Home Ausflugsperlen Angeklagt: Hund und Katz, Wolf und Spatz – Tiere in der Rechtsgeschichte

Angeklagt: Hund und Katz, Wolf und Spatz – Tiere in der Rechtsgeschichte

by Sabine Wieshuber

Wir lieben und wir fürchten sie. Tiere waren für Menschen immer von enormer Bedeutung – im Mittelalter sowieso. Bauern und Schweine, Ritter und Pferde, Hirten und Schafe lebten eng zusammen und unter einem Dach. Doch wusstet ihr, dass Tiere sich auch schuldig machen konnten? Vom 14. Jahrhundert bis 17. Jahrhundert wurde mörderischen Einzeltieren, die sich an Menschen vergangen hatten oder Schädlingen wie Heuschrecken oder Ratten in aller Form der Prozess gemacht.
Die kriminalistische Ausstellung Hund und Katz – Wolf und Spatz: Tiere in der Rechtsgeschichte im idyllischen Rothenburg ob der Tauber an der Romantischen Straße sucht nach Indizien und rollt einige dieser kuriosen „Tierprozesse“ wieder auf…

Ein Gastbeitrag vom Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg o.d.T.

Für unsere Vorfahren, die noch so gut wie keine maschinelle Unterstützung hatten, waren Arbeits-, Transport- und Zugtiere unverzichtbar. Kaum ein Beruf hatte nicht mit Tieren zu tun. Waren und Menschen – wollten sie nicht zu Fuß gehen – wurden von an Karren und Kutschen gespannten Eseln oder Ochsen befördert. Oder von Pferden, die sich aber nicht jeder leisten konnte.

Auch als Nahrungs- und Rohstoffquelle waren Tiere überlebensnotwendig für den Menschen. Die riesige Lebensmittelvielfalt, die wir heute fast unabhängig von Wetter und Jahreszeit genießen können, gab es in Mittelalter und Früher Neuzeit noch nicht. Sofern man nicht besonders wohlhabend war, wurde eben hauptsächlich das gegessen, was auf den Feldern wuchs oder auf den Weiden stand. Tierische Produkte waren – neben dem Fleisch – zum Beispiel Kuh- und Schafmilch, Hühner- und Gänseeier oder Honig. Weggeschmissen wurde dabei kaum etwas. Gewonnene Rohstoffe wie Wolle, Horn, Haut, Fell oder Wachs wurden wenn möglich immer weiterverarbeitet. Selbst das Glied von Ochsen/Stieren fand nach der Schlachtung noch Verwendung. Es wurde gezwirbelt und getrocknet und diente dann als fester, aber biegsamer Schlagstock bei zum Beispiel Prügelstrafen.  

Angeklagt: Hund und Katz, Wolf und Spatz – Tiere in der Rechtsgeschichte
Holzschnitt zu Feldarbeit mit Tieren, in: Von Gebuere und Billichkeit, Frankfurt a.M., 1550. © MKM

Fluch und Segen

Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier war damals ein anderes, weil auch das Zusammenleben in dieser Zeit deutlich enger war, als es heute der Fall ist. Hier reicht ein Blick auf die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Straßen: Neben den Menschen tummeln sich dort auch die Tiere. Kuh, Schwein, Huhn oder Ziege leben Seite an Seite mit den Menschen. Ställe waren in Mittelalter und Früher Neuzeit eher die Ausnahme. Die Bauern ließen ihr Vieh so lange wie möglich auf den Weiden. Das war billiger, weil sie sich so eine aufwendige Fütterung sparten. Und wenn sie ihr Vieh irgendwann doch von der Weide holen mussten, war es meist einfach im eigenen Haus untergebracht. In der kalten Jahreszeit war es sogar üblich, mit dem Vieh gemeinsam in einem Raum zu schlafen. Denn: Je mehr Lebewesen in einem Raum sind, desto wärmer ist es. Eine Heizung gab es schließlich nicht.

Einerseits waren Tiere zwar von großem Wert für das Leben und den Wohlstand der Menschen. Andererseits waren sie manchmal auch eine große Gefahr. Es ist nicht die Rede von Raubtieren wie Wolf oder Bär, die hierzulande in Mittelalter und Früher Neuzeit weit verbreitet und freilich eine große Gefahr für den Menschen waren. Streunende Hunde, Kühe oder Schweine teilten sich nicht nur den Alltag mit den Menschen, sondern machten diesen auch deutlich gefährlicher. Den daraus entstehenden Herausforderungen stellte sich der Mensch mit dem Recht. Und so wurden Tiere immer wieder Gegenstand der Gerichtsbarkeit, wie zum Beispiel in folgendem Fall:

Angeklagt: Hund und Katz, Wolf und Spatz – Tiere in der Rechtsgeschichte
Abbildung 2: Federzeichnung mit Tötung eines Kindes durch ein Schwein, in: J.J. Wick, Nachrichtensammlung, um 1560 © MKM

Tödliche Schweine

Zurück ins 15. Jahrhundert, in das Jahr 1494. Es ist Winter. Der viele Schnee und die eisige Kälte machen Mensch und Tier in einem kleinen Ort irgendwo zwischen Rothenburg ob der Tauber und Nürnberg schwer zu schaffen. Um sich nachts einigermaßen warm zu halten, beschließt die Bauernfamilie, sich den Raum – wie die Nächte vorher – mit ihren Schweinen zu teilen. Bislang lief das auch immer problemlos. Diese Nacht wird das jüngste Familienmitglied – etwa neun Monate alt – jedoch nicht überleben. Eines der Schweine erdrückt das Kind im Schlaf und frisst ihm anschließend das Gesicht ab. Klingt nach einem Trash-Horror Film? In diesem Fall war die Realität allerdings der Regisseur. In einem französischen Ort ist 1494 so etwas passiert. Das belegen überlieferte Prozessakten. Denn der Vater des Kindes hat das Schwein nicht einfach erschlagen, sondern übergab es der örtlichen Gerichtsbarkeit. Nach der Zeugenbefragung wurde das Schwein also im nahen Kloster gefangen gehalten und die Rechtsvertreter versuchten nach Recht und Vernunft zu handeln und zu urteilen. So wie sie es auch bei einem menschlichen Verbrecher getan hätten. Das Schwein erhält für die Dauer des Verfahrens – und das ist das besondere – einen menschlichen Status. Am Ende dieses Tierprozesses wurde die Todesstrafe ausgesprochen und der Scharfrichter exekutierte das Schwein am Richtplatz.

Streunende Hunde

Ein weiteres großes Problem für viele Städte waren die streunenden Hunde. Zwar waren nicht alle von ihnen wirklich herrenlos, viele Halter haben sich einfach nicht um ihr Tier gekümmert. Vor allem Metzgern wurde vorgeworfen, zu viele Hunde zu halten. Die zum Treiben des Schlachtviehs und mit Schlachtabfällen gefütterten „Bullenbeißer“ (doggenartige Hunde) waren besonders aggressiv und bissig. Sehr zum Leidwesen einiger Menschen. Es kam zu vielen Unfällen, wobei oft nicht mal ein Hundehalter ermittelt werden konnte. Als erste Maßnahme um die Straßen sicherer zu machen, wurden vielerorts Hundeschläger (meist der örtliche Scharfrichter) beauftragt, die mit Keulen oder Steinen alle streunenden und nicht gekennzeichneten Hunde erschlagen sollten. Bezahlt wurden die Hundeschläger übrigens pro erschlagenen Hund. Außerdem gab es mit der Zeit immer mehr Verordnungen zu angemessener Hundehaltung. Beispielsweise durften mancherorts Metzger nicht mehr als zwei Hunde halten und es wurden bissige Hunde auf öffentlichen Straßen und in öffentlichen Einrichtungen verboten.
Das enge Zusammenleben von Mensch und Tier wurde – gerade aus Hygienegründen – seit dem 16. Jahrhundert von der Obrigkeit immer weniger geduldet. Es entwickelten sich Verordnungen und Dekrete, die die als störend empfundenen Tiere nach und nach aus dem menschlichen Alltag verdrängten.

Angeklagt: Hund und Katz, Wolf und Spatz – Tiere in der Rechtsgeschichte
Holzschnitt zu Wanderheuschrecken, in: H. Schedel, Liber Chronicarum, Nürnberg, 1493. © MKM

Klägliche Versuche

Ernte- und Vorratsschädlinge waren eine beständige Last und Bedrohung für die Menschen. Heuschreckeneinfälle oder Schneckenplagen führten schnell zu Missernten, Hunger und Not. Die Menschen in vormoderner Zeit hatten kaum eine Chance, großen Schädlingsbefall ernsthaft zu bekämpfen. Im Mittelalter wurden Ungezieferplagen und Naturkatastrophen als Strafe Gottes gesehen, worauf unsere Vorfahren mit Gottesdiensten, Buß- und Bittgängen reagierten. Die großen Heuschreckenplagen ab 1338 beispielsweise galten als Vorboten des Jüngsten Gerichts. Ein amtliches Verbot für öffentliche Tänze, Würfel- und Kartenspiel sollte gegen die Plagen helfen. Durch einen „besseren“ Lebensstil erhofften sich die Menschen die Gnade Gottes. Oder sie versuchten die noch jungen, nicht flugfähigen Heuschrecken mit Feuer und Knüppelschlägen – wie beispielsweise in Kärnten – zu bekämpfen.
In manchen europäischen Regionen wollten die Menschen die Schädlinge sogar gerichtlich zur Verantwortung ziehen. Heuschrecken, Schnecken, Mäuse und Co wurden als Rechtsbrecher angesehen, die mit einem Prozess rechnen mussten. Aus dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit sind viele dieser Prozesse überliefert. Die regelmäßig vor geistlichen Gerichten geführten Verfahren endeten typischerweise mit der Verbannung und/oder der Verfluchung des angeklagten Schädlings.

Angeklagt: Hund und Katz, Wolf und Spatz – Tiere in der Rechtsgeschichte
Nachkolorierter Holzschnitt zu den Hexeneigenschaften und -tieren, in: Neuer Laienspiegel, Augsburg, 1511. © MKM

Zumindest eingermaßen gewappnet waren die Menschen für einzelne Mäuse in Haus, Stall oder Scheune. Dafür wurden Katzen eingesetzt. Bei massenweisem Auftreten von Nagetier im Garten oder auf den Feldern waren aber auch die Katzen chancenlos. Hier versuchten unsere Vorfahren durch mühseliges Einfangen der Schädlinge, Aufstellen von Fallen oder das – für Tier und Mensch gefährliche – Auslegen von Giftködern, dem Befall entgegenzuwirken 
Ab dem 16. Jahrhundert tauchen in den Rechtsquellen neue Berufszweige zur Schädlingsbekämpfung auf: Otterjäger, Raben- und Spatzenschützen, die gezielt zur Bekämpfung der schädlichen Tiere eingesetzt wurden.
Im Verlauf der Frühen Neuzeit entdeckten die Menschen dann eine weitere Ursache für die Schädlinge: Die Hexerei. Im 17. Jahrhundert – Höhepunkt der Hexenverfolgung in Deutschland – kam es vermehrt zu Hexenprozessen, in denen den Angeklagten vorgeworfen wurde, Ungeziefer herbeigezaubert zu haben.

Angeklagt: Hund und Katz, Wolf und Spatz – Tiere in der Rechtsgeschichte
Collage Tiere in der Rechtsgeschichte © MKM

Sonderausstellung im Kriminalmuseum

In der Zeit reisen und hautnah miterleben, wie Mensch und Tier in alter Zeit ihren oft harten und beschwerlichen Alltag gemeistert haben, bleibt vorerst nur ein Wunsch. Wer aber nicht so lange warten kann, bis dies vielleicht doch irgendwann möglich ist, kann das Mittelalterliche Kriminalmuseum in Rothenburg ob der Tauber besuchen. Mit der Jübiläums-Sonderausstellung 2020 präsentiert das Kriminalmuseum – zusätzlich zur Präsenzausstellung –  seinen Gästen einen tiefen Einblick in das Verhältnis von Mensch und Tier im Mittelalter und der Frühen Neuzeit. „Hund und Katz – Wolf und Spatz: Tiere in der Rechtsgeschichte“ entführt seine Besucher in eine fremde Zeit der Tierprozesse und Tierstrafen. Spannende Mordprozesse mit Wölfen und Schweinen als Angeklagte, exkommunizierte Delfine und verfluchte Heuschrecken. Eine Zeit, in der die Obrigkeit ein Kopfgeld auf Spatzen und Mäuse ausgesetzt hat. In der Tiere nicht nur selbst hingerichtet wurden, sondern auch Beiwerk grausamer Todesstrafen wie dem Hängen mit Hunden, dem Säcken oder Vierteilen waren.
Für alle, die es etwas weniger grausam mögen, gibt es aber auch Exkurse zum Nutztier und zu Hexen-, Fabel- und Wappentieren zu sehen.    

Für einen kleinen Einblick vorab könnt ihr dieses kurze Video anschauen: Der BR Franken hat sich die Sonderausstellung angeschaut und dabei Museumsdirektor Dr. Markus Hirte zu seinem Lieblingsstück der Jubiläumsausstellung interviewt.

Die Ausstellung „Hund und Katz – Wolf und Spatz: Tiere in der Rechtsgeschichte“ kann vom 3. Mai bis einschließlich 31. Dezember 2021 täglich besucht werden. Die Öffnungszeiten können pandemiebedingt variieren. Bitte informieren Sie sich über die tagesaktuellen Öffnungszeiten unter www.kriminalmuseum.eu.

Mittelalterliches Kriminalmuseum
Burggasse 3-5
91541 Rothenburg o.d.T.
Tel. 09861 5359

Ein Gastbeitrag von Markus Hirte & Tim Weißmann, Mittelalterliches Kriminalmuseum
Rothenburg o.d.T.

mehr Museumsperlen für dich

Wir verwenden Cookies bei deinem Besuch auf unserer Webseite. Indem du unsere Webseite benutzt, stimmst du unseren Datenschutzrichtlinien zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Privacy & Cookies Policy