Fotograf Tom Hegen die angespannte Beziehung zwischen Mensch und Natur. Landschaften, Lebensraum vom Mensch geprägt, gestaltet und organisiert. Die Aufnahmen laden euch dazu ein, unseren Planeten aus einer neuen Perspektive zu entdecken, die Dimensionen menschlicher Eingriffe auf unserer Erdoberfläche zu verstehen und letztlich: Verantwortung zu übernehmen!

Fungi for Future – Die (un)sichtbare Kraft der Pilze
Biotopia Lab München
März bis November 2021

Das Lied der Erde - Ausstellungen zwischen Mensch und Natur
Pilze sind absolute Alleskönner! Foto: Juan Carlos García Menezo, Pixabay  


„Je mehr wir über diese Lebewesen lernen, desto deutlicher wird, wie sehr sie unseren Alltag prägen.“

Von Pilzen können wir viel lernen: Ohne sie wäre das Leben, wie wir es kennen, gar nicht möglich. Als Zersetzer sorgen sie dafür, dass organische Abfälle umgewandelt und die darin enthaltenen Mineralstoffe wieder in den Kreislauf des Lebens zurückgeführt werden. Daraus entstehen vielversprechende Anwendungen für unsere Zukunft, wie etwa neue Materialien, die Kunststoffe ersetzen und den Weg in eine erdölfreie Zukunft weisen könnten.

Pilze sind keine Pflanzen, sondern bilden ein eigenes Reich in der Natur. Es gibt sie in einer immensen Diversität: in der Luft, in der Erde, auf unserer Haut, als Hefe in Bier und Brot, als weit verzweigtes Myzel-Geflecht unter der Erde, als Parasiten oder in Flechten auf Bäumen und Steinen. Schätzungen gehen von bis zu 3,8 Millionen Pilzarten aus – über 90 Prozent könnten gegenwärtig noch unbekannt sein.

Digitaler Tipp: Tanja Seiner, Designerin und Kuratorin der Pop-Up Ausstellung Fungi for Future und Dr. Dora Dzvonyar, Leiterin des BIOTOPIA Lab, zeigen Euch in diesem Video Highlights aus der Pilzausstellung. Dort erfahrt ihr, wie vegane Sneaker aus Zuckerschwamm, Möbel, Textilien oder Baumaterialien aus Pilz-Myzel unsere Zukunft grüner gestalten können…
Oder kennt ihr schon Merlin Sheldrake, den Mann, der mit den Pilzen musiziert? Der britische Biologe, Autor und Musiker ist ein absoluter Pilz-Verstehen. Schaut euch das Interview und Video zu „Entangled Life“ an.

Extratipp für Kinder: Eichhörnchen zähmen leicht gemacht – das Museum Bayerisches Vogtland Hof auf YouTube

Das Lied der Erde - Ausstellungen zwischen Mensch und Natur

„Das muntere Eichhörnchen ist unstreitig eine der Hauptzierden unserer Wälder.“

Alfred Edmund Brehm

In der neuesten Folge der Hofer Museumsschätzchen stellt die Volontärin Karin Königseder das Museumseichhörnchen aus der Naturkunde-Abteilung vor. Wusstet ihr, dass die putzigen Nagetiere mit den Murmeltieren verwandt sind? Und dass sie früher ein beliebtes Haustier waren, vor allem für Mädchen und Frauen? Das glaubt ihr uns nicht? Dann schaut doch selbst…

Abb. ganz oben: Robert Knoth und Antoinette de Jong, Warabidaira, Bezirk Soma, Präfektur Fukushima, Fotografie

Nathalie Schwaiger

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