Home Ausflugsperlen Woher | Wohin – vom passenden Schlüssel und dem schönsten Ort der Welt…

Woher | Wohin – vom passenden Schlüssel und dem schönsten Ort der Welt…

by Sabine Wieshuber

„Was braucht ein Ort, damit du dich zuhause fühlst?“ Diese Frage stellten Dominik Pesamosca und Jannis Seifert den Menschen auf einer Reise kreuz und quer durch Unterfranken.
Der Startpunkt ihrer Tour war Würzburg, die Stadt in der „Woher | Wohin. Eine Ausstellung vom Ankommen und Weggehen“ vom 5. Dezember 2019 bis 22. März 2020 zunächst im Museum für Franken gezeigt wird. Danach geht die Schau zum Nachdenken und Mitmachen passend zu ihrer Thematik selbst auf Wanderschaft und wird in verschiedenen Museen und Kultureinrichtungen in Unterfranken präsentiert werden.
Hier auf den Museumsperlen gewähren die beiden rasenden Reporter uns einen exklusiven Blick hinter die Kulissen, wie sie die Statements für die Ausstellung zusammengetragen haben. Sie erzählen, was sie „on the road“ erlebt und auf Marktplätzen und Straßen erfahren und aufgeschnappt haben.

Ein Gastbeitrag von Dominik Pesamosca, Bezirk Unterfranken

Sommer 2019 und 900 Kilometer innerhalb von acht Tagen: Bad Neustadt, Haßfurt, Aschaffenburg, Karlstadt, Kitzingen, Miltenberg, Bad Kissingen und Schweinfurt waren unsere Ziele. Alles was wir uns von unseren Gesprächspartner*innen erhofften, war eine schriftlich fixierte Antwort auf die Frage „Was braucht ein Ort, damit du dich zuhause fühlst?“ sowie jeweils ein Porträt der Befragten. Wir wollen damit das Thema der Ausstellung in den digitalen Raum tragen. Durch das Erzählen von persönlichen Geschichten wurde es den Bürgerinnen und Bürgern außerdem ermöglicht, Teil des Entstehungsprozesses der Ausstellung zu sein. Theoretisch gesprochen. Praktisch wurde es dann interessanter: wir stellten die Frage nach dem Zu-Hause-Gefühl. Denn dazu kann jede*r etwas sagen, Vorkenntnisse zu diesem Thema ergeben sich zwangsläufig aufgrund menschlicher Empfindung.

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Den Sommer lang auf Achse: Jannis Seifert on Tour durch Unterfranken. Foto: Dominik Pesamosca, Bezirk Unterfranken

Wie haben wir uns präsentiert?

Als Durchführungsort hatten wir uns den Marktplatz oder eine zentrale Stelle des jeweiligen Ortes ausgewählt. Im Vorfeld unserer Rundreise nahm ich mit den jeweils zuständigen Ordnungsämtern Kontakt auf. Manchmal reichte eine mündliche oder kurze schriftliche Anfrage, teils musste ich auch ein Formular ausfüllen, um unser Anliegen zu beantragen. An unserem Ziel angekommen, errichteten wir einen mobilen Wegweiser und nahmen Kamera sowie Klemmbrett in die Hand. Weitere Utensilien waren ein Rollkoffer sowie ein Globus, den wir in Form eines aufblasbaren Wasserballes präsentierten. Mit unserem Equipment waren wir auf dem Marktpatz nicht zu übersehen. So kam es zu einer ersten Kontaktaufnahme ab und zu auch schon deswegen, weil Passant*innen auf uns zukamen, um den Grund unseres Aufmerksamkeit-erregenden Erscheinungsbildes zu erfragen oder einfach nur neugierig zu beobachten.

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Zwei Männer, eine Mission: Jannis Seifert (links) und Dominik Pesamosca (rechts) auf dem Würzburger Marktplatz, Startpunkt ihrer Unterfranken-Umfrage. Foto: Anne Kraft, Bezirk Unterfranken

Wer hat alles mitgemacht?

In der Regel haben wir jedoch den ersten Schritt gemacht und sind auf die Bürger*innen zugegangen: „Darf ich Sie kurz stören?“ oder „Lust, bei einer Ausstellung mitzuwirken?“. Entgegen unserer Vermutungen im Vorfeld, wonach wir mit eher wenig Interesse oder Abwehr rechneten, waren die Gesprächspartner*innen sehr oft bereit, uns eine Antwort zu geben. Natürlich war oft auch nur „Nein, ich hab jetzt keine Zeit“ als Entschuldigung zu hören. Womöglich wäre der Zusatz „…und Lust“ noch zutreffender, was sich aber aufgrund nicht vorhandener Kommunikation nicht beweisen lässt. Hindernisse im Prozess stellten sich oftmals dann in den Weg, als wir unsere Bitte kundtaten, ein Porträtfoto machen zu wollen: „Nein, also Foto auf keinen Fall.“ „Nee, möchte ich nicht“. Zumeist half dann unser Entgegenkommen, indem wir eine Anonymisierung vorschlugen und dazu bereit waren, unsere Interviewten mit dem Globus oder dem Koffer vor dem Gesicht oder in der Hinter-Kopf-Perspektive ablichteten. Wir stellten fest, dass vor allem ältere Damen und Herren Porträts kategorisch ablehnten.

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Unsere erste Gesprächspartnerin beantwortete unsere Frage ganz spontan: „Damit ich mich zuhause fühle, brauche ich Freunde und Bekannte an dem Ort. Außerdem eine Kultur, die mir entweder nahe ist oder die mich und meine Werte zulässt.“ Foto: Jannis Seifert, Museum für Franken

Das Durchschnittsalter lag rückblickend bei gut 44 Jahren. Wie vorher vermutet, trafen wir beispielsweise in einer Studentenstadt wie Würzburg eher jüngeres Publikum an. Vor allem in ländlicheren Regionen wie in Bad Neustadt oder Bad Kissingen standen uns hingegen ältere Ansprechpartner*innen Rede und Antwort. Auch viele Tourist*innen gaben uns bereitwillig Auskunft. Erwähnenswert ist auch das Zusammenspiel mit den örtlichen Pressevertreter*innen. So berichteten sie in einigen Orten nicht nur im Nachhinein über unsere Aktion, sondern machten auch schon im Vorfeld auf unsere Gegenwart aufmerksam. Das führte sogar dazu, dass wir aufgrund solcher Berichte gezielt aufgesucht wurden und ein Statement abholen konnten.

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Was kam dabei heraus?

Am Ende unserer Tour hatten wir 133 Statements und Porträts gesammelt. Unsere Erwartungen von fünf bis zehn brauchbaren Zitaten pro Ort wurden weit übertroffen. Dabei kristallisierte sich heraus, dass vor allem sozialen Kontakte – seien sie familiärer oder freundschaftlicher Natur – das Wichtigste ist, um sich an einem Ort zuhause zu fühlen. Kreativ waren zum Beispiel Antworten in Miltenberg, wo uns „ein passendes Schlüsselloch für meinen Schlüssel“ erwidert wurde, oder in Bad Kissingen, wo uns die Rhön als „schönster Ort der Welt“ angepriesen wurde. Häufig blieb es aber nicht nur beim Austausch des Zitates – viele Bürger*innen verspürten das Bedürfnis, uns aus ihrem Leben zu erzählen, philosophierten mit uns über den Unterschied zwischen Heimat und Zuhause oder teilten uns in teils heiklen Gesprächen ihre Ansichten von einer Überfremdung ihres Wohnortes mit. Wir haben diskutiert, zugehört, nachgehakt, interviewt, geschlichtet, erklärt, vermittelt – und kehrten am Ende des Tages erschöpft, zufrieden und mit unzähligen Antworten im Gepäck in unsere Homebase Würzburg zurück.

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Was nehmen wir für uns mit?

Neben den Zitaten haben wir vor allem viele wertvolle Eindrücke und Begegnungen gesammelt. Vor allem ältere Gesprächspartner*innen haben uns mit ihren klaren Aussagen über das, was wirklich wichtig ist, um sich wohl und Zu-Hause zu fühlen, sehr beeindruckt. Außerdem halfen uns die bereits angesprochenen, heiklen Konversationen zum Beispiel dabei, unsere Haltung zu hoch-politischen Themen immer wieder aufs Neue zu reflektieren und haben uns darin geschult, auch komplizierte Gespräche führen zu können. Aus diesem Grunde sollten die Auseinandersetzungen mit teils populistischen Ansichten einzelner Bürger*innen Teil unserer persönlichen Bildungs-Reise sein. Wir waren uns darin einig, dass wir uns diesen Meinungen nicht von vornerein komplett verschließen sollten. Das Fehlen fremdfeindlicher Zitate in unserer Sammlung liegt allerdings nicht an einer Zensur durch uns, sondern schlicht und ergreifend an der Tatsache, dass diese niemand schriftlich und mit Foto abgeben wollte.

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Wo sind unsere Beiträge zu sehen?

Die aufgenommenen Porträts werden gemeinsam mit dem zugehörigen Zitat auf unterschiedlichen Plattformen in und während der Ausstellung gezeigt. Zum einen erfolgt dies in Form einer digitalen Präsentation vor Ort, zum anderen werden in diesem Zeitraum die sozialen Medien des Museums für Franken mit den Porträts befüllt. Die zentrale Frage der  Aktion darf dann auch in der Ausstellung selbst gerne beantwortet werden. Zudem ist jeder und jede aufgerufen, ein Statement in den sozialen Medien unter dem Hashtag #woherwohin abzugeben.

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Was ist in der Ausstellung noch zu sehen?

Als bedeutende Handels-, Kultur-, Universitäts-, Industrie- und Grenzregion hatte Unterfranken in der Vergangenheit einen hohen Grad an Wanderbewegungen zu verzeichnen – und einen besonders deutlichen Zugewinn an kulturellen Einflüssen und inspirierendem Austausch. Die Ausstellung des Bezirks Unterfranken zeigt beispielhaft Geschichten aus unterschiedlichen Epochen – von den irischen und schottischen Wandermönchen wie dem Heiligen Kilian, Schutzpatron der Franken, über Amerika-Auswander*innen Anfang des 20. Jahrhunderts und Arbeitsmigrant*innen seit den 60ern bis hin zum aktuellen Zuzug von Geflüchteten.

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Die Welt liegt uns zu Füßen… wenn wir sie mit anderen teilen. Foto: Dominik Pesamosca, Bezirk Unterfranken

All diese Reisebewegungen machen deutlich, dass Mobilität, Fluktuation, Wandel und kultureller Austausch seit Jahrhunderten prägende Elemente unserer Gesellschaft sind. Egal ob nun Menschen sich freiwillig oder gezwungenermaßen, auf der Suche nach Arbeit, Freiheit, Schutz oder Sicherheit, aus Not, Abenteuerlust, Liebe oder Neugier sich auf den Weg machten: Migration ist in der Geschichte der Menschheit etwas völlig Normales.
Das zeigen auch die Exponate, Wandtafeln und medialen Inszenierungen, die zur Visualisierung der Thematik beitragen. Die Besucher*innen dürfen auch selbst aktiv werden und zum Beispiel ihr Wissen über ein- und ausgewanderte Wörter testen.
Weitere Infos zur Ausstellung und das Begleitprogramm an Führungen, Filmabenden, Familiennachmittagen und Symposien findet ihr unter: www.bezirk-unterfranken.de/ausstellung-woher-wohin.

Wir sind gespannt auf eure Meinung: wo ist für euch „zu Hause“? Was bedeutet Heimat für euch? Was braucht ihr, damit ihr euch irgendwo „angekommen“ fühlt? Macht mit und schreibt uns, was euch derzeit bewegt unter #woherwohin auf Instagram!

Gastbeitrag von Dominik Pesamosca. Er studierte Europäische Ethnologie und Spanische Philologie in Würzburg, hat in diesem Frühjahr erfolgreich das Masterstudium abgeschlossen und ist wissenschaftlicher Volontär im Referat Kulturarbeit und Heimatpflege des Bezirks Unterfranken.

Abb. ganz oben: das Equipment vor dem Schloss in Aschaffenburg. Foto: Dominik Pesamosca, Bezirk Unterfranken

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