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„Unter die Haut“ – Tattoos & ihre Geschichten im Bauernhofmuseum Jexhof

by Sabine Wieshuber

Tattoos sind eine der ältesten Kunstformen der Welt – schon Ötzi war tätowiert und auch Kaiserin Sissi soll eins gehabt haben! Heute ist es fast schon originell, nicht tätowiert zu sein. Doch warum entscheidet man sich für ein Tattoo und welche Geschichten stecken hinter dem lebenslangen Körperschmuck? In der Ausstellung im Jexhof berichten Tätowierte aus der Region in Bild und Schrift aus ihrem Leben, von ihren Schicksalsschlägen, ihren Emotionen und Erlebnissen, die hinter ihren Tattoos stecken und auch im übertragenen Sinne unter die Haut gehen – so wie die Story von Rafael, einem Rettungssanitäter am Klinikum Fürstenfeldbruck Aindling…

Schon mit 14 Jahren ging Rafael zur freiwilligen Feuerwehr. Nicht weiter verwunderlich also, dass sein augenscheinlichstes Tattoo das eines Feuerwehrmannes auf dem Unterarm ist. Der Tattookünstler hat sich bei dem Gesicht mit Atemschutzmaske an Rafael selbst orientiert, gemäß dem Realistic-Style. Rafaels Berufsweg zum Rettungssanitäter war durch seine Familienbiografie schon quasi vorgezeichnet: „Du erlebst doch jeden Scheiß“, hatte der Notarzt zu ihm gesagt, nachdem er Rafael wegen der tätlichen Angriffe seines Vaters zum wiederholten Male behandelt hatte.

Mit 18 hat Rafael deshalb bewusst den Tiger als Motiv für sein erstes Tattoo gewählt: eine wehrhafte Katze mit sieben Leben. Auch der Gorilla auf der linken Seite der Brust weiß sich zu verteidigen; zugleich symbolisiert er als Gruppentier den Zusammenhalt mit der Mutter und dem jüngeren Bruder gegen die lebensbedrohlichen Attacken des Vaters.

Ein Gastbeitrag von Elisabeth Lang für das Bauernhofmuseum Jexhof

„Winona forever“ – auf dem augenzwinkernden Gemälde „Wegen einem Euro“ von Ausstellungsgestalterin Ruth Strähhuber findet sich Jonny Depps häufig nachgestochenes Tattoo auf dem Wadl eines Münchner Oktoberfest-Besuchers. Gleich zu Beginn der Ausstellung bringt die Künstlerin damit die Welt- und Weitläufigkeit des Ausstellungsthemas „Unter die Haut. Eine regionale Geschichte der Tattoos“ und deren lokalen Bezug ironisch auf den Punkt.

„Unter die Haut“ - Tattoos & ihre Geschichten im Bauernhofmuseum Jexhof
Die Ausstellung bietet auch amüsante Aspekte zum Thema Tattoos © Bauernhofmuseum Jexhof
Aktuelle Tattoos: Menschen und ihre Motive

Tattoos im Bauernhofmuseum? Nun: Ein Museum, das sich der Alltagsgeschichte verschrieben hat wie der Jexhof, kann an diesem Massenphänomen des Körperschmucks nicht einfach vorübergehen, ohne sich einmal damit zu beschäftigen!
Denn waren es bis weit in die 1990er-Jahre überwiegend nur bestimmte gesellschaftliche Gruppen, die sich tätowieren ließen, um sich vom Mainstream abzuheben oder um gegen das Establishment zu protestieren, erfasste der Trend zur Tätowierung fortan immer breitere gesellschaftliche Schichten. Inzwischen finden sich Tattoo-Träger in allen Berufs- und Gesellschaftsgruppen. Die Ausstellung präsentiert viele von ihnen. Was sie alle eint, ist die intensive Auseinandersetzung mit ihren Motiven.

„Unter die Haut“ - Tattoos & ihre Geschichten im Bauernhofmuseum Jexhof
© Bauernhofmuseum Jexhof
Tattoos: wie ein Buch mit Geschichten

Narben verschwinden in Körperschmuck: Nach einem tragischen Unfall ließ Otto zunächst seine Narben, dann allmählich seinen ganzen Körper tätowieren (oberes Bild). Auf Korbys Körper hingegen sind neben tragischen Erinnerungen auch heitere zu sehen. „Tattoos sind wie ein Bilderbuch: Sie erzählen Geschichten“, lautet sein Credo. Tina und Christoph tragen neben zahlreichen anderen auch zwei sich ergänzende Tattoos: Während Tinas linken Unterarm Blumen mit Herz und einem Schloss verzieren, findet sich der dazu passende Schlüssel auf Christophs rechtem Unterarm. 
Ein Teil der Tattoo-Geschichten wird mit Abbildungen und Text präsentiert, der andere per Video-Interviews. So sind beispielsweise die Tattoos des evangelischen Diakons Rainer Fuchs auf einem Bildschirm zu sehen, während er sie erklärt und von seinen Erfahrungen und Erlebnissen als tätowiertem Kirchenmann erzählt.

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Rainer Fuchs beim Dreh für die Ausstellung und den BR  © Bauernhofmuseum Jexhof

Gletschermumie Ötzi: Tattoos aus der Steinzeit

Vielleicht lässt ja der Tätowierungsboom der letzten Jahre den Eindruck entstehen, dass Tattoos etwas recht Neues, dem Zeitgeist Geschuldetes seien. Doch mit Ötzi finden sich die frühesten Belege schon in der Jungsteinzeit. Seine Mumie weist über 50 Tätowierungen auf. Deren Konzentration auf stark beanspruchte Körperstellen wie Knie- und Sprunggelenke lässt auf eine medizinische Funktion der Tätowierungen schließen. Und eine bronzezeitliche Tätowiernadel aus einem Frauengrab bei Gernlinden (ca. 2.200 bis 2.000 v. Chr.) stellt den frühesten Bezug zum Thema im Landkreis her.
Die Ausstellung zeigt, dass sich im europäischen Raum schon früh zwei Schwerpunkte des Tätowierens gebildet haben: So haben damit zum einen die Griechen, Römer und Kelten Sklaven und Kriminelle gekennzeichnet. Zum anderen entwickelte sich bereits vor über 700 Jahren die Tradition der Pilgertätowierung.

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Leuchtkasten mit Blick auf die Tätowierungen der Gletschermumie Ötzi sowie „Gernlinde“, die keltische Schamanin aus dem Landkreis, mit Tätowiernadel © Bauernhofmuseum Jexhof
Tattoos – eine weltumspannendes Kulturphänomen

Ob Brasilien, Japan oder Polynesien: Tattoos finden sich weltweit. Dabei bildeten die verschiedenen Völker unterschiedliche Techniken und Traditionen aus. In Brasilien etwa konnten die frühen Forschungsreisenden Menschen aufgrund ihrer Tätowierungen den verschiedenen Volksstämmen zuordnen. Oftmals waren Tattoos Teil eines Initiationsritus und häufig wurden und werden Frauen und Männer an unterschiedlichen Körperstellen tätowiert. So tragen Maorimänner ihr „Moko“ insbesondere im Gesicht, auf Oberschenkel und Gesäß. Junge Maorifrauen hingegen lassen sich heute wieder verstärkt traditionell Lippen und Kinn tätowieren, um damit ihre Stammeszugehörigkeit sichtbar zu machen.

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Unterschiedliche Tätowierungen von Männern und Frauen bei den Maori © Bauernhofmuseum Jexhof
Narben-Tattoos als Alternative zur Farbe

Vornehmlich bei dunkelhäutigen Ethnien hat sich die Tradition der Skarifizierung entwickelt, auch Narben-Tatauierung genannt. Dabei handelt es sich um das Einbringen von Ziernarben in die Haut. Im Gegensatz dazu leben insbesondere japanische Tattoos von ihrer Farbigkeit. Selbst der spätere englische König George V. war so fasziniert von ihnen, dass er sich 1881 tätowieren ließ.

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Struktur statt Farbe: Narbentatauierung; Bilder und Büsten aus St. Ottilien © Bauernhofmuseum Jexhof
Tätowierungsboom in den höchsten Adelskreisen

Überhaupt brach durch den Kontakt zur Südsee in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein wahrer Tätowierungsboom aus. Zunächst waren es Seeleute, die sich anfangs auf polynesischen Inseln als eine Art Reisesouvenir tätowieren ließen. Auch hatte James Cook schon 1774 einen tätowierten Tahitianer von einer seiner Seefahrten mit nach Europa gebracht, der sich fortan als Sensation auf Jahrmärkten zeigte. Verschiedene Europäerinnen und Europäer, aber auch Amerikanerinnen wie „La belle Irene“ mit ihren Ganzkörpertattoos, sollten seinem Vorbild im 19. Jahrhundert folgen. Tattoos galten fortan als exotisch und waren bis in die höchsten Adelskreise bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs sehr beliebt.

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Tätowierte unter sich: Räuber Kneißl, Kaiserin Sisi und Tätowierte als Jahrmarktattraktion
© Bauernhofmuseum Jexhof
Im Tattoo-Studio: Techniken und Trends

Infolge der seemännischen Tattoo-Begeisterung entstanden die ersten europäischen Tattoo-Studios in Hafenstädten wie Amsterdam. Auftrieb bekamen die Studios ab 1890 durch die Erfindung der elektrischen Tätowiermaschine. Christian Warlich, der „Urvater der deutschen Tätowierer“, verwendete sie in Deutschland als erster. In seinem „Atelier moderner Tätowierungen“ im Hamburger Stadtteil St. Pauli erwies er sich zudem als früher Spezialist für das Entfernen von unliebsam gewordenen Tattoos.

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Blick in Chris Teutschs Tattoostudio, das älteste in Fürstenfeldbruck © Bauernhofmuseum Jexhof

Eine Abbildung davon ist im angedeuteten Tattoo-Studio der Ausstellung zu sehen. Hier lässt eine wandfüllende Aufnahme mit Chris Teutsch beim Tätowieren in Fürstenfeldbrucks ältestem Tattoo-Studio die Besucherinnen und Besucher Studio-Atmosphäre erahnen. Anhand unterschiedlicher Tätowier-Werkzeuge, zahlreichen Tattoo-Vorlagen und  filmischen Darstellungen kann man hier auch die Entwicklung, die unterschiedlichen Techniken des Tätowierens und verschiedene Stilrichtungen kennenlernen. Sogar selbstgebaute Tätowiermaschinen aus dem Gefängnis sind zu sehen.

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Kugelschreibermine, verbogene Zahnbürste, der Motor eines Rasierapparats und eine Nähnadel: die Tätowiermaschine aus einer Gefängniszelle (rechts) © Bauernhofmuseum Jexhof

Wie eine Arbeit der Münchner Tätowiererin Julia Tempel auf Plexiglas zeigt,  können sich Tätowierer*innen mit ihrer Tätowiermaschine auch anderweitig künstlerisch betätigen.

Dass Museumsleiter Dr. Reinhard Jakob mit seiner Ausstellungsidee den Nerv der Zeit getroffen hat, wird schon dadurch sichtbar, dass er damit das Bayerische Fernsehen vorab zu einem zwölfminütigen Sendebeitrag auf den Jexhof lockte.
Und auch die bisherigen Einträge im Besucherbuch zeigen, dass es dem Ausstellungsteam wieder einmal gelungen ist, ein aktuelles Thema begeisternd umzusetzen.

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Eintrag im Besucherbuch © Bauernhofmuseum Jexhof

Abb. ganz oben: Pixabay

Elisabeth Lang, Bauernhofmuseum Jexhof

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