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Deandln in Dirndln?! Der Mythos Bayern

by Anna Blenninger

Vor der Bergkulisse erhebt sich ein Städtchen, eingerahmt von saftig grünen Wiesen. Der Zwiebelturm der Pfarrkirche blitzt im Sonnenlicht. Und am strahlend blauen Himmel ziehen nur ein paar Quellwölkchen vorbei… Klingt nach Wanderurlaub in den Alpen oder einer kitschigen Postkarte!

Doch was hat es mit der Berglandschaft wie aus einer Kitschpostkarte, den Schlössern des Märchenkönigs und den urigen Trachtlern mit Gamsbart auf sich? Woher kommen diese Bilder von Bayern und wie sind sie entstanden? Diese Fragen stellt sich die Bayerische Landesausstellung „Wald, Gebirg und Königstraum. Mythos Bayern“ in Kloster Ettal (3. Mai – 4. November 2018). Nach einer Suche nach dem Ursprung für den Mythos Bayern in der bayerischen Landschaft, die durch Wälder und Gebirge geprägt wird (wer mit uns #AufdemHolzweg unterwegs war, ist bestens vorbereitet!), geht es weiter mit der Anfängen der Bilder Bayerns, wie wir sie heute aus der Werbung kennen.

Altbayern, Preißen und Österreicher: Die Entstehung des Königreichs Bayern

Es begann im Jahr 1806: Das bayerische Kurfürstentum wurde dank Napoleon zum Königreich. Neue Reichsgebiete (v.a. in Schwaben und Franken) kamen hinzu – und plötzlich wurden eine Menge Menschen zu bayerischen Untertanen, die vorher in Freien Reichsstädten, geistlichen Fürstentümern oder in Preußen und Österreich gelebt hatten. Zwischen 1806 und 1812 reichte Bayern kurzzeitig sogar bis an den Gardasee!

Selbst der neue König, Maximilian I. Joseph, war zwar Wittelsbacher, aber ein Zuagroaster, der nach dem Aussterben der Bayerischen Linie der Adelsfamilie seit 1799 als Kurfürst in Bayern herrschte. Kein Wunder also, dass der Pfälzer zunächst argwöhnisch beäugt wurde und die neuen Bürger ebenfalls misstrauisch gen München schielten. Auch sein Nachfolger, König Ludwig I., war mit seinen Bestrebungen aus dem zusammengewürfelten Flickenteppich eine geeinte Nation zu machen, nur mäßig erfolgreich. Erst Maximilian II. kam auf eine zündende Idee: Politische Einheit und kulturelle Besonderheiten einzelner Regionen müssen sich nicht gegenseitig ausschließen! So förderte er lokale Bräuche, Tracht und Volksmusik, wollte Land und Leute kennen lernen und machte Lederhose und Stopselhut erst salonfähig. Wie schon zuvor sein Vater Ludwig I. unterstützte er zudem die wissenschaftliche Erschließung Bayerns: Ethnografen, Geologen, Botaniker und Zoologen zogen im königlichen Auftrag durch die Provinzen, bestiegen Berge und sammelten nicht nur Pflanzen und Tiere sondern auch Trachten und Dialekte. Maximilians Frau, Marie von Preußen, gab sich ebenfalls heimatverbunden: Ihre Leidenschaft für die bayerischen Berge überschritt sogar die Grenzen der Schicklichkeit: Das von der Königin selbst entworfene Wanderkleid, das ihr das Bergsteigen erst ermöglichte, ließ schamlos zwei Hosenbeine unter dem Lodenrock hervorblitzen!

Deandln in Dirndln?! Der Mythos Bayern

Für die damalige Zeit skandalös freizügig präsentiert sich Königin Marie von Bayern hier im selbst entworfenen Wanderkleid und mit feschem Stopselhut. Ernst Wilhelm Rietschel. Aquarell/ Papier, 1847 © Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Geheimes Hausarchiv, Wittelsbacher Bildersammlung, Königin Marie III 6/10″

König und Königin wirkten also als Identifikationsfiguren, die das Nationalgefühl ihrer Untertanen stärken sollten. Eine erfolgreiche Strategie, wenn man sich König Ludwig II., den Märchenkönig, anschaut. Der Kini selbst lebte zwar lieber allein als in der quirligen Metropole München und hielt sich von Auftritten in der Öffentlichkeit so gut wie möglich fern, doch viele Bayern liebten ihn schon damals. Unzählige Menschen kamen zu seiner Beerdigung, um ihrem König die letzte Ehre zu erweisen. Noch heute werden vor seinem Grab in der Michaelskirche regelmäßig Blumen von Verehrern nieder gelegt und die zahllosen Legenden und Verschwörungstheorien um sein Leben und seinen mysteriösen Tod werden immer weiter gesponnen.

Deandln in Dirndln?! Der Mythos Bayern

Der Märchenkönig – Bereits kurz nach seinem Tod ein begehrtes Postkartenmotiv und wichtiger Bestandteil des Mythos Bayern. Postkarte um 1900, geschrieben am 8.11.1906 © Haus der Bayerischen Geschichte

 

Im Sonntagsgwand für Kini, Staderer und Preißen: Bayern und die Welt

Die Idee des ursprünglichen, bodenständigen Bauernlebens auf dem Lande zog nicht nur Wissenschaftler, sondern auch viele Künstler in entlegene Winkel des Königreiches, wo sie pittoreske Trachten und Landschaftsmotive aufspüren wollten. Landschafts- und Genrebilder, wie das des Malers Heinrich Bürkel, zeigen Landschaften von atemberaubender Schönheit und idyllische Szenen des Landlebens, die abgebildeten Bauernfamilien und Jäger herausgeputzt wie für den Sonntagsgottesdienst. Gemälde dieser Art erfreuten sich bürgerlichen Käufern im In- und Ausland großer Beliebtheit. Doch ein kleines Stück Bayern in den eigenen vier Wänden sorgte für Fernweh: Das echte Bayern kennen lernen, selbst einmal die berühmten Oberammergauer Passionsspiele sehen oder eine kühle Mass im Wirtshaus mit Blick auf die Alpen trinken, hieß die Devise. Reisende Theatertruppen, die das bayerische Volkstheater in aller Welt bekannt machten, und die Schlösser des Märchenkönigs Ludwig II., die bereits zwei Monate nach dessen Tod für Besucher geöffnet wurden, taten ihr Übriges.

Deandln in Dirndln?! Der Mythos Bayern

Arbeiten im feschen Sonntagsgewand – in der Genremalerei kein Einzelfall, Heinrich Bürkel, Nach der Jagd, Öl auf Leinwand, undatiert, © Forum ALTE POST

Dies war der Anfang des Tourismus in Bayern. Doch der lief nicht so mühelos, wie Landschaftsbilder und Postkartenmotive glauben machen: Malerisch gelegene Aussichtsbänke, Spazierwege und Alleen mussten erst durch Verschönerungsvereine angelegt, moderner Komfort wie fließendes Wasser, Strom und Straßenbeleuchtung in die bayerische Provinz gebracht werden. Althergebrachtes wurde den Ausflüglern im Rahmen von Heimatabenden präsentiert: Da jodelten, tanzten und musizierten die „Urbayern“ in Tracht für ihr Publikum.

Deandln in Dirndln?! Der Mythos Bayern

Ein bisschen Exotik mitten in Bayern, so muss das schuhplattelnde Paar den Sommergästen aus der Stadt vorgekommen sein. Hubert von Herkomer, 1875 © Haus der Bayerischen Geschichte

Tatsächlich lässt sich aber beobachten, dass im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr Trachten verschwanden oder mit großstädtischen Accessoires vermischt wurden. Auch auf dem Land wollte man statt alter Schürzenkleider Krinolinen wie die eleganten Münchnerinnen tragen, Matelot statt Stopselhut. Tatsächlich war Tracht aber schon immer von der zeitgenössischen Mode geprägt und verändert worden. Ebenso beständig ist die Sorge um den Verfall der alten Sitten: Schon Zacharias Becker prangerte 1788 an, dass sich die „Manns- und Weibspersonen“ im Frankenwald statt mit der ungefärbten Wolle der eigenen Schafe in verschiedenen Grautönen zunehmend mit bunten Tüchern aus dem Ausland schmückten.

Als Gegenmaßnahme ließen die Wittelsbacher Trachtenumzüge mit Trachtengruppen aus ganz Bayern veranstalten. Doch selbst 1842 musste zum Teil bereits mit Museumsstücken oder historischen Bildquellen nachgeholfen werden. Auch die Gründung der Trachtenvereine lässt sich in diesen Kontext stellen, denn eine authentische Ortstracht sollte so erhalten oder gar erst konstruiert werden. Doch gerade die Trachtenvereine zeigen, wie sehr die zunächst zögerlichen Bayern nun ihre Trachten als Ausdruck ihrer bayerischen Identität verstanden. Bis heute wird man schräg angeschaut, wenn man als „waschechter Bayer“ keine Krachlederne im Schrank hängen hat – und wenn sie auch nur zur Volksfestzeit ausgeführt wird.

 

Deandln in Dirndln?! Der Mythos Bayern

Diese Traunsteiner Trachtengruppe war nur eine von 150 Gruppen, die zum Oktoberfest 1895 Teil des ersten Trachtenumzugs waren – in alten oder neuen, „nach altem Muster“ gefertigten Kostümen. Atelier Frankonia 1895 © Bayerisches Nationalmuseum München, Fotograf: Bastian Krack

Doch auch die Nationalsozialisten machten sich den Mythos Bayern zu nutze. Nach dem Verbot der NSDAP in den 1920er Jahren, tauschten viele Parteimitglieder die Parteiuniform gegen Lederhosen, Bilder von Hitler auf dem Obersalzberg propagierten die Idylle deutscher Landschaft. Die Vereinnahmung aller Alltagsbereiche durch die Ideologie des NS-Regimes machte auch vor der Tracht nicht Halt; Trachtenvereine wurden gleichgeschaltet und fortan von Parteimitgliedern geleitet. Das eigentliche Ziel sollte allerdings nicht die Erhaltung von Regionaltrachten sein, sondern die „Reinigung“ von unerwünschten Einflüssen durch die „Mittelstelle Deutsche Tracht“ in Innsbruck und die Ersetzung durch eine einheitliche deutsche Nationaltracht.

Nur Klischees und alte Hüte?

Heute gibt es viele unterschiedliche Perspektiven auf Tracht: Vom perfekten Kleidungsstück, mit dem man zu jedem Anlass gut gekleidet ist, dem Ausdruck des bayerischen Lebensgefühls, bis hin zur Kostümierung zur Wiesnzeit oder der Komplettverweigerung. So verhält es sich auch mit dem Mythos Bayern: Im Laufe der Jahrhunderte haben sich nicht nur eine Vielzahl von politischen Motivationen und Marketingstrategien als Gepäck angesammelt, die auch heute noch eine Rolle spielen (viele bayerische Politiker tragen stolz ihre Tracht), sondern werden ergänzt durch neue Herangehensweisen, Perspektiven und Blicke hinter die Fassade. Bayern ist gewachsen, veränderlich und eines ganz sicher nicht – langweilig.

Wer mehr über die Entstehung des Mythos Bayern oder das tatsächliche Leben der bayerischen Landbevölkerung erfahren möchte, der sollte sich nach dem Besuch der Landesausstellung unbedingt die Ausstellung „Strizzis, Lack’n, Goaßlschnalzer“ im Schlossmuseum Ismaning (13. Mai – 30. September 2018) ansehen und eines der vielen sehenswerten Freilichtmuseen aufsuchen! Unser eigener Blick hinter die Fassade führt euch nicht nur sprichwörtlich auf den Holzweg, denn wir waren in unserer Artikelreihe #AufdemHolzweg auf Irr- und Abwegen  rund um die Themen Wald und Holz quer durch die bayerische Museumslandschaft unterwegs.

 

„Wald, Gebirg und Königstraum. Mythos Bayern“

3. Mai – 4. November 2018

täglich geöffnet von 9 bis 18 Uhr

Kloster Ettal

Kaiser-Ludwig-Platz 1

82488 Ettal

 

 

Abb. ganz oben: Postkarte Ansicht von Oberammergau (1895/1905) © Haus der Bayerischen Geschichte

 

Anna Blenninger

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