Home Ausflugsperlen Spukgeister und Knochenkegel auf der weltlängsten Burg – das Stadtmuseum Burghausen im Gespräch

Spukgeister und Knochenkegel auf der weltlängsten Burg – das Stadtmuseum Burghausen im Gespräch

by Sabine Wieshuber

Nachdem wir bereits in der Vorweihnachtszeit einen Blick in das neu gestaltete Stadtmuseum von Burghausen geworfen haben, folgt nun ein Interview mit Eva Gilch M.A., der Leiterin des Hauses. Sie stand uns Rede und Antwort und berichtet von Spukgeistern und Knochenkegeln – aber auch wichtige aktuelle Themen wie die Barrierefreiheit des Museums werden von ihr im Folgenden erläutert.

Das Stadtmuseum steht an einem außergewöhnlichen, weithin sichtbaren Standort, der Burg von Burghausen, an der Grenze zu Österreich. Wie lebte es sich dort?

Die Burg Burghausen auf einem Höhenrücken über der denkmalgeschützten, historischen Altstadt hat nicht nur einen attraktiven Standort, sondern auch eine spannende Geschichte. Nach der bayerischen Landesteilung 1255 baute Herzog Heinrich XIII. die Burg Burghausen aus, um im Südosten sein niederbayerisches Herzogtum gegen das geistliche Fürstentum Salzburg zu sichern. Schon im 14. Jahrhundert hatte die Burg ihre heutige Ausdehnung von 1.051 Metern und verhalf damit unserem Stadtmarketing zu dem Slogan „weltlängste Burg“.

Die Reichen Herzöge von Niederbayern wählten die Burg zu ihrer zweiten Residenz. In Burghausen wurden der Staatsschatz sicher verwahrt, prominente Gefangene gefangen gehalten und hier war der Familien- und Witwensitz. Herzog Georg der Reiche von Bayern-Landshut heiratete 1475 die polnische Königstochter Hedwig in der so genannten Landshuter Hochzeit. Herzogin Hedwig lebte mit einem über 100 Personen starken Hofstaat bis zu ihrem Tod 1502 auf der Burghauser Burg, die in jenem Zeitraum einen Fürstenhof von europäischem Rang darstellte. Diesen Teil der Burghauser Geschichte präsentieren wir nun in einem von vier Stockwerken des neuen Stadtmuseums Burghausen. Unsere zentralen Fragen für diese Abteilung lauteten: Wie lebten Hochadel und Hofstaat auf einer Burg im Spätmittelalter? Wie sah der Alltag von Herzogin Hedwig Ende des 15. Jahrhunderts aus? Unsere Besucher erleben eine spannende Gestaltung mit Inszenierungen, Hands-on-Stationen, interaktiven Multimediastationen, die die Geschichte des Burghauser Hofes von vor über 500 Jahren an ihrem authentischen Ort erzählt.

Spukgeister und Knochenkegel auf der weltlängsten Burg - das Stadtmuseum Burghausen im Gespräch

Corinna Ulbert-Wild, Eva Gilch und Sabine Wieshuber im Infopoint, Foto Königseder / Stadt Burghausen

Wenn Sie in der weltlängsten Burg untergebracht sind, kann man da bei Ihnen auch vom weltlängsten Museum sprechen?

Nein, wir befinden uns ja „nur“ in einem Teil der Burganlage, im Kemenatentrakt der Hauptburg. Insgesamt stehen 1.400 m² für die Dauerausstellung zur Verfügung, dazu kommen noch eine Sonderausstellungsfläche und museumspädagogische Räume. Man kann allerdings von einer „Kulturmeile“ auf der Burg sprechen. Ebenfalls in der Hauptburg befinden sich das staatliche Burgmuseum mit den herzoglichen Wohnräumen und eine Filialgalerie der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen mit bayerischer Malerei des Spätmittelalters und der Hofkunst um 1600. Am Beginn der Burganlage vermittelt das Haus der Fotografie – Dr. Robert-Gerlich-Museum einen umfassenden Einblick in das Medium Fotografie, unter anderem mit einer Galerie für zeitgenössische Fotografie und regelmäßigen Sonderausstellungen zur künstlerischen Fotografie. Auch dieses Museum ist wie das Stadtmuseum in kommunaler Trägerschaft. Alle drei Museen bieten einen gemeinsamen Museumspass mit vergünstigtem Eintritt an. Und schließlich gibt es noch den Liebenweinturm, in dem die seit 1947 bestehende Künstlergruppe „Die Burg“ ein attraktives Ausstellungsprogramm präsentiert.

2012 fand die Bayerisch-Oberösterreichische Landesausstellung „Verbündet Verfeindet Verschwägert – Bayern und Österreich“ in Burghausen statt. Welche Bedeutung hatte dieses Ereignis für Ihr Museum?

Von der Vergabe der Landesausstellung 2006 an die oberösterreichischen Orte Braunau und Mattighofen sowie Burghausen auf bayerischer Seite ging ein enormer Impuls aus. Im Stadtmuseum Burghausen rückte die mangelhafte Infrastruktur sowie die aus den Jahren 1950 bis 1990 stammende Dauerausstellung in den Fokus. Nachdem wir mit einem Architekturbüro ein Nutzungskonzept erarbeitet hatten, beschloss der Stadtrat 2009 den Umbau des Stadtmuseums Burghausen für die Landesausstellung und vor allem hinsichtlich einer nachhaltigen Verbesserung der Infrastruktur. Nur einige Stichpunkte hierzu: geschaffen wurden ein zentrales, 650 m² großes Museumsdepot auf der Burg, ein neuer attraktiver Museumseingang, ein museumspädagogischer Bereich, ein Mehrzweckraum, ein Fahrstuhl, der Erdgeschoss und 2. OG verbindet. Des Weiteren wurde das Stadtmuseum hinsichtlich Statik, Brandschutz und Einbruchschutz ertüchtigt. 2013 beauftragte der Stadtrat die Agentur Atelier & Friends aus Grafenau, die 2012 als Sieger aus einem Wettbewerb hervorgegangen war, mit der Gestaltung von zwei der insgesamt vier Stockwerke. Diese wurden nun am 15. Juli 2016 eröffnet – ein Ereignis, das ohne die Landesausstellung vermutlich nicht so bald stattgefunden hätte.

Spukgeister und Knochenkegel auf der weltlängsten Burg - das Stadtmuseum Burghausen im Gespräch

Die drei Expertinnen ins Gespräch vertieft, Foto Königseder / Stadt Burghausen

Wie barrierefrei konnten Sie Ihr 2016 neu eröffnetes Stadtmuseum gestalten und planen?

Die denkmalgeschützte Hauptburg stammt im Kern aus der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts. In jedem Stockwerk des Stadtmuseums gibt es zahlreiche Stufen und Höhenunterschiede. Barrierefreiheit war aus diesen Gründen nicht möglich. Die Überlegung war, an einer von der Führungslinie her sinnvollen Stelle einen Fahrstuhl einzubauen, um zumindest einen erleichterten Zugang zu schaffen. Eine baugeschichtliche Untersuchung legte einen Bereich fest, in dem zahlreiche Umbauten die historische Bausubstanz bereits erheblich beschädigt hatten. Im 2. OG wurden zudem die Niveauunterschiede mit Rampen behoben, so dass diese Abteilung zur Stadtgeschichte Burghausens zumindest barrierearm gestaltet werden konnte.

Was stellt das sternförmige Logo des Stadtmuseums dar? Inwieweit haben Sie als Mitarbeiter des Museums die Grafiker hierzu inspiriert?

Das Logo besteht aus vier verschiedenfarbigen Pfeilen. Sie stehen stellvertretend für unsere vier Stockwerke, die alle eine andere „Leitfarbe“ haben. Der Besucher findet diese Pfeile vielfach in unserem Haus wieder: in den Texten, als Leitsystem und eben auch in unserem Logo. Hier sind die Pfeile allerdings nicht übereinander, sondern als Kompassnadeln angeordnet. So sehen wir auch unser Logo: als Kompass durch die spannende Burghauser Stadtgeschichte.

In welche Zeitabschnitte der Burghauser Geschichte nehmen Sie Ihre Besucher neben dem Spätmittelalter noch mit?

Die alte Dauerausstellung endete mit dem 19. Jahrhundert. Damit wurden spannende Bereiche der jüngeren Burghauser Geschichte ausgespart. Nun zeigen wir die Ansiedlung der Wacker Chemie 1915 und die neue Ära Burghausens als Industriestadt. Der Besucher tritt durch das Wacker-Werkstor gleichsam in das 20. Jahrhundert ein. In der chronologischen Präsentation folgen der Nationalsozialismus und die Nachkriegszeit . Als „Leitexponat“ für die Zeit des Nationalsozialismus wurde ein Stadtplan von 1938 gewählt, der Boden und Wand der Abteilung großflächig bedeckt. Er enthält alle Burghauser NS-Organisationen und –Einrichtungen sowie die Straßennamen jener Zeit. Anhand dieses Stadtplanes kann der nationalsozialistische Alltag in Burghausen verortet werden. Am Schluss des Rundgangs hat der Besucher die Möglichkeit, in einem Kinosaal drei Filme anzusehen: über die Entstehung der Burghauser Neustadt von 1950 bis heute, über die Firmengeschichte der Wacker Chemie AG und den Imagefilm der Burghauser Touristik.

Im Infopoint haben Sie Beispiele für Mitmachstationen ausgestellt (u.a. Knochen-Kegel). Heißt das Kinder und Erwachsene dürfen bei Ihnen auch Dinge anfassen und ausprobieren?

Es war uns ein wichtiges Anliegen, Inhalte mithilfe verschiedener Medien unterschiedlichen Zielgruppen zu vermitteln. Neben den klassischen Texttafeln mit englischer Übersetzung kommen bei uns Audiostationen, Videostationen, Hands-on-Stationen und Multimediastationen zum Einsatz. Gerade das Erdgeschoss mit dem Thema „Leben auf der Burg im Spätmittelalter“ haben wir für Familien mit vielen Mitmachstationen konzipiert. Es gibt zum Beispiel einen eigenen Raum, in dem Spiele des Mittelalters und der frühen Neuzeit ausprobiert werden können, unter anderem eben auf einer Kegelbahn das „Knochen-Kegeln“.

Spukgeister und Knochenkegel auf der weltlängsten Burg - das Stadtmuseum Burghausen im Gespräch

Einige der Knochenkegel haben es auch zu uns nach München geschafft, Foto Königseder / Stadt Burghausen

Spukt es eigentlich auf der Burg und in Ihrem Museum?

Natürlich spukt es in unserem Museum. Der Burglegende nach wollte ein Koch die Herrschaft vergiften und wurde zur Strafe in einem Raum eingemauert. Dieser Raum befindet sich im Erdgeschoss und hier erzählen wir an einer Mitmachstation diese Sage. Der eingemauerte Koch ist nun unser Symbol, der Kinder und Jugendliche auf speziell für sie konzipierte Stationen hinweist – allerdings noch als fröhlicher, lebendiger Koch.

Welche Prozesse werden bei einer Neukonzeption in Gang gebracht? Was hat und hatte dies für Auswirkungen auf Ihre Sammlung?

Eine Neukonzeption rückt natürlich die Sammlung verstärkt in den Blick. Was haben wir in unseren Beständen? Können wir die Themen, die wir präsentieren wollen, mit aussagekräftigen Exponaten bestücken? Fehlen noch Exponate zu bestimmten Bereichen? So haben wir unsere Sammlung zum 20. Jahrhundert noch gezielt ergänzen müssen. Das Mittelalter ist in unseren Sammlungsbeständen leider kaum vertreten. Deswegen planten wir eine erlebnisorientierte Gestaltung mit Inszenierungen, Hands-on-Stationen und interaktiven Multimediastationen. Andere Exponate, die in der alten Dauerausstellung oftmals in Serien zu sehen waren, kamen ins Depot.

Was passiert während des „Winterschlafes“ in Ihrem Museum?

Nachdem wir von insgesamt vier Stockwerken zwei eröffnet haben, fehlen uns noch 550 qm, um die 1.400 m² Dauerausstellungsfläche wieder vollständig zu bespielen. Wir arbeiten derzeit am 1. OG mit dem Thema „Kunststadt Burghausen“. Das Feinkonzept steht, nun beginnt die Zusammenarbeit mit den Museumsgestaltern Atelier & Friends aus Grafenau. Anschließend folgt das 3. OG mit dem „Naturraum Salzach-Wöhrsee“. Man sieht schon von den Themen her, dass wir einen reichhaltigen Sammlungsbestand haben.

Zum Schluss noch eine persönlich Frage. Sie leiten das Stadtmuseum und das Archiv von Burghausen – Hand aufs Herz: Wo ist Widerstreit und wo ergänzen sich die Funktionen?

Nachdem Museum und Archiv spannende Arbeitsfelder sind, die mir richtig Spass machen, liegt der Zwiespalt darin, dass ich beiden zeitlich nicht gerecht werden kann. Auf jeden Fall aber ergänzen sich die beiden Funktionen. Bei der Neukonzeption der Dauerausstellung beispielsweise kam die zur Stadtgeschichte bereits geleistete Forschungsarbeit des Archivs dem Museum direkt zugute. Im 20. Jahrhundert (Industriestadt und Nationalsozialismus) hingegen musste nochmals gezielt geforscht werden. Da hilft natürlich der kurze Weg zu den Quellen und die Kenntnis über ihre Aussagekraft. Wir haben auch eine enge Zusammenarbeit mit dem Haus der Fotografie, das ein hervorragendes historisches Fotoarchiv zur Stadtgeschichte besitzt. Die Burghauser Museen und kulturellen Einrichtungen sind sehr gut vernetzt.

Stadtmuseum Burghausen
Burg 48
84489 Burghausen

Sabine Wieshuber

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