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Mit Kind ins Museum? Na logisch!

by Sabine Wieshuber

Ein Gastbeitrag von Magdalena Schertl, Mama von Oskar (18 Monate) und Museumsmensch.

„Mit Kind geht die Magie des Musealen verloren!“

Tatsächlich hörte ich diese Aussage, als ich von meinem Vorhaben berichtete, mit meinem fast anderthalb jährigen Sohn ins Museum gehen zu wollen. Es ist wohl wahr, dass man viele Kunstwerke und Ausstellungsstücke anders wahrnimmt, wenn man mit einem kleinen Menschen in eine Ausstellung geht. Gerade wenn dieser noch keine Ahnung von musealer Etikette hat. Aber trübt deshalb ein Kind tatsächlich die sinnliche Erfahrung eines Museumsbesuchs? Auf diese Frage muss ich klipp und klar mit Jein antworten.
Für meinen Versuch besuchte ich zwei Ausstellungen. Unsere Premiere machten wir bei Peter Lindbergh in der Kunsthalle München, unser zweiter Ausflug ging eine Woche später ins Haus der Kunst zu Thomas Struth.

Weitere Tipps für Ausflüge in Museen mit Kindern und Jugendlichen findet ihr hier auf dem Blog und auf dem Museumsportal München. Auch auf dem Museumsportal Bayern kann man sich umschauen! Im Sommer ist zum Beispiel ein Ausflug zu den Freilichtmuseen eine tolle Erfahrung oder wie wäre es mit „tierischen“ Museen?

#1 Peter Lindbergh

Unsere Museumspremiere war eine spontane Entscheidung an einem regnerischen Tag. Oskar war schon bei der Aufzugfahrt begeistert und wackelte freudig erregt im Kinderwagen hin und her. Die gut besuchte Kunsthalle hatte neben dem normalen Besucheraufkommen an diesem Tag eine Reihe von Führungen – das machte es etwas schwierig mit dem Kinderwagen durch die Räume zu gelangen und sämtliche Werke in Ruhe zu betrachten. Teilweise war es ein regelrechtes Schlangestehen vor den Bildern und Texten. Persönlich bin ich kein großer Freund von Wandtexten. Nicht nur wegen der Rudelbildung, sondern auch wegen der Lesbarkeit ist diese Form der Wissensvermittlung für mich kurzsichtigen Mensch häufig unangenehm. Dieses Manko hat die Ausstellung jedoch über die Ausgabe von Audio-Guides wieder ausgeglichen.

Die großformatigen schwarz-weißen Modefotografien von Peter Lindbergh mit den berühmtesten Schönheiten des Planeten standen zweifellos im Mittelpunkt der Ausstellung. Lindbergh hat während seiner Karriere viele junge Models, wie einst zum Beispiel Kate Moss, berühmt gemacht. Seine inszenierten Bilder zeigen Frauen, die stark und selbstbewusst ihren Blick der Kamera zuwenden. Doch neben den großformatigen Aufnahmen waren in den Vitrinentischen viele kleinformatige Abzüge mit Notizen und Markierungen ausgestellt, die die Arbeitsweise des Künstlers sichtbar machten. Auch Anekdoten zu der Entstehung berühmter Einzelbilder wurden mit Hilfe von Schnappschüssen erzählt. Mein Highlight aus einer Vitrine waren die Aufnahmen der jungen Linda Evangelista, die sich unter Tränen die Haare abschneiden lässt, da der Fotograf Lindbergh ihr dazu geraten hat. Nach diesem äußerlichen Wandel wurde das Model berühmt.

Mit Kind ins Museum? Na logisch!

Bereits nach zwei Räumen war Oskar die Menschenmenge unangenehm und er wollte den Kinderwagen verlassen. Relativ schnell wurde ich gebeten, mein Kind zurückzuhalten, als er ein Regal berührte in dem leere Pappschachteln standen. Oskar war fortan die meiste Zeit im Tragetuch. In der Mitte der Ausstellung befand sich ein abgedunkelter Raum in dem ein Video (The Unknown, 2000) zu psychedelischer Musik gezeigt wurde. In der Mitte des Raumes rotierte eine mit Swarovski-Kristallen bedeckte Scheibe, die von einem Scheinwerfer angestrahlt funkelte und glitzerte. Dies gefiel Oskar ganz wunderbar und er wollte auf den Boden um sich dort zu drehen, da er sich so über die Musik und das Glitzern freute. Das mit anzusehen war unfassbar niedlich. Unsere Freude wurde dann leider jäh unterbrochen. Als eine geführte Gruppe den Raum betrat wurde ich gebeten mit meinem glucksenden Sohn zu gehen, da dies ja keine Disko sei. Ich nahm Oskar wieder in die Trage und durchlief die restliche Ausstellung ziemlich schnell, da ich doch recht erzürnt war.

Im späteren Gespräch mit anderen Leuten hörte ich dann eine Erklärung, die mir die Reaktion der Ausstellungsführerin zumindest teilweise erklärt: Manchen Menschen empfinden das ehrfurchtsvolle Betrachten eines Ausstellungsstücks, als ‚richtige Umgang‘ mit einem Kunstwerk. Hier scheiden sich natürlich die Gemüter. Und ich gebe zu, ohne Kind hätte ich ein wenig mehr Ehrfurcht in meine Betrachtung gelegt, da ich Zeit und Muße gehabt hätte mich in den Ausstausch mit dem Werk zu begeben. Mit Oskar im Tragetuch sind manche Exponate definitiv weniger Intensiv betrachtet worden oder sogar komplett aus der Rezeption gestrichen, da er beispielsweise akustisch recht deutlich zu verstehen gegeben hat, dass er etwas anderes interessanter findet oder ihm nach einer gewissen Zeit langweilig wurde. Doch im glitzernden Raum war ich neidisch auf dieses unvoreingenommen Genießen der Sinneseindrücke und die Freude die dieses Kunstwerk in ihm auslösen konnte.

Mit Kind ins Museum? Na logisch!

#2 Thomas Struth

Die Werkschau  von Thomas Struth im Haus der Kunst war eine völlig andere Ausstellungserfahrung. Hier betraten wir mit großen Augen das übergroß wirkende Gebäude, welches durch die vereinzelten Besucher nur noch größer erschien. Die einzelnen Motivreihen waren räumlich getrennt, sodass man in jedem Saal eine andere Schaffensperiode des Künstlers zu sehen bekam. Durch ein an der Kasse ausliegendes Faltblatt ist man optimal durch die gesamte Ausstellung begleitet und mehrsprachig informiert, ohne hier auf die Rauminformationen angewiesen zu sein.  Zu Beginn werden dem Besucher die Aufnahmen präsentiert, welche Thomas Struth während seines Studiums an der Kunsthochschule Düsseldorf in der Klasse von Bernd Becher angefertigt hat. Der Einfluss von Bernd und Hilla Becher ist hier sehr deutlich zu spüren. Die vorwiegend in Schwarz-Weiß gehaltenen Fotografien zeigen menschenleere Orte – meist Stadtaufnahmen – mit starker Zentralperspektive. Im Verlauf der frühen Arbeiten erkennt man jedoch wie sich das Zentrum aufbricht und die Perspektive ändert. Struth lässt sich fortan jedoch in keine Kiste schieben, da er sich auf kein Genre festlegt.  Eine Werkreihe zeigt menschenleere Räume und Umgebungen, die durch präzise Ausleuchtung etwas surreales bekommt.
Die nächste Reihe „Museum Photrographs“ zeigt Innenaufnahmen bekannter Museen und befasst sich mit der Interaktion von  Betrachter und Bild, indem die Kunstrezipienten in Rückenansicht vor den Gemälden und Exponaten stehen. Man wird zum Betrachter der Szenerie und des Gemäldes und ist damit beides: Rezipient und Beobachter. Das Highlight der Ausstellung war für mich die aus vier Bildern bestehende Reihe „Audience“, die den Ansatz der bereits beschriebenen Museumsfotografien aufnimmt und um 180 Grad dreht. Struth hat hier als Auftragsarbeit für die Akademia in Florenz die Besucherreaktionen vor der weltberühmten Statue des David von Michaelangelo aufgenommen. Diesmal ist das Kunstwerk nicht zu sehen, sondern ausschließlich die Mimik der frontal abgebildeten Betrachter zu erkennen. Staunend, interessiert, musternd, aber auch müde und gelangweilte Gesichter sind zu erkennen.

Mit Kind ins Museum? Na logisch!

Oskar und ich durchliefen die Ausstellung ruhig und gelassen,  da wir an einem recht ruhigen Montag fast alleine im Haus der Kunst waren. Neben uns waren nur vereinzelt Besucher und eine kleine Gruppe Kindergartenkinder unterwegs, die sich über eine museumspädagogische Führung freute. Oskar mochte vor allem die großformatigen Aufnahmen im großen Saal, zeigte auf Gegenstände und rief „da –da!“. Doch die ruhige Atmosphäre ließ Oskar schnell im Kinderwagen einschlafen, sodass ich Zeit hatte, das mitgenommene Faltblatt mit Werkinformationen zu lesen.

Mein persönliches Fazit

Die zwei Ausflüge verliefen von Grund auf verschieden. Aber so ist nun einmal, wenn man sich mit Kleinkind ins Museum aufmacht. Man weiß nie, wie es wird. Da auch Eltern das Bedürfnis haben von Zeit zu Zeit ein Museum von Innen zu sehen, sollte man sich einfach trauen, das Kind mitzunehmen. Ein Kind an die Institution Museum heranzuführen kann auch neue Betrachtungsweisen zutage bringen und einen selbst sensibler für das „Was macht das Kunstwerk mit mir“ stimmen. Womöglich hat man weniger Zeit für die reine Informationsaufnahme, aber die ästhetische Erfahrung, die Kunst durch die Augen eines Kindes zu sehen, ist definitiv bereichernd.

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