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Ein Schatz für Würzburg – „Hinter den Kulissen“ im Museum am Dom

by Theresa Geßler

Keine Kunst, keine Krippen, keine Kinderweihnachtsbastelworkshops… Momentan haben die Museen leider geschlossen und wir alle zählen die Tage, bis sie wieder öffnen können. Doch hinter den Türen geht die Arbeit weiter! Was passiert eigentlich in einem Museum (nicht nur nachts)? Wie kommen Kunstwerke in ein Museum und was geschieht mit den alten Gemälden, bevor sie ausgestellt werden?
Wir gewähren euch seltene Einblicke in das Depot des Museums am Dom (MAD) in Würzburg und die Restaurierungswerkstatt von Gudrun Hanika. Wir stellen euch dabei mehrere Arbeitsfelder vor: von der Kunstgeschichte über die Provenienzforschung bis hin zur Restaurierung – bevor die Besucher*innen ein Kunstwerk genießen können, muss es zahlreiche Stationen durchlaufen und müssen einige Rätsel gelöst werden …

Ein Gastbeitrag des Museums am Dom in Würzburg

Ein Schatz für Würzburg - "Hinter den Kulissen" im Museum am Dom
Otto van Veen(?): Der Zinsgroschen, um 1608/15, unrestaurierter Zustand, Öl auf Leinwand, 156,5 x 232,5 cm (ohne Rahmen)
Stiftung Kunstsammlung der Diözese Würzburg, Foto Thomas Obermeier.

Wie der Zinsgroschen in Würzburg fiel…

Im März dieses Jahres bekam die Stiftung Kunstsammlung der Diözese Würzburg ein bemerkenswertes, frühbarockes Gemälde von dem Rubens-Lehrer Otto van Veen geschenkt. Es handelt sich um die Darstellung des „Zinsgroschens“. Die bekannteste Variante, von Tizian um 1516 geschaffen, befindet sich heute in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden. Das Thema des Zinsgroschens entstammt aus der Bibel: im Kapitel 22, 15-22 berichtet Matthäus von einer Fangfrage der Pharisäer. Sie fragten Jesus, ob die Juden dem römischen Kaiser Steuern zahlen sollten. Jesus antwortet den Pharisäern daraufhin mit dem berühmten Zitat und dem Verweis auf die Darstellung auf einer Münze: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“

Ein Schatz für Würzburg - "Hinter den Kulissen" im Museum am Dom
Vorbereitungen zum Transport in das Restaurierungsatelier, Foto: Kerstin Schmeiser-Weiß, POW Würzburg.

Laut einer am Rahmen angebrachten, deutschsprachigen Inschriftentafel, die wohl ins anfängliche 20. Jahrhundert zu datieren ist, wurde das Gemälde von Otto van Veen (1556-1629) geschaffen.  Es wurde der Stiftung Kunstsammlung von der Kongregation der Elisabetinerinnen aus Bad Kissingen übereignet. Das Gemälde stammt jedoch nicht aus älterem Klosterbesitz, sondern aus der Sammlung des kunstverständigen Pfarrers Alois Schölzel aus Berlin, der den Bau der St. Martins Kirche in Berlin-Kaulsdorf initiierte (1930 fertiggestellt).

Kunsthistorische Spurensuche – von Flandern bis nach Franken

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Otto van Veen: Lazarustafel aus dem Triptychon von Pieter Damant in der St. Bavo Kirche, Gent, 1608, Öl auf Holz
https://artinflanders.be/en/artwork/tryptich-pieter-damant, Lizenz-Nr. CC BY-NC-ND 4.0.

Der flämische Künstler Otto van Veen (1556-1629) war der wichtigste Lehrer von Peter Paul Rubens. Seinen künstlerischen Höhepunkt erreichte er Anfang des 17. Jahrhunderts. In diese Zeit dürfte auch unser Gemälde zu datieren sein. Van Veens Arbeit ist in vielen Holztafelgemälden überliefert; seine größerformatigen Leinwandgemälde scheinen nach der grundlegenden Forschungsarbeit Justus Müller-Hofstedes: Otto van Veen, der Lehrer P.P. Rubens, 1959, in geringerem Umfang überliefert zu sein. Seine Monografie listete die bis dahin bekannten und zugeschriebenen, wie auch die urkundlich fassbaren Werke van Veens auf. Ein „Zinsgroschen“ fand dabei keinerlei Erwähnung. Eine Zuschreibung an van Veen scheint dennoch gerechtfertigt, da unser Gemälde eine große Nähe zur 1608 datierten, für Otto van Veen belegten Lazarustafel in der Genter St. Bavo Kirche aufweist, insbesondere hinsichtlich der Christusgestalt und des Pharisäers mit dem Stirnschild, die auf denselben Personentypus zurückgreift.

Diese markante Person und ihr Auftauchen auf beiden Bildern war möglicherweise nicht nur durch die starke Physiognomie als Bildvorlage zweifach verwendet worden. Die Gesichtszüge weisen Ähnlichkeit zu Darstellungen des römischen Kaiser Vitellius (Kaiser 69 n.Chr.) auf. Porträts dieses Kaisers waren zur Zeit van Veens auf dem Gebiet der heutigen Niederlande und in Teilen Belgiens verbreitet. Vermutlich ist die Ursache dafür in dem als vaterländisch empfundenen Freiheitskrieg, dem Bataveraufstand im Jahre 69 n. Chr., zu suchen. Vitellius hatte als niedergermanischer Heerführer der römischen Armee durch seine Aushebungspolitik von batavischen Soldaten zum Bataveraufstand beigetragen. Van Veen hat dieses Thema in einer Kupferstichfolge künstlerisch verarbeitet.

Die Bartlosigkeit des Charakterkopfes für einen Pharisäer mag historisch gesehen unkorrekt sein, da nach mosaischem Gesetz von den Juden ein Bart getragen werden mußte. Das mutmaßlich hebräische Stirnschild weist die Person zudem als Hohepriester aus. Es finden sich jedoch eine Vielzahl an Gemälden und Grafiken, wo einzelne Pharisäer – wohl aus künstlerischen Gründen – bartlos dargestellt wurden.

Die trifft beispielsweise bei der 1601 entstandenen Zinsgroschendarstellung von Marten de Vos vom Altar der Münzgilde (früher St. Andreaskirche, heute Königliches Museum für Schöne Künste, Antwerpen) zu. Auch hier ist der prächtig gekleidete, den Betrachter anblickende Hohepriester links neben Christus bartlos und er ist in seiner Physiognomie sogar unserem Charakterkopf nicht unähnlich. Doch kann hier vermutet werden, dass es sich um die Darstellung einer zeitgeschichtlichen Person handelt, vielleicht einem Stifter bzw. einem Mitglied der Münzgilde, wie dies auch für die den Betrachter anblickende Person rechts neben Christus diskutiert wird.

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Marten de Vos: Mitteltafel des Alters der Münzgilde Antwerpen, Öl auf Holz, 1601,
ehemals St. Andreaskirche Antwerpen, heute Königliches Museum für Schöne Künste Antwerpen.

Im Vergleich zu anderen Darstellungen des Zinsgroschen hebt sich unsere Darstellung besonders durch die Lässigkeit ab, mit der Christus, gleichsam „en passant“ die Frage nach dem Zinsgroschen beantwortet. Durch sein wallendes Gewand ist er im Gehen gekennzeichnet, während die anderen verharren und entweder zu Christus oder auf die Münze schauen. Es fehlt hier nicht nur der sonst klassische Fingerzeig gen Himmel sondern das Bild ist auch erstaunlich unaufgeregt und auf die Fragestellung konzentriert.

Die künstlerische Nähe zur oben erwähnten Lazarustafel wie auch die künstlerische Qualität unseres Gemäldes lassen darauf schließen, dass die Zuschreibung an van Veen gerechtfertigt erscheint und eine Datierung um 1608 angenommen werden darf. Jedoch könnte auch seine Berufung zum Münzintendanten in Brüssel ein Auslöser für die Bildidee bzw. den Auftrag gewesen sein und wäre demnach bis etwa 1615 zu datieren.

Provenienzgeschichte – wie gelangte das Bild vom Admiral zum Pfarrer?

Das Gemälde lässt sich erstmals 1870 in einem Verkaufskatalog der Sammlung J.B. van Rooy, Antwerpen, nachweisen und in einem 1877 erschienenen Katalog zum 300. Geburtsjubiläum von Rubens taucht unser Bild noch einmal auf. Die Tochter van Rooys war mit August Vaerewijck verheiratet, der auf dem Spannrahmen unseres Gemäldes mit der Adresse Lange Leemstraat 384 in Antwerpen vermerkt ist. Zunächst hatten wir August Vaerewijck mit seiner Firma, eines Steinmetzbetriebes, nicht unter dieser Hausnummer nachweisen können, jedoch weist die Todesanzeige seiner Frau vom 08.05.1916 genau diese Adresse auf.  Unter dieser Adresse konnte später der Name eines jüdischen Bewohners – Abram Chaim Blanklejder – nachgewiesen werden. Er stammte aus Polen und wurde 1942 deportiert.

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Dipl. Restauratorin Gudrun Hanika bei der Begutachtung des unrestaurierten Gemäldes, Foto: Kerstin Schmeiser-Weiß, POW Würzburg.

Dies veranlasste  uns, die Provenienzforscherin Frau Bach von der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen München zu Rate ziehen. Inzwischen haben wir aber berechtigte Gründe, einen Besitz des Gemäldes für Blanklejder nahezu auszuschließen. Es wurde nämlich 2019 in einer Auktion in Uppsala ein Gemälde gleicher Provenienz (dort: Waerewijck, Lange Leemstraat 384) angeboten, das sich noch im Besitz der Nachfahren der Vaerwijcks befand und dem Auszüge/Kopien des Katalogs von 1877 beigegeben waren, die handschriftliche Verkaufsinformationen enthielten. Demnach war unser Gemälde zusammen mit einigen weiteren an Admiral Lauren (?, in der Kopie nicht genau lesbar) verkauft worden. Es dürfte sich bei diesem Admiral um den Hafenkommandanten und Kontreadmiral Hugo Louran (1865-1931) handeln, der 1914-1918 in Antwerpen agierte und nachweislich Kunst sammelte/ kaufte. Noch ist uns unbekannt, wie das Gemälde von Louran an Pfarrer Alois Schölzel ging, der 1947 verstarb und das Gemälde spätestens zu diesem Zeitpunkt seiner Schwester Anna, einer Elisabethinerin, übereignete. Diese Lücke von ca. 1917/18 bis 1947 wird weiter von uns recherchiert um eine lückenlose Provenienz dieser Zeit zu bekommen.

In den bislang recherchierten Foren konnte kein Hinweis auf NS- verfolgungsbedingten Entzug unseres Gemälde gefunden werden.

Wir hoffen aber nicht nur die jüngere Provenienz klären zu können, sondern auch etwas zum ursprünglichen Aufstellungsort und eventuellen Auftraggebern herauszufinden.

Restaurierung – Detektivarbeit mit Lupe und UV-Licht

Ein Schatz für Würzburg - "Hinter den Kulissen" im Museum am Dom
Dipl. Restauratorin Gudrun Hanika bei der Begutachtung des unrestaurierten Gemäldes, Foto: Kerstin Schmeiser-Weiß, POW Würzburg.

Die Jahrhunderte sind an dem Gemälde nicht spurlos vorübergegangen. Eine Doublierung der Leinwand sowie zahlreiche Farbretuschen erfolgten in der Vergangenheit, der Firnis war gedunkelt. Die Spannkraft der Leinwand hatte nachgelassen.

 „Es ist meine Berufung die Objekte in ihrer eigenen Schönheit zur Geltung zu bringen. Ich restauriere seit mehr als 30 Jahren, und es wird nicht langweilig. Jedes Bild ist individuell.“

Gudrun Hanika, Restauratorin

Durch die dankenswerterweise ermöglichte großzügige finanzielle Unterstützung durch die Corona Förderlinie der Ernst von Siemens Kunststiftung sowie der Unterfränkischen Kulturstiftung des Bezirks Unterfranken können wir das Gemälde derzeit durch Dipl. Restauratorin Gudrun Hanika restaurieren lassen. Es zeigten sich bereits spannende Entdeckungen, etwa ein vorher nicht erahnbares Grün bei den Pilastern der Raumarchitektur im Hintergrund.

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Kniepartie von Christus mit zwei Freilegungen der originalen Farbfassung unter UV-Licht, Otto van Veen(?): Der Zinsgroschen, um 1608/15, Foto: Gudrun Hanika.
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Detail der Hände mit starken Übermalungen, unrestaurierter Zustand, Otto van Veen(?): Der Zinsgroschen, um 1608/15, Foto: Gudrun Hanika.

Auch das übermalte und leicht vergilbte Knie von Christus konnte wieder in den Originalfarbtönen freigelegt werden. Im zentralen Bereich der Hände war großflächig ausgebessert worden. Hier konnte die Übermalung entfernt werden. Die Retusche erfolgt derzeit.

Es wird bis Anfang Mai 2021 dauern, bis die Restaurierung abgeschlossen ist. Wir erwarten mit Spannung und freuen uns darauf, das Gemälde dann im neu gestalteten, zentralen Bereich im Museum am Dom in Würzburg zeigen zu können.

„Es handelt sich um eine sehr qualitätvolle künstlerische Arbeit, die durch eine Restaurierung sehr gewinnen wird.“

Christoph Deuter, Sammlungskurator

Die Pressestelle der Diözese Würzburg hat einen ausführlichen Artikel zum „Zinsgroschen“ verfasst und auf der Webseite des Museums am Dom in Würzburg sind aktualisierte Informationen zum Zinsgroschen abrufbar.

Abb. ganz oben:  Vorbereitungen zum Transport in das Restaurierungsatelier, Foto: Kerstin Schmeiser-Weiß, POW Würzburg.

Ein Gastbeitrag von Christoph Deuter, Sammlungskurator der Abteilung Kunst, Diözese Würzburg (KdöR)

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