Home Ausflugsperlen Orte der Stille

Die Blätter rieseln, die Tage werden – spätestens ab der Zeitumstellung – kürzer. Die Natur verändert sich und mit ihr auch oft unsere Stimmung. Ob nun in den Freilichtmuseen, Schlossparks, historischen Räumen, in Klöstern oder Kirchen: Museen sind wunderbare Orte der Stille. Zum Auftanken und Energie sammeln. Zum Erinnern und Bewahren. Zum Lauschen, Durchatmen, Nachdenken und zur Ruhe kommen.

Unsere Ausflugstipps sind ein prima Mittel gegen den Herbst-Blues: auch wenn sich jetzt jede Menge besinnliche Feiertage jagen, von Reformationstag bis Totensonntag – der Herbst ist eine tolle Chance, um Neues zu entdecken!
Lasst euch wie wir vom Element Metall inspirieren, das die traditionelle chinesische Medizin dieser Jahreszeit im Wandel zuordnet: das Element Metall hilft uns, innere Klarheit zu finden und uns auf das Innen zu konzentrieren. Es stärkt unsere Intuition und löst Konflikte. Es ermutigt uns Altes Loszulassen, damit Neues entstehen kann – ganz so wie die Bäume…

Susanne Tunn – Kraft der Stille
Lechner Museum Ingolstadt
Ausstellung bis 10. September 2023

“Lärm ist der Feind der Stille. Genau wie Streit der Feind des Friedens.”

Klaus Seibold

Behutsam und spontan: Susanne Tunn arbeitet mit präzise geplanten Leerstellen im Stein, sie lässt Zinn seinen Weg finden, sie zeichnet leere Konturen direkt an die Wand. Eine gewisse langsame Meditation, kaum spürbar. Doch wer ein kleines hellgraues steinernes Herz der Künstlerin in der Hand hält, spürt einen Moment lang, was er noch fühlt – wenn er noch fühlt. Es ist, als würde etwas Inneres in einem Außenraum liegen.

Diether Kunerth – Collagen – Land-Light-Painting
Museum für Zeitgenössische Kunst Dieter Kunerth Ottobeuren
Ausstellung bis 27. November 2022

„In der Stille der Natur findet der Mensch die Lebenskraft.“

Julius Waldemar Grosse

Land-Light-Painting ist eine von Kunerth entwickelte Kunstform. Großzügig malt er mittels aufgespannter Folien quasi in die Landschaft hinein und benutzt auch andere Materialien aus Plastik und Stoff für seine sorgsam komponierten Installationen. Das eigentliche Kunstwerk ist die fotografierte Installation im Kontext zur umgebenden Landschaft. Die Collage, das Mischen unterschiedlicher Materialien, Aufnahme- und Darstellungsformen, ist die logische Konsequenz von der Vielschichtigkeit von Kunerths Schaffen.

Joan Jonas
Haus der Kunst München
Ausstellung bis 26. Februar 2023

„Ich denke es ist notwendig, an die Grenzen zu gehen. Was mir Angst macht, zieht mich an.“

Joan Jonas

Die wegweisende Künstlerin Joan Jonas (*1936, New York City, USA) hat durch ihr konstantes Experimentieren mit Performance, Video und Installation die Grenzen der Kunst in den letzten fünf Jahrzehnten immer wieder verschoben und neue Wahrnehmungsmodi erprobt.
Das Haus der Kunst zeigt die bisher umfangreichste Einzelausstellung in Deutschland, in der die Künstlerin wiederkehrende Themen behandelt: bei ihr geht es um kulturelle Riten und dynamische Prozesse der Spiegelung, Verschiebung und Neubestimmung. Um Ökologische Fragestellungen wie den Klimawandel und bedrohte Ökosysteme. Um die Befragung kollektiver Bilder und Figuren aus Mythologie, Märchen und Fabel.

Arno Rafael Minkkinen
Kunstfoyer Versicherungskammer Kulturstiftung München
Ausstellung bis 27. November 2022

“If it can happen in your mind, it can happen in your camera”

Arno Rafael Minkkinen

Der finnisch-amerikanische Fotograf Arno Rafael Minkkinen (*1945 in Helsinki) fotografiert seit mehr als fünf Jahrzehnten Selbstporträts seines Körpers in der Natur. Von ersten Arbeiten in den frühen 1970er Jahren bis heute haben seine Bilder die gleiche Zeitlosigkeit und ästhetische Signatur bewahrt. Minkkinens Werk ist eine Hommage an die Beziehung zwischen Natur und Mensch. Es ist, als wolle er die Welt umarmen.
Das Kunstfoyer präsentiert Minkkinens bislang umfangreichste Ausstellung mit 150 Werken. Zum ersten Mal übernimmt Arno Rafael Minkkinen die Gestaltung der eigenen Ausstellung in zum Teil wandfüllenden Formaten.

Wachsen und Vergehen. Sieglinde Bottesch – Bernard Schultze
Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg
Ausstellung bis 8. Januar 2023

„Es kann nichts wachsen und so tief vergehen, wie der Mensch.“

Friedrich Hölderlin

Wachsen und Vergehen – die Ausstellung im KOG Regensburg lässt zwei markante Künstlerpositionen in einen Dialog treten. Die Grafikerin und Bildhauerin Sieglinde Bottesch (*1938) und Bernard Schultze (1915–2005), der die Stilrichtung des Informel in Deutschland mitprägte. Der gemeinsame Nenner „Wachsen und Vergehen“ bildet einen Rahmen für ein anregendes Wechselspiel zwischen Parallelen und Gegensätzen.

Auf den ersten Blick haben die naturfarbenen stillen Objekte aus Keraquick, Gips, Gipsbinden, Chinapapier oder Naturmaterialien von Sieglinde Bottesch und die meist bunten, wild in den Raum wachsenden Arbeiten von Bernard Schultze nur wenige Ähnlichkeiten. Doch im Wesen sind sie miteinander verwandt: Beide sind sie an der Nahtstelle zwischen Kunst und Natur angesiedelt. Das macht auch ihren Reiz aus – die künstlichen Formen vermitteln das Gefühl lebendiger Geschöpfe und ihrer Verwandlungen.

Fränkisches Freilichtmuseum Fladungen/Unterfranken

Orte der Stille

„Im Herbst steht in den Gärten die Stille, für die wir keine Zeit haben.“

Victor Auburtin

Für die bayerischen Freilichtmuseen ist bis Sonntag 6. November 2022 Endspurt – auch am Rand von Bayerns nördlichster Stadt. Das Freilandmuseum Fladungen, wurde 2021 zusammen mit dem Fränkischen Freilandmuseum in Bad Windsheim mit dem Bayerischen Vermittlungspreis ausgezeichnet. Eingebettet in Gärten, Äcker und Streuobstwiesen, erzählen die Höfe, die beiden Mühlen, das Brauhaus und das sogenannte „Kalthaus“, die Dorfschule, die Schäferei und die Büttnerei wie das Dorfleben in Unterfranken vor 350 Jahren aussah.
Bis dahin gibt das Museums-Team noch mal alles, bevor dann bis 1. April Ruhe einkehrt: am 5. November können die Kinder in der alten Dorfschule aus Krausenbach die Bank drücken und ausprobieren, wie Unterricht anno dazumal aussah. Am 6. November klingt die Saison mit dem SchlussLicht und einem besinnlichen Konzert in der Museumskirche aus. Die katholische Kuratiekirche aus Leutershausen, von 1801-1803 im Landkreis Rhön-Grabfeld gebaut, wurde Stein für Stein von 1992 bis 1995 umgesetzt. Auch wunderbar romantisch heiraten könnt ihr hier von April bis Oktober…

Moritzkirche Augsburg/Schwaben

„Stille ist nicht leer, sie ist voller Antworten.“

Sie ist eine der ältesten Pfarreien der Stadt und liegt mitten in der City, zwischen Geschäften, Cafés und Kaufhäusern. Doch sobald man den lichten, puristischen, fast vollkommen weißen Kirchenraum betritt, ist man in einer anderen Welt. Oder vielleicht auch schon im Himmel… Hektik, Lärm, Vorweihnachtsstress bleiben draußen. Durch die Reduktion der Formen, Farben und Materialien (portugiesischer Kalkstein, dunkel gebeizte Eiche und der Halbedelstein Onyx für die Fenster und Teile des Tabernakels) strahlt der Raum eine meditative Kraft aus. Die Pfarrei, die so wie keine andere den Strukturwandel der Innenstadt miterlebt, ist Standort der Cityseelsorge der katholischen Kirche in Augsburg und geht mutig neue Wege – auch architektonisch.
Den Umbau der Kirche gestaltete der britische Architekt John Pawson, Begründer des englischen Minimalismus. Mit seiner Vision eines einfachen, modernen Kirchenraumes hat er in der ehemals barocken Moritzkirche gründlich aufgeräumt: die klare Ausrichtung des Schiffs nach Osten wird durch seine Gestaltung noch betont. Die Wiederholung der Formen und die indirekte Lichtführung öffnen den Raum optisch. Ein Gefühl der Unendlichkeit macht sich breit, das stärker wird, je weiter man Richtung Osten geht.
Selbst die Orgel ist vom Hauptschiff aus nicht sichtbar, sondern befindet sich im Ostchor. So gibt es nichts, was die Klarheit und Symmetrie im Chorraum stört…

Jüdisches Museum Augsburg/Schwaben

„Je stiller du bist, desto mehr kannst du hören.“

Chinesische Weisheit

Die Ehemalige Synagoge Kriegshaber ist ein besonderer Ort, das spürt man sofort: sie ist die älteste erhaltene Synagoge in Bayerisch-Schwaben und war fast dreihundert Jahre lang das Zentrum der jüdischen Gemeinde vor den Toren Augsburgs. Jahrelang stand das Gotteshaus im heutigen Stadtteil Kriegshaber leer und ist seit seiner Sanierung 2014 eine Dependance des ersten eigenständigen jüdischen Museums in Deutschland.
Die Ausstellung im Haupthaus des Jüdischen Museums in der Innenstadt präsentiert die Geschichte der Juden in Augsburg als eine Geschichte der Migration, als Abfolge von Niederlassung und Vertreibung, von Suchen und Finden, aber auch als Verlust von Heimat. Die Ritual- und Kultgegenstände aus Silber stammen aus zerstörten jüdischen Gemeinden Schwabens. Von bekannten Augsburger Goldschmieden gefertigt, zeigen sie erstaunliche Verflechtungen zwischen jüdischer und christlicher Kultur, lenken den Blick auf das Mit-, Gegen- und Nebeneinander von jüdischer Minderheit und christlicher Mehrheit.

Studienkirche St. Josef Burghausen /Niederbayern

„In der vollkommenen Stille hört man die ganze Welt.“

Kurt Tucholksky

Direkt am Stadtplatz und doch eine Oase der Ruhe: die frühbarocke Wandpfeilerkirche St. Josef gehörte zum Jesuitenkolleg. Nachdem der Jesuitenorden 1773 aufgehoben wurde, ging die Kirche an den Malteserorden über. 2018 wurde sie profaniert und bietet heute Raum für experimentelle Kunst, Klang-Installationen und Projektionen.

Noch bis 6. November ist dort die Intervention „Drift“ von Willibald Katteneder zu sehen, der weiß gekalkte Stühle „als Metapher für den westlich denkenden Menschen“ benutzt und so das „Auseinanderdriften von Ökonomie, Ökologie und Ideologie“ aufzeigt.

Schlosspark Nymphenburg München/Oberbayern

„Aus Frieden in mir wird Stille geboren.“

Ulrike Stutzmüller

Auch in den Parks und Gärten wird es stiller – vielleicht auch für euch ein perfekter Moment, um einen Gang runter zu schalten und euch eine „Aus-Zeit“ zu gönnen: die Blätter rieseln zu hören, versteckte Ecken und Alleen zu entdecken, aufzuatmen. In der traditionellen chinesischen Medizin wird dem Element Metall im Herbst die Lunge als Organ zugeordnet. Vielleicht tut es auch darum so gut, im Herbst dem Atem bewusst viel Raum zu geben. Auf einem Spaziergang an der frischen Luft im Nymphenburger Schlosspark, unterwegs auf weniger bekannten Seitenwegen, zu Parkburgen und Pavillons, die hinter bunten Bäumen auftauchen oder sich im Wasser spiegeln… Ein aufwändiges Kanalsystem leitet den Fluss Würm zum Schlosspark und speist Seen, Brunnen und Wasserarme. Und vielleicht mögt ihr auch dem einen oder anderen herbstlichen Gedanken meditativ nachgehen: Wer oder was ist euch wichtig? Was wollt ihr hinter euch lassen, was wollt ihr bewahren, woran wollt ihr euch erinnern und was darf gehen?

KZ Gedenkstätte Flossenbürg /Oberpfalz

„The rest, is silence“

William Shakespeare, Hamlet

Bis zur Errichtung des Konzentrationslagers war Flossenbürg nur ein kleines Dorf im Oberpfälzer Wald. Doch ab 1938 mussten hier über 100.000 Menschen unter unmenschlichen Bedingungen in den Granitsteinbrüchen schuften. 30.000 überlebten die Tortur nicht.
Männer, Frauen und sogar Kinder aus über 47 Nationen Ländern waren in der Barackensiedlung inhaftiert, die Hälfte von ihnen polnischer oder sowjetischer Herkunft. Hinter den grausamen Zahlen stehen einzelne Schicksale. Wer waren diese Gefangenen? Warum waren sie hier? Und was wurde aus ihnen? Diese Fragen versucht die neu gestaltete Ausstellung in der ehemaligen Wäscherei nachzugehen. Im Film „Wir haben überlebt … die anderen sind geblieben“, kommen sieben ehemalige Häftlinge des Lagerkomplexes Flossenbürg zu Wort. Einer der bekanntesten unter ihnen war der Theologe Dietrich Bonhoeffer, vor der Arrestbaracke in Flossenbürg musste er im Morgengrauen des 9. April 1945 nackt zum Galgen laufen und wurde gehängt.
Auch die komplett neu gestaltete Website der Gedenkstätte erlaubt direkte und erschütternde Einblicke. Über die Online-Datenbank der „Memorial Archives“ wird es Nutzer*innen erstmals ermöglicht, in einem Teil des Archivbestandes zu recherchieren: zu videografierten Interviews mit Überlebenden des KZ Flossenbürg, zu ehemaligen Häftlingen, Gedenkorten und Verstorbenen.

Franz Marc Museum Kochel/Oberbayern

„Egal wo du bist, sei ganz dort.“

Eckhart Tolle

Franz Marc (1880–1916) nannte Kochel einen „Schicksalsort“. Und so wurde in einer Villa des späten 19. Jahrhunderts über dem Kochelsee ein Museum eingerichtet, das diesen bedeutenden Künstler in der Landschaft würdigt, die er liebte und in der der größte Teil seiner berühmten bunten Tierbilder entstand.
Die Relaxing Yoga-Stunden im Aussichtsraum des modernen Museumsanbaus sind wunderbar, um den Tag ganz zentriert und entspannt mit Blick auf den Kochelsee und die Berge zu beginnen. Die Yoga-Session stimmt euch außerdem auf einen inspirierenden Rundgang durch das Museum und den Park ein.

In den Herbst- und allen bayerischen Schulferien bietet das Museum tolle Workshops für Kinder: hier geht es zum Programm (Anmeldung erforderlich).

Dream House Polling/Oberbayern

„Die Stille macht die schönste Musik.“

Mika Gustavson

Die Töne scheinen frei zu schweben und überwinden die Grenzen von Raum und Zeit. Wie endlose Klangwellen fließen die Akkorde und verbinden sich mit dem lila Licht – das „Dream House“ ist ein Sound and Light Environment der amerikanischen Künstler La Monte Young (geb. 1935) und Marian Zazeela (geb. 1940). Neben der Lichtskultpur Magenta Day/Magenta Night wird der Dauerklang „The Magic Opening Chord“ eingespielt: die beiden Akkorde schwingen gemeinsam in einem Raum und finden ihren Zusammenklang in der Mitte.
Das Kloster Polling im idyllischen Schongau ist schon seit über tausend Jahren ein Ort der Lehre, Forschung und spirituellen Entwicklung. Das Besondere dieses Sinn-Ortes spürten zahlreiche Künstler. Unter ihnen waren auch viele Amerikaner wie der Komponist und die Licht-, Performance- und Installationskünstlerin Marian Zazeela. Das Regenbogenstadl in Polling und ihre Installation in New York sind die einzigen Dauereinrichtungen, die Einblick in das komplexe Werk der beiden Künstler geben.

Öffnungszeiten: Oktober bis März Samstag und Sonntag 11-16 Uhr, Winterpause vom 1. Dezember 2022 bis 1. Januar 2023

Abb. ganz oben: Relaxing Yoga mit Aussicht im Franz Marc Museum in Kochel am See. Foto: Lars Oberländer

Nathalie Schwaiger

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