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Oberammergau und die Passionsspiele 2022

by Bianca Faletti

Ein ganzer Ort in heller Aufregung: alle zehn Jahre steht (fast) ganz Oberammergau auf der Bühne. Hunderte Laiendarsteller, Kinder, Frauen, Männer, spielen die Leidensgeschichte Christi. Tausende Zuschauer*innen aus aller Welt strömen jeden Tag vom 14. Mai bis 2. Oktober 2022 ins Passionstheater, um Jesus und seine Jünger live auf der Bühne zu sehen. Doch wie kam es dazu? Auslöser war ein Gelübde 1633…

Was hat der passionierte Bilderbuchort in den Ammergauer Alpen noch zu bieten? Kommt mit auf einen Rundgang – zu den schönsten Lüftlmalereien, Schnitzereien und dem himmelblauen Stoff-Kubus „(Im)materiell“, der das Oberammergau Museum verhüllt.

Die Kastanien blühen, in der Luft liegt ein Hauch von Flieder und Sauerkraut. In den Schaufenstern Krippen, Trachten, Theatergewänder, Fotos früherer Aufführungen und Passions-Souvenirs. Eine Reisegruppe mit roten Sitzkissen unter dem Arm zieht durch die Dorfstraße. Denn wer ins Theater will, braucht gutes Sitzfleisch. Fünf Stunden lang ist die Passion – von 14.30 bis 17 Uhr und von 20 bis 22.30 Uhr. Mit einer Pause von drei Stunden. Während der Vorstellung herrscht dafür gespenstische Ruhe auf den Plätzen und in den Gassen. Die Kellner ruhen sich aus, die Einheimischen dösen in den Gärten. „Schlag Fünf geht’s wieder los“, verrät die Verkäuferin im Eiscafé. Denn dann fluten die rund 4400 Menschen, die dieses Jahr ins Passionstheater dürfen, auf einmal den Ort, bevölkern sich die Biergärten und Terrassen.

Die Passionsspiele sind Kult – und international bekannt. Vor allem Amerikaner besuchen die Passionsspiele sehr gern. Bob und Sue aus Washington DC, Bill und Monica aus Alabama und Cindy und Joe mit ihren erwachsenen Kindern aus Cincinatti lieben Oberammergau. „It’s awesome“, sagen sie, „Wir sind extra für das ‚Passion Play‘ aus den Staaten gekommen, als Package mit Linderhof, Neuschwanstein und einem Tag München“, erzählen sie. Aber auch aus Asien, England, Skandinavien und dem Rest von Europa kommen die Menschen, um das außergewöhnliche Spektakel mitzuerleben. Das nur alle zehn Jahre stattfindet. Bei den letzten 2010 war eine halbe Million Gäste aus aller Welt da. Wegen Corona wurde es um zwei Jahre verschoben.

Am Anfang war das Wort: während des Dreißigjährigen Krieges wurde Bayern von einer verheerenden Pestepidemie heimgesucht. Die Gemeindevorsteher schworen „die Passions-Tragödie alle zehn Jahre zu halten“, wenn das Dorf von der Pest befreit würde. Die Seuche kam zum Stillstand und bereits 1634 lösten die Oberammergauer ihr Versprechen ein.
Die ersten Aufführungen fanden auf einem einfachen Holzgerüst auf dem Friedhof neben der Pfarrkirche statt, seit 1830 dient der Platz des heutigen Theaters als Spielort. 1930 erhielt die Freilicht-Bühne ihre aktuelle Form. Der Zuschauer-Raum wurde damals mit einer monumentalen Halle überdacht. Seit 2020 steht das Theater unter Denkmalschutz.

Seit mehr als drei Jahrhunderten finden die Passionsspiele Oberammergau nun statt. Sie sind die größten und bekanntesten der Welt. In einem großen gemeinsamen Kraftakt bringt das Dorf die letzten fünf Tage von Jesus von Nazareth auf die Bühne. Die Rollen sind sehr begehrt – und werden alle doppelt besetzt. Die Hauptrolle, Jesus, teilen sich 2022 Frederik Mayet und Rochus Rückel. Regie führt seit 30 Jahren der gebürtige Oberammergauer und Intendant des Münchner Volkstheaters Christian Stückl. Und die Rolle des Judas spielt der Muslim Cengiz Görür – eine Premiere.
Nur wer in Oberammergau geboren ist oder seit mindestens 20 Jahren hier lebt, darf mitspielen. Mindestens ein Jahr vorher beginnen die Vorbereitungen, lassen sich vor allem die Männer Haare und Bärte wachsen. „Es ist eine Geschichte von Hoffnung und Erlösung für die Welt – zeitlos und immer wieder neu, vor allem in so schweren Zeiten wie dieses Jahr…“, sagt ein Darsteller mit silbergrauem Bart auf dem Weg zum Theater.

Während der Passionsspiele könnt ihr das Passionstheater und die Ausstellung zur Geschichte der Passionsspiele im Foyer bis 12 Uhr mittags besuchen, danach kommt ihr nur noch mit Ticket für die Vorstellung rein.

Was gibt es sonst noch zu sehen?

Das Oberammergau Museum

Zu den 42. Passionsspielen zeigt das Heimatmuseum, eines bedeutendsten  kulturhistorischen Museen in Bayern, unter dem Titel „(IM)MATERIELL – Stoff, Körper, Passion“ ein spektakuläres Gesamtkunstwerk aus Gebäude-, Rauminstallation und Ausstellung. Habt ihr schon mal aus menschlichen Haaren gesponnene Kunstwerke gesehen? Oder seid der Erlösung ganz nah gekommen? Seht selbst…

Museumsleiterin Dr. Constanze Werner hat sich etwas Besonderes einfallen lassen: ein indigoblauer Stoff-Kubus, eine textile Außenhaut, gewebt aus den Volksgewändern der Passionsspiele 2000 und 2010, ummantelt das historische Gebäude von 1910 und zieht sich innen durch das Museum. Dadurch entstehen neue Räume, ein verfremdetes Innen und ein Außen, das der Besucher immer wieder betritt und verlässt.

Die Räume im Inneren sind irritierend still und weiß. Das Museum scheint in einen Dornröschenschlaf gefallen zu sein – oder in Watte gepackt. Von weitem dringen Geräusche und Stimmen herein. Eine Uhr tickt und eine „Discokugel“ dreht sich zu Operngesängen und wirft Lichtpunkte auf das Kreuz in der Ecke. Die bekannten Oberammergauer Holzschnitzereien aus fünf Jahrhunderten, allerlei Tiere, Engel, Heilige und Krippenfiguren, sind verhüllt. Nur einige schauen hervor: wie der Engel mit Sichel oder Jesus im Kreis der 12 Apostel beim letzten Abendmahl.

Oberammergau ist als Dorf der „Herrgottsschnitzer“ bekannt. Im Winter, wenn die Bauern nicht viel auf den Feldern zu tun hatten, verdienten sie sich durch die Holzfiguren etwas dazu. Die Spielsachen und Heiligenfiguren wurden über die Rottstraße in ganz Europa verkauft. In der nachgebauten Schnitzstube seht ihr die Werkzeuge, die moderne Holzbildhauer zum Teil noch heute verwenden.

In der letzten Etage unter dem Dach filzt der Oberammergauer Künstler Klaus Vogt Seile aus menschlichen Haaren. Seit 22 Jahren macht er aus den Haaren, die nach den Passionsspielen bergeweise anfallen, Kunst. Kunst mit der DNA des ganzen Dorfes. Aus den bunten Garn-Schnecken ziehen sich die Stränge kreuz und quer, unter dem Tisch durch und an der Decke entlang. Sie schreiben Wörter an die Wand, sie verbinden und verweben die Ausstellung.
Wo schließlich die Erlösung wartet: unter sphärischen Klängen könnt ihr die illuminierte Fransen-Röhre im Zentrum der Video Installation betreten und in den Himmel auffahren… ein wahrhaft erhebendes Erlebnis!

Kein Wunder, dass die Menschen hier wie beseelt durch die Straßen laufen… Wenn ihr nach Oberammergau kommt, solltet ihr unbedingt auch einen Spaziergang durch den Ort machen.

Oberammergau und seine Lüftlmalerei

Die kunstvoll bemalten Hausfassaden sind berühmt! Der Name „Lüftlmalerei“, so erzählt man sich, kommt vom heimischen Meister und Maler Franz Seraph Zwinck (1748 – 1792). Er wohnte im Haus zum „Lüftl“ und beherrschte wie kein anderer die Fresko-Technik, auf feuchten Putz mit schnellen, präzisen Pinselstrichen zu malen. Mit seinen Säulen, Balkonen, Verzierungen, biblischen Szenerien und Spruchbändern sehen selbst einfache Bürgerhäuser wie Paläste aus. Gekonnt verschönerte Zwinck das heutige staatliche Forstamt in der Ettaler Straße (die Malereien an der Westfassade sind jünger und stammen von Franz Hartmann), das Kölblhaus (gegenüber dem Forstamt), das Mußldomahaus am Lüftlmalereck, das Dedlerhaus und das Pilatushaus.

Auf einem gemütlichen Rundgang von ca. 1, 5 Stunden könnt ihr die bekanntesten Sehenswürdigkeiten erleben. Start- und Zielpunkt ist das Ammergauer Haus, in dem auch das Tourismusbüro untergebracht ist. Hier bekommt ihr auch den Stadtplan mit der Route und Erklärungen. Der Weg führt auch am Hänsel- und Gretelhaus, am Rotkäppchenhaus und an der Pfarrkirche St. Peter und Paul vorbei.

Ausflugstipps rund um Oberammergau

  • Schloss Linderhof – das prunkvolle „Schlösschen“, in dem Märchenkönig Ludwig II. gern residierte, und der Park mit Venusgrotte und Wasserspielen sind ein Gesamtkunstwerk – und die Lage in den Bergen einzigartig.
  • mSE Kunsthalle – Unternehmer und Sammler Christian Zott hat 2019 ein eigenes Museum in seinem Heimatort eröffnet. Im Skulpturengarten erwarten euch Plastiken von Lois Anvidalfarei, Bruno Wank, Norbert Tadeusz und die 32,4 Meter hohe, begehbare Raum- und Klangskulptur „Sichtung“ von Hildegard Rasthofer und Christian Neumaier.
    Anlässlich der Passionsspiele 2022 führt auch der Skulpturenweg Passion im Tal durch das Ammertal und das Unterammergauer Moos.
  • Kloster Ettal – die weitläufige Anlage entstand rund um die barocke Basilika. Das Benediktiner-Kloster wurde 1330 gegründet. Heute gehören auch ein Alpenklimagarten, eine Brauerei, ein Klosterladen, eine Likörmanufaktur und eine Schaukäserei dazu.
  • Kulturmeile Ammergauer Alpen – Mit der App „locandy“ (erhältlich im Play- und App-Store) erhaltet ihr euren persönlichen Reiseführer direkt auf’s Smartphone und könnt spannende Hörbeiträge zu den Sehenswürdigkeiten abrufen.

Alle Infos zu Oberammergau beim Tourismusbüro Ammergauer Alpen.

Hier findet ihr Infos und Tickets: Passionsspiele Oberammergau 2022.

Abb. ganz oben: Dem Himmel ganz nah – ein blauer Textilkubus hüllt das Oberammergau Museum ein. Foto: Nathalie Schwaiger

Bianca Faletti & Nathalie Schwaiger, Fotos Nathalie Schwaiger

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