Home Ausflugsperlen Orte der Stille

Die Blätter rieseln, die Tage werden – spätestens seit der Zeitumstellung – kürzer. Die Natur verändert sich und mit ihr auch oft unsere Stimmung: ob nun beim Yoga mit Bergblick im Franz Marc Museum in Kochel, in der Klang-Licht-Installation im Dream House in Polling oder im Schlosspark Nymphenburg – Museen, Kirchen und Schlösser sind wunderbare Rückzugsorte. Zum Auftanken und Energie sammeln. Zum Erinnern und bewahren. Zum lauschen, durchatmen, nachdenken und zur Ruhe kommen.

Unsere Ausflugstipps sind ein prima Mittel gegen den Herbst-Blues: auch wenn sich jetzt jede Menge besinnliche Feiertage jagen, von Reformationstag bis Totensonntag – der Herbst ist eine tolle Chance, um Neues zu entdecken!
Lasst euch wie wir vom Element Metall inspirieren, das die traditionelle chinesische Medizin dieser Jahreszeit im Wandel zuordnet: das Element Metall hilft uns, innere Klarheit zu finden und uns auf das Innen zu konzentrieren. Es stärkt unsere Intuition und löst Konflikte. Es ermutigt uns altes Loszulassen, damit Neues entstehen kann – ganz so wie die Bäume…

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Magenta-Licht und Klangwellen im Regenbogenstadl lassen die Zeit zu einem dehnbaren Begriff werden. Photo Marian Zazeela. Copyright © La Monte Young and Marian Zazeela 2001

Dream House Polling/Oberbayern

Die Töne scheinen frei zu schweben und überwinden die Grenzen von Raum und Zeit. Wie endlose Klangwellen fließen die Akkorde und verbinden sich mit dem lila Licht – das „Dream House“ ist ein Sound and Light Environment der amerikanischen Künstler La Monte Young (geb. 1935) und Marian Zazeela (geb. 1940). In den Wintermonaten wirkt die Lichtskulptur Magenta Day / Magenta Night von Marian Zazeela durch den niedrigen Sonnenstand besonders intensiv. Neben den Lichtskulpturen von Marian Zazeela wird der Dauerklang „The Magic Opening Chord“ eingespielt: die beiden Akkorde Magic Chord und Opening Chord schwingen gemeinsam in einem Raum und finden ihren Zusammenklang in der Mitte. Es entsteht ein besonderes Klangerlebnis, so der Experimental-Komponist und Pionier der Minimal Music La Monte Young: „Werden diese Sinuswellen in einem geschlossenen Raum kontinuierlich gehalten – wie es bei meiner Musik der Fall ist – entstehen stehende Wellen, und jede Frequenz findet ihre Stellen stärkster Resonanz im Raum, um dazwischen zu schwingen.“
Das Kloster Polling im idyllischen Schongau ist schon seit über tausend Jahren ein Ort der Lehre, Forschung und spirituellen Entwicklung. Das Besondere dieses Sinn-Ortes spürten zahlreiche Künstler. Unter ihnen waren auch viele Amerikaner wie der Komponist und die Licht-, Performance- und Installationskünstlerin Marian Zazeela. Gemeinsam schufen sie seit den 80er Jahren weltweit zeitlich begrenzte „Dream Houses“. Das Regenbogenstadl in Polling und ihre Installtion in New York sind die einzigen Dauereinrichtungen, die Einblick in das komplexe Werk der beiden Künstler geben.

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Fränkisches Freilichtmuseum Fladungen/Unterfranken

Für die bayerischen Freilichtmuseen ist bis Sonntag 3. November Endspurt – auch am Rand von Bayerns nördlichster Stadt Fladungen. Eingebettet in Gärten, Äcker und Streuobstwiesen, erzählen die Höfe, die beiden Mühlen, das Brauhaus und das sogenannte „Kalthaus“, die Dorfschule, Schäferei und Büttnerei wie das Dorfleben in Unterfranken vor 350 Jahren war.
Am nächsten Wochenende gibt das Museums-Team noch mal alles, bevor dann bis 1. April Ruhe einkehrt: mittags gibt es frischen Plootz aus dem Backhäuschen. In der Küche des Dreiseithofs wird ein herbstliches Gericht aus historischen Kochbüchern zubereitet. Theatermacherin Silke Ohlert erzählt schauerliche und amüsante Sagen, die in der Rhön von Generation zu Generation überliefert wurden (12.30 bis 15 Uhr in der Hofstelle aus Waldberg). Und in der Aktionsscheune könnt ihr Futterrüben aushöhlen und ihnen fantasievolle Gesichter verpassen (11 bis 16 Uhr). Früher wurden nicht nur Halloween-Kürbisse, sondern auch Rübengeister geschnitzt. Als Höhepunkt ziehen die Kinder mit ihren leuchtenden Geistern durchs Museumsdorf – ein toller Abschluss der Saison!

Nur die Museumskirche St. Bartholomäus aus Leutershausen, von 1801-1803 im Landkreis Rhön-Grabfeld gebaut und Stein für Stein umgesetzt von 1992-1995, wird für ein stimmungsvolles Adventskonzert am 1. Dezember noch einmal aufgesperrt. Und auch heiraten könnt ihr hier besonders romantisch in der ruhigen Zeit…

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Konzentration auf das Wesentliche: der britische Architekt John Pawson gab der Moritzkirche in Augsburg ein neues Gesicht

Moritzkirche Augsburg/Schwaben

Sie ist eine der ältesten Pfarreien der Stadt und liegt mitten in der City, zwischen Geschäften, Cafés und Kaufhäusern. Doch sobald man den lichten, puristischen, fast vollkommen weißen Kirchenraum betritt, ist man in einer anderen Welt. Oder vielleicht auch schon im Himmel… Hektik, Lärm, Vorweihnachtsstress bleiben draußen. Durch die Reduktion der Formen, Farben und Materialien (portugiesischer Kalkstein, dunkel gebeizte Eiche und der Halbedelstein Onyx für die Fenster und Teile des Tabernakels) strahlt der Raum eine meditative Kraft aus. Die Pfarrei, die so wie keine andere den Strukturwandel der Innenstadt miterlebt, ist Standort der Cityseelsorge der katholischen Kirche in Augsburg und geht mutig neue Wege – auch architektonisch.
Den Umbau der Kirche gestaltete der britische Architekt John Pawson, Begründer des englischen Minimalismus. Mit seiner Vision eines einfachen, modernen Kirchenraumes hat er in der ehemals barocken Moritzkirche gründlich aufgeräumt: die klare Ausrichtung des Schiffs nach Osten wird durch seine Gestaltung noch betont. Die Wiederholung der Formen und die indirekte Lichtführung öffnen den Raum optisch. Ein Gefühl der Unendlichkeit macht sich breit, das stärker wird, je weiter man Richtung Osten geht.
Selbst die Orgel ist vom Hauptschiff aus nicht sichtbar, sondern befindet sich im Ostchor. So gibt es nichts, was die Klarheit und Symmetrie im Chorraum stört…

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Toraschrein in der Ehemaligen Synagoge Kriegshaber, Museumsdependance des Jüdischen Museums in Augsburg © Jüdisches Kulturmuseum Augsburg-Schwaben

Jüdisches Museum Augsburg/Schwaben

Die Ehemalige Synagoge Kriegshaber ist ein besonderer Ort, das spürt man sofort: sie ist die älteste erhaltene Synagoge in Bayerisch-Schwaben und war fast dreihundert Jahre lang das Zentrum der jüdischen Gemeinde vor den Toren Augsburgs. Jahrelang stand das Gotteshaus im heutigen Stadtteil Kriegshaber leer und ist seit seiner Sanierung 2014 eine Dependance des ersten eigenständigen jüdischen Museums in Deutschland.
Die Ausstellung im Haupthaus des Jüdischen Museums in der Innenstadt präsentiert die Geschichte der Juden in Augsburg als eine Geschichte der Migration, als Abfolge von Niederlassung und Vertreibung, von Suchen und Finden, aber auch als Verlust von Heimat. Die Ritual- und Kultgegenstände aus Silber stammen aus zerstörten jüdischen Gemeinden Schwabens. Von bekannten Augsburger Goldschmieden gefertigt, zeigen sie erstaunliche Verflechtungen zwischen jüdischer und christlicher Kultur, lenken den Blick auf das Mit-, Gegen- und Nebeneinander von jüdischer Minderheit und christlicher Mehrheit.

Die derzeitige Sonderausstellung in der Ehemaligen Synagoge Kriegshaber „Über die Grenzen. Kinder auf der Flucht 1939/2015“ beschäftigt sich mit den Schicksalen jüdischer Kinder, die durch Kindertransporte aus Deutschland gerettet wurden. Sie fragt aber auch nach der Situation unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge heute.
Bis zum 1. Dezember 2019 verlängert!

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Eine ruhige Seitenallee im Schlosspark Nymphenburg. Foto: Bayerische Schlösserverwaltung

Schlosspark Nymphenburg München/Oberbayern

Auch in den Parks und Gärten wird es stiller – vielleicht auch für euch ein perfekter Moment, um einen Gang runter zu schalten und euch eine „Aus-Zeit“ zu gönnen: die Blätter rieseln zu hören, versteckte Ecken und Alleen zu entdecken, aufzuatmen. In der traditionellen chinesischen Medizin wird dem Element Metall im Herbst die Lunge als Organ zugeordnet. Vielleicht tut es auch darum so gut, im Herbst dem Atem bewusst viel Raum zu geben. Auf einem Spaziergang an der frischen Luft im Nymphenburger Schlosspark, unterwegs auf weniger bekannten Seitenwegen, zu  Parkburgen und Pavillons, die hinter bunten Bäumen auftauchen oder sich im Wasser spiegeln… Ein aufwändiges Kanalsystem leitet den Fluss Würm zum Schlosspark und speist Seen, Brunnen und Wasserarme. Und vielleicht mögt ihr auch dem einen oder anderen herbstlichen Gedanken meditativ nachgehen: Wer oder was ist euch wichtig? Was wollt ihr hinter euch lassen, was wollt ihr bewahren, woran wollt ihr euch erinnern und was darf gehen?

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Ein spannender Dialog: moderne Plastik trifft auf Gotik in der Heiliggeistkirche in Landshut. Foto: Oliver Haßler

Koenig im Heiliggeist – Heiliggeist Kirche Landshut/Niederbayern

Noch bis 6. Januar 2020

In einem der schönsten Sakralräume der Spätgotik in Landshut gehen Architektur und Skulptur eine großartige Symbiose ein: die hochaufstrebenden, schlanken Säulen des Baumeisters Hans von Burghausen († 1432) treten in einen spannenden Dialog mit den großformatigen, abstrakten Arbeiten des Bildhauers Fritz Koenig (1924 – 2017). Fritz Koenig, der die letzten Jahre zurückgezogen in seinem Landsitz und Pferdegestüt bei Landshut gelebt hatte, war einer der führenden deutschen Künstler der Nachkriegszeit – ein Erinnerer und Ermahner. Seine „Große Maternitas“, ein Hauptwerk des Modernismus, steht im Park des Bonner Kanzlerbungalows. Ein weiteres seiner Werke, die Bronze-Kugel „The Spere“, überstand schwer beschädigt die Anschläge des 11. September auf das World Trade Center in New York und steht heute im Ground Zero. Was aus seinem Atelier und Künstlerhaus am Ganslberg und seiner Sammlung afrikanischer Kunst werden soll, ist bis heute noch unklar.

Ab dem 30. November 2019 bis zum 6. Januar 2020 findet ihr in den Dunkelräumen der Heiliggeistkirche die Ausstellung zum Krippenweg „Folge dem Stern“

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Relaxing-Yoga mit Aussicht im Franz Marc Museum in Kochel am See. Foto: Lars Oberländer

Yoga im Franz Marc Museum Kochel/Oberbayern

Franz Marc (1880–1916) nannte Kochel einen „Schicksalsort“. Und so wurde in einer Villa des späten 19. Jh. über dem Kochelsee ein Museum eingerichtet, das diesen bedeutenden Künstler in der Landschaft würdigt, die er liebte und in der der größte Teil seiner berühmten bunten Tierbilder entstand. Zwei Mal im Monat könnt ihr euren Tag mit einer entspannenden Yoga-Stunde beginnen: im Aussichtsraum des modernen Museumsanbaus lädt euch die Yoga Trainerin Elisabeth Dean zu einer Relaxing-Yoga-Stunde mit Blick auf den Kochelsee und die Berge ein, eine ideale Einstimmung auf einen inspirierenden Rundgang durch das Museum. 

Die nächsten Yoga-Termine sind: 10. November, 1. Dezember 2019, 5. Januar und 16. Februar 2020, jeweils 10 – 11 Uhr. Für die Teilnahme ist keine Yoga-Erfahrung nötig. Das Tragen von bequemer Wohlfühlkleidung ist ausreichend.

Die aktuelle Sonderausstellung „Blauer Reiter – Das Moment der Abstraktion“ beleuchtet die verschiedenen Abstraktionstendenzen, die die Künstler des „Blauen Reiters“ in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg entwickelten. Noch  bis 16. Februar 2020.



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KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Foto: Thomas Dashuber

KZ Gedenkstätte Flossenbürg /Oberpfalz

Bis zur Errichtung des Konzentrationslagers war Flossenbürg nur ein kleines Dorf im Oberpfälzer Wald. Doch ab 1938 mussten hier über 100.000 Menschen unter unmenschlichen Bedingungen in den Granitsteinbrüchen schuften. 30.000 überlebten die Tortur nicht.
Männer, Frauen und sogar Kinder aus über 47 Nationen Ländern waren in der Barackensiedlung inhaftiert, die Hälfte von ihnen polnischer oder sowjetischer Herkunft. Hinter den grausamen Zahlen stehen einzelne Schicksale. Wer waren diese Gefangenen? Warum waren sie hier? Und was wurde aus ihnen? Diese Fragen versucht die neu gestaltete Ausstellung in der ehemaligen Wäscherei nachzugehen. Im Film „Wir haben überlebt … die anderen sind geblieben“, kommen sieben ehemalige Häftlinge des Lagerkomplexes Flossenbürg zu Wort. Einer der bekanntesten unter ihnen war der Theologe Dietrich Bonhoeffer, vor der Arrestbaracke in Flossenbürg musste er im Morgengrauen des 9. April 1945 nackt zum Galgen laufen und wurde gehängt.
Auch die komplett neu gestaltete Website der Gedenkstätte erlaubt direkte und erschütternde Einblicke. Über die Online-Datenbank der „Memorial Archives“ wird es Nutzer*innen erstmals ermöglicht, in einem Teil des Archivbestandes zu recherchieren: zu videografierten Interviews mit Überlebenden des KZ Flossenbürg, zu ehemaligen Häftlingen, Gedenkorten und Verstorbenen.

Die nächsten öffentlichen Rundgänge in der KZ Gedenkstätte Flossenbürg am 1., 2., 3. November jeweils um 14 Uhr.

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Olafur Eliasson, Mono scanner, 2004 Linse, Spiegel, Motor, HMI Lampe, Stativ, Größe variabel, Unikat Courtesy Olafur Eliasson, neugerriemschneider, Berlin; Tanya Bonakdar Gallery, New York | Los Angeles; Foto: Annette Kradisch, Kunsthalle Nürnberg

Hidden Beauty – Kunsthalle Nürnberg/Mittelfranken

Noch bis 19. Januar 2020

In einem verdunkelten Raum leuchtet der „Mono scanner“ von Olafur Eliasson: der Lichtstrahl, einem Leuchtturm gleich, dreht sich langsam im Kreis und erfasst dabei Türen, Boden, Wände und Decke. Er tastet seine Umgebung ab und lenkt die Aufmerksamkeit plötzlich auf Details, die wir vorher gar nicht wahrgenommen haben.  
Mit der Ausstellung „Hidden Beauty“ feiert die Kunsthalle Nürnberg ihre Wiedereröffnung nach einem 16-monatigen „Schönheitsschlaf“. Das Museum selbst liegt versteckt an der mittelalterlichen Stadtmauer und präsentiert sich jetzt im wahrsten Sinne im neuen Licht: denn die neuen Oberlicht-Decken lassen nun die Sonne rein und geben den Blick auf den Himmel frei und betonen Blickachsen und die Großzügigkeit der acht Räume um so schöner.

Die Installationen von Nevin Aladag, Monica Bonvicini, Ann Veronica Janssens, Michael Pirgelis, Laure Prouvost, Thomas Rentmeister, Karin Sander, Haegue Yang und Olafur Eliassion spielen mit dem Raum, den Erwartungen der Menschen und ihrer sinnlichen Wahrnehmung. Wie auch der Mono Scanner, der seinen Betrachter immer wieder einholt…

Abb. ganz oben: Relaxing Yoga mit Aussicht im Franz Marc Museum in Kochel am See. Foto: Lars Oberländer

Nathalie Schwaiger

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